Schulsanierungen in Deutschland am Beispiel der Hamburger Grundschule Hohe Landwehr

Grosse Hausaufgabe

Vor etwa fünf Jahren rollte eine Sanierungswelle durchs Land. Mit Fördergeldern brachten Kommunen ihre Schulen auf das neueste Energieniveau. Doch heute scheint die Welle verebbt, einzelne Projekte glänzen als Modellvorhaben wie die über das Modellvorhaben »Niedrigenergiehaus im Bestand für Schulen« sanierte Schule Hohe Landwehr in Hamburg. Der Großteil der Schulen ist aber unsaniert. Das Deutsche Institut für Urbanistik schätzt den Investitionsrückstand bei Kindertagesstätten und Schulen auf insgesamt 27 Mrd. Euro – mit steigender Tendenz.

  • Architekten: DR Architekten Tragwerksplanung: Helmut Wiemer
  • Text: Rosa Grewe Fotos: Dorfmüller Klier u. a.
Viele Schulen in Deutschland sind marode. Die Kommunen bauten sie in den 60er und 70er Jahren und flickten in der darauffolgenden Zeit nur das Nötigste, weil sie seither chronisch klamm sind. Die Lernsituation ist daher seit Jahren veraltet. Das ist soweit nichts Neues, denn bereits Anfang der Jahrtausendwende kam das Thema auf die Titelseiten. Als nämlich die erste PISA-Studie belegte, wie miserabel die Schulbildung der Kinder in Deutschland im Vergleich mit anderen Industrieländern ist.
Der Suche nach den Ursachen folgte zumindest die Chance zur baulichen Erneuerung: Die Regierung startete gemeinsam mit der KfW Förderprogramme zur Sanierung öffentlicher Gebäude; zusammen mit den Konjunkturpaketen 2008 und 2009 folgte so eine Welle von Sanierungsprojekten. Das BMVBS schrieb damals rückblickend: »Hintergrund war, dass es deutschlandweit etwa 40 000 Schulen, ungefähr 48 000 Kindergärten, Kindertagesstätten und Krippen sowie mehrere 10 000 (Schul-)Turnhallen gibt. Über die Hälfte dieser ca. 150 000 Gebäude war dringend energetisch sanierungsbedürftig.« Sanierungsbedarf bestand aber auch hinsichtlich der Raumakustik, denn die in unsanierten Klassenräumen gemessenen Nachhallzeiten sind mit 0,7 bis 1,4s zu lang, um Gesprächen sauber zu folgen und so die Qualität des Unterrichts zu gewährleisten. Zudem entsprechen die Bestandsgebäude oft nicht mehr den Anforderungen der Nutzer: Offene Lernklassen lassen sich kaum realisieren, ebenso wenig Bewegungs- und Kreativklassen; auch für die Ganztagsbetreuung fehlen Räume.
Ziel der Programme war dennoch v. a., den Energieverbrauch in Schulen und damit die Betriebskosten zu senken. Wie das Förderprogramm »Niedrigenergiehaus im Bestand für Schulen«, das das BMVBS und die dena 2007 und 2009 gemeinsam organisierten. Sie suchten Modellvorhaben, die unter energetischen Aspekten vorbildlich saniert werden sollten und exemplarisch die Qualität weiterer Schulsanierungen erhöhen konnten. 61 Schulen und Turnhallen erhielten über das Programm eine KfW-Kreditförderung.
