Aufenthaltsraum für Gärtner, Pully (CH)

Unterschlupf im Grünen

Kaum sichtbar durften die Eingriffe sein, die OMAR TRINCA bei einer denkmalgeschützten Scheune am Genfer See vorgenommen hat. Umso erstaunlicher ist der Raumgewinn für die städtischen Gärtner, die jetzt ordentliche Pausenzonen und Duschen haben.

Erst auf den zweiten Blick wird sichtbar, dass sich unter das alte Scheunendach ein neues Volumen gesellt hat. Ursprünglich war die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Scheune Teil eines herrschaftlichen Anwesens oberhalb des Genfer Sees, nahe bei Lausanne. Es trägt den Namen »Campagne Guillemin«, benannt nach der wohlhabenden Familie, die der Gemeinde Pully die Anlage vermacht hat, damit sie als öffentlicher Park genutzt werden kann. In der Scheune lagern die 15 Stadtgärtner von Pully bereits seit vielen Jahren ihre Geräte und Fahrzeuge, bereiten sich auf den Arbeitstag vor und verbringen ihre Pausen.

Allerdings waren die Räumlichkeiten improvisiert und boten keine Aufenthaltsqualitäten. Daher beschloss die Stadt im Jahr 2015, für die Gärtner Anpassungen vorzunehmen. Entstehen sollten eine neue Umkleide, eine Küche, ein Pausenraum sowie ein Büro. Den Auftrag dafür erhielt OMAR TRINCA ARCHITECTE aus Lausanne, der sich zuerst mit den strengen Auflagen des Denkmalschutzes auseinandersetzte. Äußerlich durfte wenig verändert werden und Neues musste sich in Material und Farbe unbedingt dem Bestand unterordnen. Erweiterungspotenzial bot die Scheune an ihrer Südseite, an der die komplette EG-Fassade weit hinter die Traufe zurücksprang und unter dem Dach einen verandaähnlichen Unterstand entstehen ließ.

Hier konnte der Architekt eine rund 100 m² große »Holzbox« einschieben. Die bestehende Längsfassade durfte trotz Denkmalschutz dafür abgetragen werden, um der Box mehr Platz einzuräumen – allerdings gerade nur so viel, dass die alten Stützen nicht berührt werden und unverändert den markanten Dachüberhang abfangen können. Der neue, optimal gedämmte Holzbau »schlüpft« somit in das bestehende, historische Kleid hinein. Er erfüllt zuverlässig heutige Ansprüche an ein modernes, beheiztes Gebäude, während der Rest des Bauwerks weitgehend unberührt bleiben konnte. Einzig die Belüftung stellte eine Herausforderung dar, denn bis auf die großflächige Verglasung in der neuen Südwand sollten keine zusätzlichen Öffnungen geschaffen werden. Vor allem die Umkleiden mit Duschen und WCs mussten deshalb mechanisch belüftet werden. Hinderlich dabei war die bestehende Zwischendecke der Scheune, welche die Raumhöhe begrenzte und den Ausbau mit neuen Lüftungskanälen wesentlich einschränkte. Trotz aller Auflagen und Schwierigkeiten ist die Integration in den Bestand hervorragend geglückt. Die neue Lärchenholzschalung an den Fassaden wurde in dunklem Farbton ähnlich dem Bestand lasiert und ihre vertikale Gliederung greift das Erscheinungsbild der senkrechten Giebelschalung auf.

~Carmen Nagel Eschrich