Vom Ton zur Keramik – die Geschichte der Fliese

Teppich aus Stein

Die Herstellung keramischer Fliesen und ihrer Dekore hat eine mehrere Jahrtausende alte Tradition. Ausgehend von ihrer Ursprungsregion im Orient haben Fliesen sich erst ab dem 12. Jahrhundert in Europa verbreitet.

Jahrtausende alte Keramikfunde belegen – der Mensch hat bereits in der Steinzeit getöpfert und schon lange vor Christi Geburt Böden mit Ziegelfliesen geschmückt. Die ältesten Fundstücke glasierter und unglasierter Ziegel weisen darauf hin, dass es wohl Kunsthandwerker im Vorderen Orient und in Nordafrika waren, die als erste auf die Idee kamen, aus den Zutaten Ton, Kaolin, Quarz und Feldspat flache Tonscherben zu backen und damit Böden und Wände von Tempeln und Palästen zu bekleiden. Auch die Römer verstanden es, ihre Wohnräume und Thermen mit einfachen Belägen bis hin zu beheizbaren Ziegelböden auszustatten.

Orientalische Fliesenkunst

Zu einer regelrechten Blütezeit in der Geschichte der Fliese kam es im Vorderen Orient, nachdem Mohammed (um 570–632 n. Chr.) die Religion des Islam begründet hatte. Da der Glaube bildliche Darstellungen religiösen Inhalts verbot, konzentrierte sich die islamische Keramikkunst auf das Ornament. In Persien reiften sämtliche Herstellungstechniken der Fliesendekoration zur Perfektion. Typisch für die persischen Wandfliesen ist das leuchtende Türkis mit geometrischen Mustern. Mit der Ausbreitung des Islam durch den Einfall der Mauren auf die Iberische Halbinsel und nicht zuletzt aufgrund der aufkommenden Handelsbeziehungen zwischen Abend- und Morgenland erreichte die kunstvolle orientalische Keramik dann auch Europa: Die Spanier übernahmen die Techniken der Araber und legten mit ihren „Azujelos“ (abgeleitet vom arabischen Al Zulaij = kleiner polierter Stein) den Grundstein für die europäische Fliesenkunst. Bald bezog der gesamte Mittelmeerraum Fliesen in hervorragender Qualität aus den Werkstätten von Valencia, Manises und Paterna. Die kleine Insel Mallorca wurde wichtiger Umschlagplatz für die zu exportierende Keramik, worauf auch die Bezeichnung „Majolika“ für italienische Fayencefliesen zurückgehen mag. Italien war ein wichtiger Abnehmer der iberischen Keramik, wovon bis heute landauf, landab viele imposante Fliesenböden in Kirchen und Palästen zeugen.

Niederländische Fayencen

Die römisch-lateinischen Techniken der Fliesenproduktion waren zunächst weniger kunstvoll und beschränkten sich im Mittelalter auf Mosaik, Einlegearbeiten, Sgraffito und Relief. Bald schwächten neue Porzellanmanufakturen und die aufkommende Chinamode den traditionellen mediterranen Fliesenabsatz, weshalb sich viele der italienischen Töpfer andernorts niederließen.

Eine besondere Anziehungskraft ging von der Stadt Antwerpen aus, die mit Italien eine lebhafte Handelsbeziehung pflegte. Hier entwickelte sich im 16. Jahrhundert die Kunst der Fayencen zu einem neuen Höhepunkt – binnen kurzer Zeit waren die zinnglasierten Fliesen in ganz Nordeuropa bekannt und begehrt. Die weiße, undurchsichtige Glasur konnte in vielen Farben bemalt und aufglasiert werden. Da sich die dünne Glasur bei Bodenfliesen aber schnell abnutzte, verwendete man sie vornehmlich zur Bekleidung von Wänden in Küchen, Treppenhäusern und für Kamine. Wer es sich leisten konnte, ließ sich seine Wohnräume mit wandhohen, handgemalten Fliesentableaus ausstatten, die detaillierte Szenen aus dem Leben, Kirchenheilige oder Landschaften abbildeten. Aufgrund der großen Nachfrage schossen die Fayence-Werkstätten in den Niederlanden wie Pilze aus dem Boden – bedeutende Standorte waren zum Beispiel Amsterdam, Delft, Rotterdam und Utrecht, die auch für den Export eine wichtige Rolle spielten. Nach 1625 war für die Bemalung der Fliesen aufgrund der Chinamode nur noch eine Farbe en vogue: Blau. Das machte die Fayencefliesen preiswerter und befeuerte deren Verbreitung nochmals – die niederländischen Fliesen beeinflussten die Wohnkultur Nordeuropas fast 300 Jahre lang, speziell in Deutschland und Dänemark.

