Bild: Klaus Siegele, Ubstadt-Weiher

Schicht im Schacht

Der Kamin hat als wichtiger Bestandteil der Heizanlage in den letzten hundert Jahren einen großen technischen Fortschritt erfahren. Jedoch befinden sich viele der gemauerten Schlote in Altbauten entweder noch im originalen Zustand mit viel zu großen Querschnitten oder sie sind beschädigt oder gar versottet. Spätestens beim Einbau einer neuen Heizung steht daher dringend eine Kaminsanierung an. Dabei gilt es einige technische Details zu beachten.

Am Anfang war … das Feuer. Damit untrennbar verbunden begann auch die Entwick- lung des Schornsteins, nachdem bereits in der Steinzeit die offene Feuerstelle alsbald in die früh- zeitlichen Höhlen und Hütten verlagert worden war. Leckagen im Dach und gewöhnliche Öffnungen in der Außenwand der Behausungen übernahmen zunächst die Aufgabe des Rauchabzugs. Die Räume waren dennoch von dichten Rauchschwaden durchsetzt und beißender Qualm erschwerte das Atmen. Mit der Erfindung des „Rauchlochs“ im Dach oder in der Giebelwand verbesserte sich die Situation zwar, trotzdem wurde automatisch geräuchert, wer sich an der Feuerstelle erwärmen wollte. Es sollte noch bis zum 10./11. Jahrhundert dauern, bis sich hierzulande mit der Teilung des Einraumhauses in Ober- und Untergeschoss der Rauchfang in Wohnhäusern zu etablieren begann, um die Abgase sicher durch die Geschosse und über Dach ins Freie zu führen. Aufgrund der meist brennbaren Dacheindeckung war der lichte Schornsteinquerschnitt sehr groß gewählt, um Funken- flug bereits im Schornstein verglühen zu lassen und die Temperatur der Schornsteinaußenwand im unkritischen Bereich zu halten. Allerdings war so nur ein schlechter Rauchabzug gegeben, denn je größer der Querschnitt, desto geringer der Kamineffekt. An vielen Tagen im Jahr blieben die Häuser und Stuben weiterhin von Rauch geschwängert.

Allmählich entwickelten sich die Feuerstätten weiter – die Konstruktionen verbesserten sich und man bevorzugte andere Baumaterialien: Die brennbaren Reet- und Strohdächer wurden von Schiefer- und Ziegeldeckungen abgelöst, Kachelöfen und Herde bändigten das offene Feuer, was einen kontrollierten Abbrand und dadurch einen kleineren Schornsteinzug ermöglichte. Bereits im 19. Jahrhundert wurde in Deutschland festgelegt, wie ein Schornstein genau auszuführen ist. Dessen weitere technische Entwicklung ist seitdem eng mit den Erfindungen und Fortschritten der Heizanlagen verknüpft.

Der Schornstein im technischen Wandel

Lange Jahre war es üblich, Schornsteine vor Ort aus Ziegelsteinen aufzumauern. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ist diese aufwendige Bauweise dem einschaligen Schornstein aus vorgefertigten Betonformstücken gewichen. Es hatte jedoch schon zuvor andere wegweisende Entwicklungen gegeben. Basierend auf dem Fortschritt der Heiztechnik der Vorkriegsjahre, mit verbesserten Wirkungsgraden bei den damals üblichen Kohlefeuerungen, hielt bereits um 1935 das Schamotterohr Einzug in die Schornsteinkonstruktion. Dies war die Geburtsstunde des zweischaligen Schornsteinsystems: Schamotte-Innenrohr mit einem Außenmantel aus Mauerwerk.