Die Bewerberzahl war so groß, dass der ersten Förderungsrunde 2007 eine weitere im Jahr 2009 folgte. Bauherren mussten sich schon in der Planungsphase bewerben und erhielten bei Förderung einen Kredit der KfW bis zu 500 Euro/m² bzw. 600 Euro /m² in der zweiten Runde. Voraussetzung für die Aufnahme in das Programm war v. a. die geplante Energiebilanz des sanierten Gebäudes. Zwar standen im Anforderungsprofil 2007 immerhin noch die architektonische und städtebauliche Qualität, die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen und auch eine Beteiligung der Nutzer, doch nachweisen mussten die Bauherren letztlich nur energetische Werte – ein Nachteil für die Architekturqualität, was vielen der über das Programm geförderten Schulen auch anzusehen ist. Aus heutiger Sicht erscheinen die geforderten Einsparwerte außerdem nicht sonderlich ehrgeizig: Der jährliche Primärenergiebedarf sollte nach der Sanierung mindestens 20 % (für die erste Runde 2007) bzw. 15 % (zweite Runde 2009) unter dem jeweils gültigen EnEV-Niveau liegen. Viele Schulen zielten dennoch auf einen Energiebedarf, der um bis zu 40 % unter EnEV-Niveau liegt. Außerdem kombinierten erfreulicherweise viele Bauherren die Maßnahmen zur Energieeinsparung mit neuen Architekturkonzepten, die den Anspruch an bessere Lernorte erfüllten und die Gestalt der Schule neu prägten.
Grundschule Hohe Landwehr
Ein Projekt des Programms »NEH im Bestand für Schulen« war die Grundschule Hohe Landwehr in Hamburg, saniert durch das Architektenteam Thomas Dittert und Christine Reumschüssel. Die Schule liegt im Wohnviertel Hamm, das durch verklinkerte Zeilenbauten und ergänzende Nachkriegsbauten geprägt wird. In den 60er Jahren entstanden auch die Gebäude der Schule und der benachbarten Sporthalle: Sie stehen in unterschiedlichen Typologien und Grundrissen auf einem weitläufigen Gelände, doch ihre Bauweise als Betonskelettbau mit Ausfachungen aus rotem Mauerwerk fügte sich gut in den Stadtteil ein.
Die Stadt beauftragte die Architekten Thomas Dittert und Christine Reumschüssel zunächst mit der Fassadensanierung. Das war jedoch nur der Anfang für einen langen Planungs- und Umbauprozess, der im Sommer 2007 begann und dessen erste Bauphase mit der Fertigstellung von vier Gebäuden 2012 abschloss. ›
› Christine Reumschüssel erklärt: »Nach und nach wurden immer mehr Notwendigkeiten deutlich. So hat man z. B. in der alten Bausubstanz Schadstoffe entdeckt, sodass das Projekt erweitert werden musste.« Auch der hohe Energiebedarf der Schule verlangte nach weiteren Maßnahmen. Aus der einfachen Hüllensanierung wurde daher eine Sanierung der Fassaden, Anlagentechnik, Innenoberflächen und Außenbereiche.
Anders aussehen – die Fassade
Die Schule soll nach Sanierung und gemäß der Berechnung einen Primärenergiebedarf von 121 kWh/m²a erzielen (die Ergebnisse des ersten Betriebsjahres stehen noch aus), rund 15 % weniger als der vorgeschriebene EnEV 2009-Wert. V. a. die Kombination aus Dämmung und Lüftungsanlage reduziert die Wärmeverluste und damit den Primärenergiebedarf. Allein diese Maßnahmen verringern den berechneten Heizwärmebedarf auf 62,16 kWh/m²a für alle sanierten Gebäude zusammen. Das ist nicht einmal ein Drittel von dem, was unsanierte Schulen durchschnittlich an Heizwärme verbrauchen (ca. 211 kWh/m²a). Dabei dient Fernwärme als Energiequelle, wie vor der Sanierung auch.
