Architektur-Hochschule in Clermont-Ferrand (F)

Entwerfen im Sanatorium

Typischer 30er-Jahre-Funktionalismus: Die Gestalt des Sanatoriums von Clermont-Ferrand ergab sich deutlich aus seinem medizinischen Zweck. Das Architekturbüro du Besset-Lyon zeigt nun, wie sich ein solcher Bau dennoch für eine völlig neue Funktion umrüsten lässt.

Am Stadtrand von Clermont-Ferrand thront das ehemalige Sanatorium auf einem Hügel mit großartiger Aussicht – nicht weit entfernt von der Hauptfabrik des Reifenherstellers Michelin. 1930 hatte der Architekt Albéric Aubert einen Gesundheitsbau errichtet, der ganz für die damalige Therapie optimiert war: Die Patienten sollten ein Maximum an Sonne und Frischluft erhalten; daher ist der Bau als schmaler Riegel ausgebildet, der mit einer Südfassade von über 100 m Länge das Licht einfängt. Der dort gezackte Grundriss mit den dreieckigen Balkonen ergab sich direkt aus der Addition der Krankenzimmer. Keine optimalen Voraussetzungen also für die Umnutzung zu einer Architektur-Hochschule. Denn statt einer kleinteiligen Zellenstruktur waren große Hörsäle und Ateliers gefragt und statt Südlicht erfordern moderne Computer-Arbeitsplätze eher eine Nord-Ausrichtung.

Die größten Räume hat das Architekturbüro du Besset-Lyon in neuen Anbauten an der Nordseite des Riegels untergebracht. Dort finden sich nun die beiden Hörsäle, die Bibliothek und das Foyer. Die Räume graben sich weitgehend in den Hang und verschwinden unter der Erde, sodass der Sichtbezug des denkmalgeschützten Altbaus zur Landschaft gewahrt bleibt. Lediglich ein mittig platzierter Kubus, der frühere Anbauten ersetzt, ragt einige Geschosse empor und markiert den Haupteingang. Wie die anderen Erweiterungsbauten greift er als orthogonaler Körper mit weißen Putzfassaden wesentliche Gestaltungsmerkmale des Bestands auf, gibt sich aber im Innern mit Sichtbetonflächen deutlich als neu zu erkennen. Um die stets im Schatten liegende Nordfassade über dem Eingang ein bisschen freundlicher zu gestalten, haben die Architekten dort einen großflächigen Spiegel angebracht, der bei gutem Wetter den blauen Himmel reflektiert.

Der Altbau wurde für die neue Nutzung größtenteils entkernt. Hinter der Südfassade liegen nun die Erschließungsflächen, von denen man den Blick in die Ferne schweifen lassen kann, bevor man die Seminar- und Arbeitsräume betritt, die nach Norden ausgerichtet und somit blendfrei belichtet sind. Die sonnendurchfluteten Gänge dienen auch als thermischer Puffer, der im Sommer die Hitze von den Ateliers abhält. Damit der Mauerwerksbau die heutigen Normen zur Erdbebensicherheit erfüllen kann, fügten die Architekten ein aussteifendes Stahlskelett ein, das – weiß lackiert – gut sichtbar die Räume gliedert.

Für 21,5 Mio. Euro hat die »École nationale supérieure d’architecture Clermont-Ferrand« rund 11500 m² Nutzfläche bekommen. Auch wenn im Innern viel Originalsubstanz verloren gegangen ist, wurde durch die Umnutzung dennoch ein Denkmal gerettet, das zuletzt dem Verfall preisgegeben war.

~Christian Schönwetter