In den Jahren des Wiederaufbaus ersetzte zunehmend das Öl die bis dahin üblichen Brenn- stoffe Koks, Kohle und Holz. Für den Schornstein hieß das, neben Brand- und Standsicherheit auch Säurebeständigkeit zu beweisen. Aber auch dieser Standard war bald schon wieder überholt. Um mit der Heiztechnologie Schritt zu halten, kam der Wandel vom zweischaligen zum dreischaligen Schornsteinsystem mit Isolierung (anfänglich Schüttung, später Mineralwollplatten) sowie (Leicht-)Betonmantelstein. Dieses Konstruktionsprinzip war in der Variante mit Hinterlüftung für Jahrzehnte das Maß der Dinge, um eine ausreichende Feuchteunempfindlichkeit sicherzustellen.

Heute gelten wärmegedämmte Leichtbetonmantelsteine mit dicht gepressten (isostatischen), keramischen Muffeninnenrohren als Standard. Daneben müssen moderne Schornsteine rußbrandbeständig (>1000°C), rissfrei und kondensatdicht sein, damit die Hersteller ihren Schornsteinen die W3G-Prüfung bescheinigen können. Einzelne Anbieter sichern darüber hinaus bis zu 30 Jahre Funktionsgarantie auf ihre Systemlösungen zu. Egal, ob konventionelle Brennstoffe wie Gas und Öl oder Heizmaterial aus nachwachsender Biomasse wie Pellets oder Hackschnitzel – die Hersteller von Schornsteinen haben heute für jede Anforderung die passende Lösung im Sortiment.

Eine weitere Variante sind doppelwandige Edelstahlanlagen, die sowohl aus baulichen wie aus gestalterischen Gründen eine Option sein können. In der Regel sind diese für alle Brennstoffe zugelassen, bei Festbrennstoffen jedoch nur bis zu 400 °C Abgastemperatur.

Die Performance macht‘s

Ebenso wie beim Auto nur ein bestimmter Auspuff zum Motor passt, muss auch bei der Heizanlage die Abgasführung auf Leistung und Brennstoff abgestimmt sein. Vor allem in der Sanierung ist hier Fachwissen gefragt. Ein alter Schornstein und eine neue Heizung oder anderer Brennstoff passen nicht automatisch zusammen.

Moderne Heizsysteme arbeiten effizienter und produzieren weit kühlere Abgase als die bis dato in den Altbauten installierten Einzelöfen, Herde oder Öl- und Gasheizungen. Häufig strömten aus diesen veralteten Anlagen bis zu 200°C heiße Abgase in den Kaminschacht, die wegen der Sogwirkung aufgrund des Temperaturgefälles schnell abzogen (Unterdruckbetrieb). Dem entsprechend war ein großer Querschnitt gefordert. Neue Heizungsanlagen dagegen werden dem niedrigen Wärmebedarf gut gedämmter Häuser angepasst und arbeiten mit Brennwerttechnik, welche auch die in den Abgasen enthaltene Energie nutzt und so den Wirkungsgrad deutlich erhöht. Damit reduzieren sich spürbar die Abgastemperaturen, die oft nur noch 40° C und weniger betragen. Damit die Abgase dennoch abziehen können, werden sie mit einem Gebläse in den Schornstein getrieben (Überdruckbetrieb) und es wird zwingend ein deutlich geringer Schornstein-Durchmesser erforderlich. Ein Anschluss der neuen Heizung an das alte Kaminsystem hätte schlimme Folgen: Die Abgase würden zu lange im Schacht verweilen, die darin enthaltene Feuchte würde sich an der Kaminwand niederschlagen, der Schornstein würde alsbald versotten, und das aggressive Kondensat (Säure) würde relativ rasch die gesamte Bausubstanz an und um die Schornsteinanlage zerstören.

Steht also im Zuge einer Modernisierung ein Austausch der Heizung und/oder ein Brennstoffwechsel an, ändern sich auch die Anforderungen an die Abgasführung. Brennstoff, wirksame Schornsteinhöhe und Leistung sind die bestimmenden Parameter für den neuen, geeigneten Schornstein. Die ordnungsgemäße Bemessung hierzu liefern entweder der Schornsteinsanierungsfachbetrieb oder der zuständige Bezirksschornsteinfegermeister. Wer sich im Vorfeld eine herstellerunabhängige Meinung einholen will, erhält beim zuständigen Bezirksschornsteinfegermeister eine kompetente Beratung. Dieser kennt nicht nur die Gebäudesituation und alle Rahmenbedingungen, sondern auch den aktuellen technischen Stand in der Heiz- und Schornsteintechnik. Er muss auch aus formalrechtlichen Gründen (Inbetriebnahme) auf jeden Fall kontaktiert werden, bevor die Kaminsanierung beginnt.