Relieftechnik in Deutschland

In Deutschland kann die Geschichte der Fliese in vier Perioden eingeteilt werden: das Mittelalter, die Zeit der Renaissance, die Periode des Imports holländischer Fayencen und schließlich die Ära der frühindustriellen Fertigung von Fliesen. Was die Fliesenkultur angeht, stand das europäische Mittelalter dem Altertum in nichts nach, wenngleich sich die Schmuckziegelproduktion niemals mit dem Orient messen konnte. Nachdem mit dem Untergang des römischen Reiches auch der keramische Bodenbelag in Mitteleuropa nahezu in Vergessenheit geraten war, beschränkte sich im 12. und 13. Jahrhundert die Verzierung von Böden in Kirchen und Repräsentationsbauten auf inkrustrierte Fliesen und Estriche. Dazu wurden Zeichnungen in den erhärtenden Ton oder Estrich eingeritzt und die Vertiefungen mit eingefärbtem Tonschlicker oder Mörtel verfüllt. Besonders während der Renaissance kamen in Deutschland als einzigem mitteleuropäischen Land kunstvoll geformte Relieffliesen in Mode, während zum Beispiel in Frankreich, England und Italien die Einlegetechnik (Mosaik) vorherrschend war. Bei der Relieftechnik wurden in den noch feuchten Ton ein Muster ein- oder aufgeprägt, anschließend im Brand gehärtet und eventuell mit einer Bleiglasur überzogen. Ausgehend vom Elsass hatte sich die Relieftechnik im 12. Jahrhundert ins Rheinland, nach Friesland und von dort weiter nach England verbreitet und hielt sich bis ins 18. Jahrhundert. Mit dem einsetzenden Import niederländischer Fayencen und dem zunehmenden Einfluss der Porzellanmanufakturen brach mit den „Delfter Fliesen“ in Deutschland ein neues goldenes Zeitalter für Fliesenkeramik an. Deutsche Manufakturen begannen, die holländischen Vorbilder zu kopieren, was ihnen jedoch nur mehr schlecht als recht gelang, obwohl sich in fast jeder Fliesenwerkstatt ein holländischer Arbeiter (möglichst aus Delft) fand, der als Chefnachahmer den „Ton“ vorgab. Jedoch blieb das Design steif, die Farben waren oft grell und wenig geschmackvoll. Es ließ sich nicht verbergen, dass Fliesen in Deutschland eigentlich schon immer nur ein Nebenprodukt der Keramikindustrie waren.

Historische Fliesen in Rekonstruktion und Denkmalpflege

Wer heute bei der Instandsetzung von Gebäuden auf alte Fliesen an Wand oder Boden stößt, wo hier und da ein Exemplar beschädigt ist oder fehlt, findet hierzulande viele kleine wie große Manufakturen, die entweder die in Material, Form und Farbe passende Fliese im Programm haben, spezielle historische Kollektionen führen und ab bestimmten Mengenabnahmen Fliesen nach Vorgabe individuell anfertigen. Da solche Kleinserien in der Regel sehr teuer sind, kann es sich auch lohnen, Spezialfliesenhändler aufzusuchen, deren Regale mit nicht mehr lieferbaren Alt- und Restbeständen, antiken Fliesen, Einzelstücken und Ersatzfliesen gut bestückt sind.

Autor: Klaus Siegele

Literatur und Quellen:

[1] Joliet, Wilhelm, Die Geschichte der Fliese, Verlag Rudolf Müller, Köln 1996
[2] Forrer, Robert, Die Geschichte der europäischen Fliesenkeramik vom Mittelalter bis zum Jahre 1900, Straßburg 1901
[3] Koller, Gabriele, Schönheit aus dem Feuer – Fliesenkunst aus acht Jahrhunderten, Deutscher Kunstverlag, München Berlin 2006

[4] Berendsen, Anne et al, Fliesen – eine Geschichte der Wand- und Bodenfliesen, Keysersche Verlagsbuchhandlung, München 1964