Gewerbezentrum »Tuchfabrik« in Berlin

Gewebte Fassade

Mit einer neuen Fassade für eine alte Textil-Produktionsstätte schlug Sergei Tchoban gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Die extrem leichten Elemente schonen den statisch ausgereizten Bestand. Und sie verweisen auf die Geschichte des Gebäudes.

In den 60er Jahren entstand im äußersten Norden des Berliner Bezirks Charlottenburg ein Gewerbegebiet für robuste Ansprüche: Die wichtigste Straße wurde sogar nach früherer Autobahnbauweise in Beton gegossen, um dem erhöhten Verkehrsaufkommen von LKWs standzuhalten. 1966 ließ sich dort die Tuchfabrik Erich Marggraff nieder, ihr Firmensitz bestand aus einem straßenseitigen Verwaltungsriegel als Kopfbau mit drei Obergeschossen und – dahinter leicht versetzt angefügt – einem flacheren zweigeschossigen Fabrikationsbereich. Diesen Komplex hat Sergei Tchoban vom Büro nps tchoban voss, Berlin, nun zu einem Gewerbezentrum umgebaut.

Konstruktion und Raumaufteilung wurden dabei so weit als möglich erhalten, einziger größerer Eingriff im Innern war die Schaffung eines großzügigen, über zwei Geschosse reichenden Foyers. Völlig neu präsentiert sich jedoch das Äußere, denn die vorgefundene Fassadenbekleidung aus asbesthaltigem Faserzement musste entfernt werden. Da der alte Rohbau keine zusätzlichen Lasten aufnehmen konnte, besteht die neue Hülle aus ultraleichten Aluminiumpaneelen mit einem Gewicht von nur 5,7 kg/m². Diese Paneele wurden digital mit einem Motiv bedruckt, das auf den ersten Blick vielfach wiederholt erscheint, tatsächlich jedoch ein einziges, über die gesamten Fassaden sich erstreckendes Bild erzeugt, so dass jede einzelne der 440 Aluminiumplatten unterschiedlich gezeichnet ist.

Das Motiv besteht aus parallelen Linien, die in unterschiedlichen Abständen zueinander verlaufen und an stark vergrößerte Fäden in einem Webstuhl erinnern. Damit geben sie einen Hinweis auf die frühere Funktion des Gebäudes als Textilfabrik. Bei den Paneelen, die in der Vertikale zwischen den Fenstern der Lochfassaden angebracht sind, verlaufen die Fäden senkrecht und es herrschen helle Töne zwischen weiß und gelb vor; bei den querformatigen Platten an den Brüstungen sind waagerechte Fäden in roten und graublauen Tönen zu sehen. Dadurch wirkt die ganze Fassade wie ein großes Gewebe. Die Platten des Flachbaus schließen exakt an die Fassadenbänder des Haupttrakts an und binden beide Gebäudeteile ungeachtet des leichten Versprungs optisch nahtlos zusammen. Das zuvor unscheinbare Bauwerk nimmt jetzt in dem gesichtslosen Gewerbegebiet eine optisch herausragende Stellung ein.

~Bernhard Schulz