Versottete Kamine und andere Schäden

Neben der bereits erwähnten Versottungsgefahr alter Kamine nach einem Heizungswechsel kann es auch bei verhältnismäßig neuen Schornsteinen gute Gründe für einen kurzfristigen Austausch oder eine rasche Sanierung der Abgasleitung geben: So kann zum Beispiel ein gerissenes Rohr im Abgaszug dazu führen, dass Kondensat oder Abgas in die Schornsteinkonstruktion eindringt und die Funktion des Kamins beeinträchtigt beziehungsweise der Kamin versottet. Risse in der Außenwandung des Schornsteins bergen eine erhebliche Vergiftungsgefahr durch austretende Rauchgase. Gebrochene oder falsch eingebaute Formteile können ebenfalls die Funktion des Schornsteins beeinträchtigen. Weitere Sanierungsgründe können sein:

  • 􏰢eine durch Rußbrand beschädigte Innenrohrsäule,
  • Baufehler beim Neuaufbau des Schornsteins oder
  • ein Abgassystem, das nicht zum Brennstoff passt (Holzverbrennung an Kunststoffleitung).

Oft hilft eine fachgerechte Beratung, Kosten zu sparen. Nicht immer muss gleich der gesamte Schornstein saniert werden, sondern es reicht eine Reparatur der Abgasführung.

Die Qual der Wahl

Handelsübliche Sanierungssysteme für Schornsteine können aus Keramik, Edelstahl und bei geringen Anforderungen auch aus Kunststoff bestehen. Edelstahl-Abgasrohre kommen normalerweise für Öl- und Gas-Feuerstätten im Unter- und Überdruckbetrieb infrage, Kunststoffrohre eignen sich nur für sehr niedrige Abgastemperaturen. Beim Überdruckbetrieb muss je nach System zusätzlich eine Dichtung zwischen die einzelnen Rohrelemente gelegt werden. Bei sehr hohen Ansprüchen an die Lebensdauer ist eine keramische Abgasführung die richtige Wahl. Diese kann im Unterdruck oder auch im Überdruck betrieben werden, sofern beim Einbau entsprechende Dichtun- gen oder Dichtmassen berücksichtigt wurden.

Soll die neue Heizung mit Holz, Pellets oder Hackschnitzel betrieben werden, ist generell eine hochwertige keramische Abgasführung einzuplanen. Die Auszeichnung „W3G-geprüft“ ist hier unab- dingbar. Sie gewährleistet den Betrieb mit kondensierenden Festbrennstoffen wie Pellets oder Hackschnitzel dauerhaft. Eine Ausnahme ist möglich, wenn die Keramikrohre aufgrund ihrer stärke- ren Wandung nicht in den bestehenden Schornsteinschacht eingezogen werden können. Eine Alternative können spezielle Edelstahlrohre aus dem hochwertigen Werkstoff 1.4539 sein, was aber auf jeden Fall mit dem Schornsteinfeger abzuklären ist.

