Gründerzentrum »Grow« in Ludwigsburg

Alte Halle für neue Ideen

In einer ehemaligen Industriehalle fördert das Unternehmen Bosch mit seiner Plattform »Grow« kleine Start-Ups. Gemeinsam mit einer Reihe von Künstlern haben SFP Architekten dafür ein hochflexibles und inspirierendes Umfeld geschaffen.

Bosch betreibt einige Gründerzentren, in denen Mitarbeiter losgelöst von den Zwängen der Konzernstruktur an neuen Geschäftsideen feilen können. Zu diesem Zweck hat das Stuttgarter Unternehmen eine eigene Firma gegründet, die Grow Platform GmbH, die in einer alten Industriehalle die nötige Infrastruktur bereitstellt. Nur zehn Minuten zu Fuß vom Bahnhof Ludwigsburg entfernt, lässt sie sich aus dem gesamten Großraum Stuttgart gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen.

Die Halle stammt aus den 50er Jahren und bietet auf zwei Geschossen v. a. eines: viel Platz. Denn die Gründer arbeiten in Teams, die schnell wachsen können, sodass der Raum flexibel bespielbar sein muss. SFP Architekten suchten beim Umbau daher nach einer Lösung, die so wenig räumliche Festlegungen trifft wie möglich. Die Stuttgarter Planer ersannen eine Art Rückgrat, einen Steg, der im Zentrum verläuft und sämtliche Leitungen für Strom, Medien und Wasser aufnimmt. An den Steg docken auf beiden Seiten die Arbeitsplätze an. Fachwerkträger aus dem Bühnenbau bilden ein offenes Gerüst, das die Kabel zu den einzelnen Tischen führt, gleichzeitig definieren die Träger auf dezente Weise die Bereiche für jedes Team. Bei Bedarf lassen sie sich schnell in andere Konfigurationen zusammenstellen und die Flächen auf diese Weise neu aufteilen.

Unkonventionelle Lösungen

Damit auch die Höhe der Halle nutzbar wird, können übereinandergestapelte Raumboxen aus Holz an das Rückgrat andocken, die obere Box wird dabei jeweils vom Steg erschlossen. Vorgesehen ist, dass sie einigen Abstand zueinander halten, sodass die ursprüngliche Weitläufigkeit des Gebäudes erlebbar bleibt. Weil die Hallenhöhe beschränkt ist, blieb beim Steg kein Platz für einen regulären Bodenaufbau mit schwimmendem Estrich. Um dennoch den Trittschall in den Griff zu bekommen, verlegten die Architekten dort einfach Kunstrasen. Tatsächlich lässt sich bei einem Besuch überprüfen, wie gut diese simple, preiswerte Lösung funktioniert. Im Zusammenspiel mit den neuen Sauerkrautplatten unter den Sheddächern ergibt sich insgesamt eine angenehme Akustik. Was dennoch auffällt, ist die Disziplin der arbeitenden Personen: Alle sprechen und telefonieren leise, um die anderen nicht zu stören.

Der Steg, an den auch Teeküchen und Abstellräume anschließen, trägt einen schwarzen Anstrich und bildet mit dem schwarzen Hallenboden sowie den weißen Wänden und Decken einen neutralen Hintergrund für die Besprechungsinseln, die jeweils als Raum-in-Raum-Lösung frei eingestellt sind und von unterschiedlichen Künstlern gestaltet wurden: mal als kristalline Form, ohne rechte Winkel und außen komplett verspiegelt, mal als auf den Kopf gestellter Kegelstumpf aus Holz, der im Innern wie ein Rundtempel wirkt.

Neue Tätigkeit für Architekten

Von den Büroarbeitsbereichen getrennt ist neben einer Werkstatt für praktische Arbeiten das große Foyer, das den Gründern bei Bedarf auch als Veranstaltungshalle dient. Dafür haben die Künstler zusammen mit den Planern rollbare Tische und eine bewegliche Tribüne entwickelt. Da die Nutzer hier wie bei den anderen Räumen von Anfang an einbezogen wurden, fanden sich die Architekten in einer ungewöhnlichen Rolle wieder: Sie haben keinen klassischen Entwurf geliefert und nur wenig Einfluss auf die Gestaltung genommen, stattdessen haben sie v. a. ein technisches Grundgerüst geplant und mit den Künstlern in einer Art kuratorischem Dialogprozess Ausbau und Einrichtung der Halle vorangetrieben – eine Betätigung, die sich mit den Leistungsphasen der HOAI kaum beschreiben lässt. ~cs


Projektbeteiligte

Planer: SFP Architekten GmbH
Projektleitung: Simon Weber
Auftraggeber: grow platform GmbH
Projektleitung: Peter Guse | Birte Moyé
Projektentwicklung: maxmaier urbandevelopment
Projektleitung: Max Maier
Kommunikation: ORANGE COUNCIL GmbH
Projektleitung: Bernhard Zünkeler
Künstlerteam: freeters
Projektleitung: Amely Spötzl | Ludger Molitor