Bauteil Balkon: Statik, Konstruktion, Sanierung

Sitzen statt stürzen

Das exponierte Bauteil Balkon vermag in luftiger Höhe so lange den Unbilden der Witterung zu trotzen, bis Regen, Frost und Sturm an den tragenden Teilen nagen. Welches sind die typischen Tragkonstruktionen im Altbau? Welche Anforderungen stellen sie an die Instandsetzung?

Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert hat sich der Balkon als Stilmittel in der Architektur zu behaupten gewusst und war immer wieder Schauplatz geschichtsträchtiger Ereignisse: Kaiser und Könige, Politiker und Revolutionäre wussten die repräsentative Frischluftplattform stets für ihre Zwecke zu nutzen. Unvergessen die Szene in der deutschen Botschaft 1989 in Prag, als Hans-Dietrich Genscher auf den halbrunden Balkon im ersten Stock trat, um den im Hof campierenden DDR-Flüchtlingen „mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“. Der Rest des Satzes ging im aufbrausenden Jubel unter, und der damit eingeläutete Abriss des Eisernen Vorhangs ist längst Geschichte.
Nicht weniger begehrt sind Balkone im Wohnungsbau. Das zarte und fragile Bauteil Balkon, das über das ganze Jahr ungeschützt den Witterungseinflüssen ausgesetzt ist, will jedoch gepflegt und gut instandgehalten sein. Der verhältnismäßig dünne Baukörper muss Temperaturschwankungen ebenso trotzen wie den Niederschlägen, Schmutzablagerungen und Frosteinwirkungen.

Die schwere Last der sicheren Lastableitung

Die tragende Konstruktion aus Ziegeln, Natursteinen, Stahl oder Gusseisen, Stahlbeton und vereinzelt Holz muss Eigen- und Verkehrslasten sicher ableiten und die waagrecht einwirkenden Kräfte an Brüstung oder Geländer zuverlässig aufnehmen. Wie lange ein Balkon ohne regelmäßige Wartung dem nagenden Zahn der Zeit zu widerstehen vermag, hängt einerseits davon ab, wie exponiert seine Lage am Gebäude ist. Nicht weniger entscheidend aber ist die Bauweise beziehungsweise die Tragkonstruktion.
Ein Balkon, der sich auf massive, aus der Wand kragende Natursteinblöcke (Steinkonsolen) stützt, kommt generell ohne größere Biegespannungen aus. Jedoch erlaubte diese schwere Konstruktion in ihrer frühen Form mit eingespannten „Steinbalken“ nur eine begrenzte Ausladung. Diesem Nachteil begegnete man ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Verstärkungen mit Eisenträgern und -ankern. Allerdings boten der verbaute Sandstein, Porphyrtuff und Kalkstein kaum Korrosionsschutz, was viele dieser Balkone alsbald förmlich zerbröseln ließ.
Ganz anders verhält sich die Lastabtragung bei einseitig eingespannten Eisenträgern beziehungsweise schlanken Balken oder Platten aus „Eisenbeton“, die an nicht einsehbarer Stelle in der Fassade ein Biegemoment erzeugen, das über die Eigenlast der darüber befindlichen Außenwand aufgefangen wird. Je größer die ständige Auflast in der Wand, je breiter das Mauerwerk und je höher dessen Festigkeit, desto größer ist das Biegemoment, dem die Wand widerstehen kann und je weiter kann ein solcher Balkon vor die Fassade treten [1]. Das eifrige Sammeln der Auflast macht jedoch die unvermeidbare Öffnung für die Balkontür zunichte, was durch zusätzliche konstruktive Maßnahmen wie Verankerungen in tiefer liegende Bereiche der Außenwand oder durch Überbrücken der Öffnungen am Boden mit C-Profilen kompensiert werden muss. Die Instandsetzung derartiger Konstruktionen kann sich sehr aufwendig und teuer gestalten, da die Decke in der gesamten Breite des auskragenden Balkons geöffnet werden muss, um an die Tragkonstruktion heranzukommen. Die Wärmebrücke lässt sich nur durch thermische Trennung im Bereich der Einspannung (zum Beispiel Einbau eines Isokorbes) beseitigen.
Weitaus gutmütiger als eingespannte Kragkonstruktionen sind in statischer Hinsicht auskragende Deckenbalken aus Stahlträgern, Stahlbetonbalken oder -platten zu bewerten, die im Inneren des Gebäudes bis zur Mittelwand reichen und über deren Auflast sowie das Auflager an der Außenwand gehalten werden. Nachteil: Die durchgehenden Träger, Balken oder Platten erweisen sich heutzutage als grandiose Wärmebrücken, die in der Regel nur durch vollständiges Einpacken der Tragkonstruktion mit Dämmstoffplatten zu beherrschen sind. Oder man schneidet die auskragenden Deckenbalken ab und ersetzt die alten Balkone durch neue, auf Stützen vor die Fassade gestellte Leichtbaukonstruktionen. Beides Lösungen, die bei denkmalgeschützten Gebäuden kaum in Frage kommen dürften.
Ruhen die Balkonplatten dagegen auf dreieckigen, starren Konsolen aus Stahl oder Gusseisen oder sind sie über Zugstäbe rückverankert, lassen sich die auch hier vorhandenen Wärmebrücken durch Abtrennen der Balkonplatte und thermisches Entkoppeln der Befestigungspunkte leichter entschärfen. Derartige Konstruktionen sind jedoch eher selten anzutreffen; vielfach sind die Tragkonstruktionen und Konsolen derart korrodiert und zerstört, dass eine Rekonstruktion aufgrund des unverhältnismäßig hohen Aufwands nicht zur Debatte steht. Auch in solchen Fällen zeigt sich die ursprüngliche Fassade nach einer Instandsetzung mit einem fremden Gesicht.