Die Planung ist das A und O

Bei einer anstehenden Kaminsanierung ist eine Ortsbegehung vor Beginn der Planung unumgänglich – dies gilt vor allem dann, wenn der alte Kamin mit einer neuen Innenverrohrung sprichwörtlich verjüngt werden soll. Ansonsten kann es bei der Montage ein böses Erwachen geben. Ein prüfender Blick durch die Reinigungstür am Fuß des Schornsteins (in der Regel im Keller) gibt Aufschluss über den Querschnitt, das Innenleben sowie den allgemeinen Zustand des Kamins. In diesem Zuge sollten auch der Standort der neuen Heizung begutachtet und die Anschlussmöglichkeiten eingeschätzt werden. Weiterhin ist der Verlauf des Schornsteins durch das Haus in jedem Geschoss zu prüfen, um Verzüge oder Beschädigungen der Bausubstanz festzustellen. Besonderes Augenmerk ist im sogenannten Kaltbereich angeraten: Dazu zählen das Dachgeschoss und der Schornsteinkopf. Neben der Standfestigkeit ist hier zu prüfen, ob Witterungseinflüsse und die in den Abgasen enthaltenen Säuren Schäden hinterlassen haben. Letzte Sicherheit über den tatsächlichen Zustand des Kamins gibt eine abschließende Kamerabesichtigung von oben durch den Schacht. Damit kommt jeder Anschluss, jeder Verzug ins Blickfeld und selbst ansonsten nicht vorhersehbare Überraschungen wie herausstehende Ziegelsteine können so rechtzeitig erkannt und berücksichtigt werden.

Aus alt mach neu

Hat der Fachmann alles geprüft, den Schacht vermessen, die Daten aufgenommen und ausgewertet, ist der Einbau kein Hexenwerk mehr. Zu Beginn wird im Keller der Schornstein geöffnet, um die Sockelelemente der neuen Abgasführung bis zur Höhe des Rauchrohranschlusses der neuen Heizung montieren zu können. Alles Weitere erfolgt dann vom Dach aus: Sanierungssysteme werden von der Schornsteinmündung in den Kaminschacht abgelassen. Edelstahl- und Kunststoffsysteme können aufgrund ihres geringen Gewichts problemlos mit einem Seil gesichert und Stück um Stück eingeführt werden. Sobald ein Rohr die Mündung passiert hat wird das nächste Element aufgesteckt und so weiter, bis entweder die zweite Reinigungsöffnung im Dachgeschoss oder die Mündung selbst erreicht ist. Wird im Dachgeschoss eine weitere Reinigungsöffnung vorgesehen, ist auch hier wie im Keller auf der entsprechenden Höhe die Schornsteinwand zu öffnen und das Formstück einzusetzen. Die restlichen Rohre werden wie beschrieben installiert.

Keramik hat ein höheres Eigengewicht, daher ist die Montage zwar nicht schwieriger, aber etwas zeitaufwendiger. Die Vorbereitungsarbeiten im Keller sind analog der Sanierung mit Edelstahl oder Kunststoff. Zum sicheren Ablassen der Keramikrohre wird auf der Mündung eine spezielle Ablasswinde montiert. Bei allen Systemen sind die Rohrelemente mit Abstandhaltern versehen, welche das System zentriert im Schacht „verankern“ und ein Abknicken der Steckverbindungen verhindern. Am Ende wird der Schacht an der Mündung mit einer neuen Abdeckplatte verschlossen und die geöff- neten Schornsteinwandungen im Keller und eventuell im Dachgeschoss werden wieder zugemauert und verputzt.

Bei einer neuen Heizung kann Kondensat aus den Abgasen anfallen. Die Flüssigkeit wird direkt in den Schornsteinfuß geleitet und über diesen oder das Verbindungsstück zwischen Kessel und Abgasleitung abgeführt. Das Kondensat aus Öl-/Gasheizungsanlagen bis 25 kW kann über das häusliche Entwässerungssystem entsorgt werden, sofern dies ausreichend korrosionsbeständig ist (keine Betonrohre!). Bei Heizanlagen mit größerer Leistung oder bei anderen Brennstoffen ist vor der Einleitung in die Hausentwässerung eine Neutralisation des Kondensats erforderlich.

Eine Schornsteinsanierung, so glauben viele Hausbesitzer, sei aufwendig und teuer – ein großer Irrtum. Fachgerecht geplant und ausgeführt verbessert ein sanierter Schornstein sogar die Effizienz einer neuen Heizungsanlage.

 

Autor: Rüdiger Vorndran