Die Entwicklung des Schieferdachs

Das Graublaue Gold der Eifel

Viele Altbauten sind in kunstvoller Verlege-technik mit handgearbeiteten Schieferplatten eingedeckt. Einst als simples Steinlegedach gestartet, wurde der graublaue Schiefer erstmals von den Römern in dünne Platten gespalten. Im Mittelalter verfeinerten die »Leyendecker-Zünfte« das Deckbild der Schieferdächer und brachten den in der Region Mayen abgebauten Moselschiefer zu Weltruhm, dessen hohe Qualität bis heute Bestand hat.

Text: Klaus Siegele

Ein filigranes Dach aus Schieferplatten galt schon bei den Römern als edle Variante zum antiken Ziegeldach aus Tegula und Imbrex. Es waren deren findige Baumeister, die sich überlegten, wie das bis dahin übliche Steinlegedach, massiv und statisch von Gewicht, durch das saubere Aufspalten des dunklen Schiefergesteins in ein bis zwei cm dünne Platten verschlankt und ästhetisch verfeinert werden kann. Die römischen Dachdecker waren sodann auch nachweislich die ersten, die geometrisch zugerichtete Schieferplatten im geschlossenen Verband und nach festen Verlegeregeln auf den Dächern wichtiger Bauten und Wehranlagen verlegten. Anders als Ziegelsteine, die quasi überall vor Ort gebrannt werden konnten, war der begehrte Schiefer indes nicht so ohne weiteres zu haben. Die Cäsaren ließen es sich daher einige Sesterzen kosten, um die schweren Schieferblöcke von den Abbaustätten – vorzugsweise im Rhein- und Moselgebiet – per Schiff zu den Baustellen im weiten römischen Reich zu ordern. Mit dessen allmählichem Niedergang um 450 n. Chr. geriet auch die Kunst der Schieferdeckung für lange Zeit in Vergessenheit. Erst um 1100 geben Hinweise auf »Leyendecker-Zünfte« (alte Bezeichnung für Schieferdecker) im Trierer Raum einen ersten Anhaltspunkt darauf, dass Schiefer auf gutem Weg war, als Bedachungsmaterial eine Renaissance zu erfahren. Das Handwerk im Mittelalter verfeinerte die Bearbeitungs- und Verlegetechniken der Römer weiter und führte die Kunst der Schieferdeckung zu einer zuvor nie dagewesenen Blüte. Statt einfachen geometrischen Formen, wie zum Beispiel die in der Römerzeit vorherrschenden Spitzwinkel, überwogen nun Altdeutsche Schieferformate (Schuppenform), und es entwickelten sich – mangels Dichtungsmitteln und Blechen – handwerklich anspruchsvolle und sehr ästhetische Dachdetails. Nach und nach begannen Schieferdächer in einzelnen Regionen des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation die Strohdächer zu verdrängen. So sind 1363 in den Zunftaufzeichnungen von Trier 24 Schieferdecker verzeichnet und nur ein Strohdecker.
Das Gold der Eifel
Bis heute besonders geschätzt ist der erstmals im Jahr 1588 urkundlich erwähnte Moselschiefer aus den Bergwerken im Raum Mayen-Koblenz. Seinen Namen, der weltweit für eine außergewöhnlich hohe Qualität steht, bezog er aus dem Umstand, dass er über die Mosel verschifft wurde. Mit dem »Gold der Eifel« sind viele berühmte Bauwerke eingedeckt, darunter zum Beispiel die Burg Eltz oder das Holstentor. Um das begehrte Gestein zu gewinnen, hat man sich im Moselschiefer-Bergwerk Katzenberg inzwischen auf die zehnte Sohle hinabgearbeitet, die mit 360 m Tiefe bereits unter dem Niveau des Meeresspiegels liegt. Die größte Schiefer-Untertage-Abbaustätte der Welt (»La Fraguiña«) liegt in Spanien, etwa 200 km von Santiago de Compostela entfernt.