Der Balkon als regenexponiertes Bauteil

Größter Feind einer Balkonkonstruktion ist eindringendes Wasser. Viele alte Balkone verfügen entweder über gar keine Abdichtung oder sie ist im Lauf der Zeit brüchig und durchlässig geworden. Wandseitige Anschlüsse und Eindichtungen mit Bitumenpappe sind vielfach rissig und somit nicht mehr funktionsfähig. Die aufgebrachten Gefälleestriche sind infolge der Temperaturschwankungen meistens von deutlich sichtbaren Rissen durchsetzt, über die das Wasser fast ohne Widerstand über Jahre einsickerte und die tragende Konstruktion im Verborgenen korrodieren ließ. Abplatzungen am Putz oder Beton sind klare Hinweise darauf, dass Rost das Volumen von Stahlträger oder Bewehrung kontinuierlich vergrößert und die Standsicherheit in absehbarer Zeit gefährdet ist. Eine weitere, klassische Stelle, an der sich Schäden durch eindringendes Wasser konzentrieren, sind die Fußpunkte von Stahlstützen und Geländerpfosten. Auch hier verweisen Abplatzungen im Verfüllbeton auf fortgeschrittene Korrosion, was durchaus ernst genommen werden sollte. Ein plötzliches Versagen kann durchaus zum Einsturz des gesamten Balkons beziehungsweise zum Absturz der Brüstung führen – einschließlich dessen, der sich gerade an das Geländer angelehnt hat.

Wiederaufbau in durchdachten Schritten

Die Prioritäten bei einer Balkonsanierung richten sich nach dem Gefährdungspotenzial. Ist die Standsicherheit gefährdet, gilt es zunächst, die beschädigte Konstruktion freizulegen und zu ertüchtigen. Je nach Bauart des Balkons müssen Belag, Estrich sowie eventuell vorhandene Abdichtungslagen abgebrochen werden. Holzbalkone sind entsprechend zu demontieren. Sind die korrodierten Stähle, Träger, Bewehrung und Stützen freigelegt, müssen sie fachmännisch entrostet oder bei fortgeschrittenem Stadium der Korrosion ersetzt werden. Danach erfolgt der Wiederaufbau der Konstruktion, in der Regel eine klassische Naturstein- oder Betonsanierung. Bei diesem Schritt ist auf eine dauerhafte Abdichtung zu achten. Anstatt starrer Bitumenpappen oder -dichtungsbahnen empfiehlt sich bei den kleinen Balkonflächen mit den vielen Anschlussdetails eine elastische, rissüberbrückende Flüssigabdichtung mit abschließender Beschichtung. Die Beseitigung von Wärmebrücken kann sich bei Balkonen ausgesprochen schwierig gestalten. Zur Wahl stehen das vollständige Einpacken der Stahlbeton-Kühlrippe mit Dämmstoffplatten, die thermische Trennung der Konstruktion am Übergang zur Wand und der komplette Abbruch mit anschließendem Ersatz durch eine davor gestellte Konstruktion. Jede dieser Lösungen erfordert entweder herbe Eingriffe in den Bestand oder optische Veränderungen an der Fassade, die nicht immer gewünscht sind oder toleriert werden.

Autor: Klaus Siegele


Literatur und Quellen
1 Ahnert, Rudolf, K. H. Krause, Typische Baukonstruktionen von 1860 bis 1960, Band 2, 6. Auflage, Verlag Bauwesen Berlin, Huss Medien, Berlin 2001
2 Klein, Silke Nicole, Martin Pfeiffer, „Balkone“ und „Geländer und Brüstungen“, in: Bauen im Bestand, Schäden, Maßnahmen und Bauteile – Katalog für die Altbauerneuerung, 2. Auflage 2009, Bundesarbeitskreis Altbauerneuerung (Hrsg.), Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln


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