Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart

Wo Bürokraten mordeten

Einst Hotel Silber, dann Gestapo-Zentrale, heute ein Lern- und Erinnerungsort, eingerichtet von Wandel Lorch Architekten: Ein Gebäude in der Stuttgarter Innenstadt, das einem Shopping Center weichen sollte, erinnert nun an NS-Terror und Verfolgung.

Text: Christian Schönwetter

Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die den nationalsozialistischen Terror erlebt haben – und es werden immer weniger. Daher gewinnen Erinnerungsstätten an Bedeutung, wenn es darum geht, an die Zeit des Schreckens zu gemahnen und aus der Geschichte zu lernen. Nach zähem Ringen ist nun ein solcher Ort in Stuttgart geschaffen worden – in jenem Gebäude, in dem die Gestapo einst ihr Hauptquartier für den deutschen Südwesten bezog. Hier hat sie bei ihren Verhören politische Gegner erniedrigt und gefoltert, vier Personen ermordet und den Abtransport tausender Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager organisiert. In dem unscheinbaren Verwaltungsbau fand tödliche Büroarbeit statt.

Erstaunlicherweise wird das Gebäude unter Stuttgartern noch immer »Hotel Silber« genannt, obwohl es seit rund 100 Jahren nicht mehr als Hotel genutzt wird: Im 19. Jahrhundert errichtet und als Beherbergungsbetrieb mehrfach umgebaut, diente es bereits ab 1919 zunächst als Oberpostdirektion, ab 1928 dann als Sitz der politischen Polizei, ab 1936 als Gestapo-Zentrale und ab 1945 wieder als Polizeidienststelle, bevor 1988 Teile des Innenministeriums einzogen. Vor rund 10 Jahren plante die Kaufhauskette Breuninger in der Nachbarschaft einen großen Shopping-Komplex, für den sie das Hotel Silber abreißen wollte – mit Unterstützung der Stadt und des Landes. Erst eine hartnäckige Bürgerinitiative und ein Wechsel in der Landesregierung von Schwarz-Gelb zu Grün-Rot brachten ein Umdenken: Das Gebäude wurde erhalten und man beschloss, es zu einer Erinnerungsstätte umzubauen. Durch die mehrfachen Nutzungswechsel und gründlichen Veränderungen nach 1945 waren allerdings so gut wie keine originalen Oberflächen oder Spuren aus der Gestapo-Zeit mehr erhalten. Wie bringt man nun einen solchen Ort zum Sprechen?

Zeichen setzen

Wandel Lorch Architekten, mit dem Umbau beauftragt, entwickelten eine behutsame Art der Inszenierung. An der Fassade geben einige Fenster einen Hinweis auf die neue Nutzung des Gebäudes. Sie sind mit Betontafeln geschlossen, aus denen Worte wie »Denunziation«, »Verhaftung« und »Widerstand« ausgefräst wurden. Der Beton ist farblich den Simsen und Fenstergewänden aus beigem Sandstein angepasst, sodass der Eingriff nicht zu plakativ wirkt. Deutlicher manifestiert sich der Wandel in einem Textilbanner, das den einstigen runden Erker des Gebäudes in abstrahierter Form wieder aufnimmt. Es zeigt ein großformatiges Foto der Ausstellung und wird bei Dunkelheit dezent hinterleuchtet. Gleichzeitig markiert das Banner den neu geschaffenen Haupteingang an der Gebäudeecke, der barrrierefreien Zugang gewährt.

Dort betreten Besucher das weitläufige Foyer, das im ehemaligen Restaurant des Hotels Silber eingerichtet wurde. Im Unterschied zum alten Foyer vor dem Treppenhaus bietet es ausreichend Platz für größere Besuchergruppen wie Schulklassen. Vorbei an zwei Seminarräumen, die der Vermittlungsarbeit dienen, geht es zur Treppe. Im UG passiert der Besucher auf dem Weg zu den Garderoben oder Toiletten eine abstrakt nachgestellte Verwahrzelle. Nach dem Krieg hatte man, um an dieser Stelle eine Kantine einrichten zu können, die Trennwände herausgerissen. Sie wurden nun am originalen Standort neu errichtet und geben Besuchern eine Vorstellung von der ursprünglichen Enge der Räume. Vom Flur gestattet ein Gucklock Einblick in ein Arrestzimmer mit rohen Wänden und Gittern vor den Kellerfenstern. Als eine detaillierte Beschreibung, wie die Zellen einst beschaffen waren, wird die Aussage einer Zeitzeugin auf die Wand projiziert. Exemplarisch gibt sie damit den Opfern eine Stimme.

Ausstellung im 1. OG des Hotel Silber

Tatort Schreibtisch

Im 1. OG ist die Dauerausstellung untergebracht. Hier war der Grundriss aus der NS-Zeit noch weitgehend erhalten: ein langer Mittelflur, von dem rechts und links die Büros abzweigen. Wandel Lorch Architekten machten diese Struktur zum Gestaltungsthema für die Ausstellung. In den ehemaligen Verwaltungsräumen stehen Schreibtische und Aktenregale in modern verfremdeter Form. Sie dienen als Vitrinen für die Präsentation originaler Dokumente, die belegen, was im Gestapo-Hauptquartier ganz konkret passierte. Schwarze Tafeln, die nach Art von Pinnwänden die Mauern bekleiden, erklären in Text und Bild die zeitlichen Zusammenhänge. Das beeindruckendste Originalexponat dürfte eine massive Zellentür sein, in deren Rückseite die Gefangenen zahlreiche Einritzungen hinterlassen haben. Wer zu einzelnen Tätern oder Opfern vertiefte Informationen sucht, kann sie sich über Tablets, Hörmuscheln oder Ringbücher erschließen, die zur Interaktion bereitstehen.

Was den Lern- und Erinnerungsort »Hotel Silber« von vergleichbaren Stätten unterscheidet, ist die Darstellung von Kontinuitäten. Die Ausstellung nimmt auch die (politische) Polizeiarbeit vor und nach der NS-Zeit ins Visier und zeigt auf, wie der Wandel von der Demokratie zur Diktatur und wieder zur Demokratie im Detail vonstattenging. So weist sie etwa nach, dass im Hotel Silber schon zu Zeiten der Weimarer Republik politische Gegner drangsaliert wurden; doch genauso beleuchtet sie, welche Führungskräfte der Gestapo später in der Polizei der BRD Karriere machten und wie bestimmte Gruppen, etwa Homosexuelle oder Sinti und Roma, auch nach 1945 weiterhin unter behördlicher Verfolgung zu leiden hatten. Wer sich in der Ausstellung mit der Vergangenheit auseinandersetzt, wird wachsamer gegenüber ersten Signalen von menschenfeindlichem und totalitärem Gedankengut. Oder – wie der Stuttgarter Oberbürgermeister bei der Eröffnung betonte: »Die Erinnerung kann verhindern, dass Verbrechen sich wiederholen.«


Öffnungszeiten und Anreise


Bauherr: Land Baden-Württemberg
Träger: Haus der Geschichte Baden-Württemberg
Weitere Beteiligte: Landeshauptstadt Stuttgart und Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V.
Archtitekten: Wandel Lorch Architekten
Gesamtkosten: 4,5 Mio Euro
Gesamtfläche: 1385 m²


Weitere Erinnerungsorte:

Deportation: Erinnerungsstätte in Frankfurt

STASI: Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin

11. September: National September 11 Memorial & Museum in New York (USA)