Entstanden ist das Sedimentgestein Schiefer vor 350 bis 400 Mio. Jahren aus feinstem Tonschlamm. Hitze, Druck und geologische Verwerfungen haben im Lauf der Jahrmillionen daraus ein Gebirge entstehen lassen. Bei diesen tektonischen Verschiebungen wurden die ursprünglichen Tonminerale entlang der feinen Scherflächen gedehnt und kristallisierten zu höherwertigen, plättchenförmigen Mineralien (Glimmer). Die Qualität eines Schiefers bemisst sich dabei aus dessen Struktur: der Schieferung. Je nachdem, wie gleichmäßig die Minerale entlang der Schieferung ausgerichtet und untereinander verzahnt sind, wie ihre Dichte bemessen ist und sich der mikroskopische Aufbau darstellt, entpuppt sich das Gestein als mehr oder weniger wertvoll. Ein sehr hochwertiger Schiefer zählt beispielsweise bis zu 90 Schichten pro mm, die alle von einzelnen Glimmerlagen unterbrochen sind! Diese verleihen dem Schiefer den feinen seidigen Glanz. Dessen Farbe hängt von der Zusammensetzung des Gesteins und dessen Entstehungsgeschichte ab: Am verbreitetsten ist graublauer Schiefer, relativ selten ist hingegen grünes Schiefergestein, das auf dem Schicht- beziehungsweise Blattsilikat Chlorit basiert (nicht zu verwechseln mit dem Salz »Chlorid«). In vielen Schieferbergwerken und -steinbrüchen findet sich unmittelbar neben grünem auch roter Schiefer, dessen Färbung auf das Mineral Hämatit zurückgeht. Zuweilen gibt es sogar grün-rot gestreifte Varianten oder roten Schiefer mit grünen Punkten.
Herstellung und Verlegung
Innerhalb der Schichtung ist Schiefergestein im bergfeuchten Zustand spaltbar – heutzutage sind Spaltdicken von etwa fünf Millimeter üblich. Die großen, aus dem Berg gesägten Blöcke werden zunächst in handliche Formate geteilt und entweder frei mit der Hand (Altdeutsche Deckung) oder maschinell (Rechteck- oder Schuppendeckung) zugerichtet. Nach dem Aufwand für die Bearbeitung, der Anzahl der Steine und der Art der Verlegung richtet sich auch der Preis für ein Schieferdach: Für eine klassische Altdeutsche Deckung aus handgeformten Schieferplatten braucht es zwischen 40 und 100 Steinen pro m2, was ab 100 Euro/m2 für Material und Arbeitslohn kostet. Günstiger ist eine Bogenschnittdeckung aus maschinell hergestellten Platten, für die 20 bis 40 Steine je m2 ausreichen und die komplett ab 60 Euro/m2 zu haben ist. Die Verlegung erfolgt nach den »Regeln für Deckungen mit Schiefer« einschließlich Produktdatenblatt Schiefer, aufgestellt vom Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks e. V., sowie nach den Grundregeln des Deutschen Dachdeckerhandwerks. Die Schieferplatten werden je nach Deckart auf eine ›
› nagelbare, biegesteife Holzschalung aus Brettern (mind. 24 mm dick) oder – bei Rechteckdeckungen – auf einer Dachlattung verlegt. Auch Holzwerkstoffplatten kommen als Unterlage infrage; diese müssen aber mindestens 22 mm dick sein. Inzwischen gibt es auch Aufsparren-Dämmsysteme, die eigens für Schieferdächer entwickelt wurden. Die Sandwichelemente auf PUR-Basis sind mit DWD-Platten beplankt, auf die der Schiefer direkt genagelt wird. Als Befestigungsmittel eignen sich spezielle feuerverzinkte Schiefernägel, Kupfer- und Edelstahlstifte sowie für Rechteckdeckungen auf Lattung auch Klammern. Vollschalungen werden mit einer Vordeckung, mindestens V13 und höherwertiger, beziehungsweise dampfdiffusionsoffener Unterspannbahn für die Beschieferung vorbereitet. Eine besondere Art der Befestigung ist die Direktnagelung auf Porenbeton oder Bimsstein. Aufgrund ihrer Kleinteiligkeit haben sich Schieferdeckungen in Verbindung mit den besonders auszugsfesten Schiefernägeln als besonders sturmfest bewährt.
Historische Deckarten für Dächer
Die hierzulande handwerklich wohl schwierigste Deckung überhaupt ist zweifellos die Altdeutsche Deckung. Diese »Königin der Deckarten« besticht durch kunstvoll eingebundene Anfang- und Endorte, Trauf- und Firstgebinde sowie durch ihre handwerklich anspruchsvollen Kehlausbildungen. Die Ästhetik der Altdeutschen Deckung geht maßgeblich auf die sich verjüngenden Gebinde zurück, wonach der Deckstein jeweils von derTraufe zum First hin immer kleiner wird. Auch die verschieden breiten Steine, die mit Übersetzungen von zwei kleinen auf einen großen Stein in die Dachfläche eingebunden werden, machen die Altdeutsche Deckung für historische und denkmalgeschützte Gebäude zum Favoriten, wenn Schiefer als Bedachungsmaterial infrage kommt. Die Richtlinien geben für eine Altdeutsche Doppeldeckung eine Regeldachneigung von mindestens 22° vor, für die Altdeutsche Deckung 25°. Dies ist zu beachten, falls das bestehende Dach erstmals mit einer Schieferdeckung in dieser Verlegeart eingedeckt werden soll.
Der Altdeutschen Deckung sehr nahe kommt die Schuppen-Deckung. Die Geometrie der einzelnen Steine basiert auch hier auf dem Rhombus-Format. Im Gegensatz zur Altdeutschen Deckung sind hier jedoch alle Steine gleich hoch und gleich breit (Schablonen). Es gibt keine Übersetzungen von breiten auf schmale Steine. Das Dach wirkt ähnlich elegant wie eine Altdeutsche Deckung, ist aber insgesamt flächiger und gleichmäßiger, dagegen in den Schieferkehlen zuweilen etwas unruhiger. Als Mindestdachneigung gibt die Richtlinie hierfür 25° vor.
Die wohl preisgünstigste Schieferdeckung ist die Bogenschnitt-Deckung, deren Steine auf einem Quadrat mit einer bogenförmig abgerundeten Ecke basieren. Diese Deckart kann nach links, rechts und auf dem Bogen stehend verarbeitet werden. Sie ist vielseitig verwendbar und reduziert die Lagerhaltung erheblich. Bei dieser Deckart sollte die bestehende Dachneigung ebenfalls mind. 25° aufweisen.
Die Rechteck-Doppeldeckung aus rechteckigen Steinen gehört im zusammenrückenden Europa zu den Klassikern der Bauge- schichte und ist vor allem in Benelux, Frankreich, Spanien, England und auch in den USA verbreitet. Viele großartige und sehenswürdige Bauten der Franzosen (Louvre, Versailles) und Engländer (Palace of Westminster) sind damit eingedeckt. Das klare Format passt aber auch zu vielen modernen Bauten und etabliert sich zunehmend auch in Deutschland. Als entscheidender Vorteil dieser Deckart gilt die schnelle Verlegung, die sich im Verbund mit kostengünstiger Herstellung, vereinfachtem Transport und reduzierter Lagerhaltung auch preislich niederschlägt (Regeldachneigung ab 22°).
Die rechteckigen Steine gibt es darüber hinaus in verschiedenen, im Deckbild sehr unterschiedlichen Ausführungen: Coquettes sind Rechtecke mit einer komplett abgerundeten Steinseite, die in der Sichtfläche ein absolut rundes Deckbild ergeben (Regeldachneigung 22°). Octogones sind Rechtecke, deren Ecken auf unter 45° gestutzt sind und die im Deckbild auf dem Dach einer Bienenwabe ähneln. Bei der Spitzwinkel-Schablone wird das Quadrat auf die Spitze gestellt, wodurch ein rautenförmiges Deckbild entsteht (Regeldachneigung ab 30°).
Die Wilde Deckung ist eine sehr auffällige Deckart, die man hierzulande aber nur sehr selten antrifft. Der Exot stammt vom historischen Steinlegedach ab und erfordert einen hoch qualifizierten und gestalterisch begabten Dachdecker. Hier muss jeder Stein einzeln auf dem Dach von Hand zugerichtet werden (Regeldachneigung 25°).
Schiefer als Fassadenbekleidung
Alle Schiefer-Deckarten, die für das Dach geeignet sind, können auch auf Außenwänden verlegt werden. Für stilgerechte Modernisierungen kommen an der Fassade natürlich nur die herkömmlichen, geschwungenen und oft schmückenden Formen der klassischen Deutschen Deckungsarten infrage. Für einen modernen Anbau bieten sich hingegen geradlinige, auf Rechtecken basierende Deckungsarten an. Neben der traditionellen Schindeloptik lassen sich mit den neuen Deckungsarten auch Fassaden in Kreuzfugenoptik umsetzen. An Fassaden müssen die Steine gemäß Fachregeln eine Höhen- und Seitenüberdeckung von mindestens 4 cm aufweisen. Bei den neuen Deckarten stößt vor allem die Dynamische Deckung bei den Architekten auf große Resonanz. Die waagerechten Steingebinde in verschiedenen Höhen und Längen gleichen der Optik eines Bruchsteinmauerwerks. Die Deckung kennt keine sich wiederholenden Deckbilder und wirkt dadurch besonders edel und exklusiv. Was sich indes leider auch im Preis ausdrückt, der mit etwa 100 Euro/m2 aufwärts beginnt.
Die zweite Renaissance des Schiefers
Die wechselvolle Geschichte des Schiefers als Bedachungsmaterial und zur Bekleidung von Fassaden erlebt aktuell wieder eine Renaissance. Die Preise sind günstig, die Auswahl ist groß, und das angestaubte Image der 80er Jahre hat die Branche längst abgelegt. Als in der Nachkriegszeit das große »Schieferbergbau-Sterben« in Deutschland umging, blieben von einst rund 20 kleinen und großen Schiefer-Produktionsstätten nur einige wenige übrig. Der Grund waren veraltete Abbautechniken und ein eingeschränktes Angebot anspruchsvoller und damit handwerklich aufwendiger Deckarten, die in der Zeit des Wiederaufbaus im Wettbewerb zu preiswerten und einfach zu verarbeitenden industriellen Alternativen standen.
Schritt für Schritt wurden die Bergwerke modernisiert und die Produktionsmethoden verfeinert. Neue Technologien unter und über Tage reduzierten die Gewinnungskosten des Schiefers. Der globale Handel hat den Markt zudem in zwei Welten geteilt: Die exklusiven und aufwendig von spezialisierten Fachkräften zu bearbeitenden Steine für die Altdeutsche Deckung werden in Mayen aus dem besonders qualitätsvollen Moselschiefer zugerichtet. Schablonierte Deckarten lassen sich dagegen mit modernen Maschinen preiswerter im Ausland produzieren. •
Vielen Dank an das Unternehmen Rathscheck Schiefer für die vielen Informationen und Fotos. Mehr über die Geschichte, die Verlegetechnik und Allgemeines zum Naturstein Schiefer bieten die Homepage www.schiefer.de und Baunetz Wissen >>> Schiefer (www.schiefer.de). Auch in der Online-Mediathek von Rathscheck Schiefer finden sich viele informative Broschüren und praxisrelevante Arbeitshilfen (Schieferplaner, Ausschreibungstexte) zum Download: www.schiefer.de.
Literatur und Quellen
[1] Punstein, Alwin, und Ottmar Rühle, Schieferdeckung mit Schuppen und Schablonen, Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln 2000
[2] Punstein, Alwin, Altdeutsche Schieferdeckung – Schnürschema und Ausführung, Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln, 2. überarbeitete Auflage, 2005

Historische Baustoffe (S. 136)
Klaus Siegele
Schreinerlehre, Architekturstudium in Karlsruhe. Tätigkeit als Redakteur bei verschiedenen Architekturzeitschriften. 2004 Mitgründung der frei04 publizistik, Stuttgart. Eigenes Architekturbüro in Stettfeld (Baden).