Die Bauteile, besonders Dach und Fassade, wurden weitgehend erneuert, gedämmt und erzielen nun einen um ca. 30 % kleineren U-Wert als die EnEV 2009 vorschreibt. Hinsichtlich der Energiebilanz ist die Sanierung der Fassade herausragend gelungen. Doch die Entscheidung für Putz statt wie bisher Klinker als Fassadenmaterial ist bedauerlich. Der Altbau fügte sich wie selbstverständlich in den Stadtteil ein. Die sanierte Fassade dagegen bricht mit dem Umfeld, ein sorgsam gestalteter, aber auffälliger Bruch. Reumschüssel begründet: »Wegen der Kostenvorgaben des Bauherrn mussten wir auf eine Mauerwerksausfachung der Fassade verzichten und stattdessen eine günstigere Lösung finden.«
Diese jedoch planten die Architekten mit dem Gedanken, das Ursprüngliche nicht ganz zu nihilieren: Damit die Typologie der Fassaden sichtbar bleibt und sich die Gebäude weiterhin in ein gemeinsames Gestaltungsbild fügen, berücksichtigten sie die Aufteilung und Proportionen der alten Fassaden in ihrer Planung. Beim Verwaltungsbau etwa orientierten sie sich am Stützenrhythmus des Skelettaltbaus: Zwar rückten sie die neue Fassade außen vor die Betonstützen, sodass diese nun nicht mehr fassadenbündig, sondern zunächst unsichtbar hinter der Fassade sitzen, doch zeichneten sie mit WDVS die verdeckten Stützen und Deckenscheiben als Kassette neu nach und verputzten sie in Grau. Da hinein setzten sie die Fensterelemente samt Verblendung mit roten Faserzementplatten, tief eingerückt, sodass die Fassade ein kontrastreiches Relief erhält. Die Farbigkeit bindet die Gebäude zusammen: Rot und Grau für Fassadenflächen, Gelb als Leitfarbe für Eingänge, Vordächer und Innentüren. ›
Anders handeln – die Lüftung
Neben der Fassadendämmung ist die mechanische Lüftungsanlage ein Hauptaspekt der Sanierung und eine Anforderung des NEH-Programms. Hier setzen die Architekten auf eine dezentrale Anlage mit Wärmerückgewinnung und CO2-Sensor. Laut der Planer eignet sich das dezentrale System gut, weil die meisten Klassenräume jeweils einen Nebenraum haben. So konnte die Lüftungsanlage in der Deckenabhängung des Nebenraums eingebaut werden und nimmt dem eigentlichen Klassenzimmer keine Raumhöhe. Gleichzeitig spart dieses System Leitungsführung und reagiert bedarfsgerecht für jeden Klassenraum. Besonders wichtig dabei sind die automatische Messung der CO2-Konzentration durch die Anlage und der danach gesteuerte Luftaustausch. Ansonsten wäre schnell der in Klassenzimmern zulässige CO2-Wert von 1 500 ppm überstiegen, was bekanntermaßen die Konzentrationsfähigkeit und Lernfähigkeit der Schüler mindert. Ohne kontrollierte Lüftung müsste ein 60 m² großes Klassenzimmer alle 20 Minuten gelüftet werden, um ausreichend Frischluft für 30 Kinder bereitzustellen; im Schulalltag und v. a. im Winter ist das jedoch nicht durchführbar.
Um die Dämmleistung der Hülle nicht durch Durchbrüche im WDVS zu stören, führten die Architekten den Luftauslass über ein Wetterschutzgitter innerhalb der Fensterrahmen. Damit Schüler und Lehrer nicht selbstständig manuell lüften und der Wirkung der Lüftungsanlage entgegenwirken, haben die Fenster keine Öffnungshebel. Mobile Fensterhebel ermöglichen es, einzelne Fenster z. B. zum Putzen zu öffnen. Das ist sicher eine Frage der Gewöhnung, doch Schüler und Lehrer störten sich hier so daran, dass die Schule nun Fensterhebel nachrüsten lässt.
»Lehrstelle«
Überhaupt war die Umsetzung der Maßnahmen in den Alltag der Schüler aufwendig und das bereits während der Bauphase: Rund zwei Jahre liefen die Bauarbeiten parallel zum Schulbetrieb, immer wieder mussten die Architekten Pausenhöfe und Wegeverbindungen sichern lassen, Abläufe und Nutzungen abstimmen. Immerhin lässt sich eine solche Baustelle in den Unterricht integrieren: So ist die Schule ein Referenzprojekt von »Schule Baustelle Klima«, einer Initiative, die Lehrer dabei unterstützt, die energetische Sanierung ihrer Schule als Lehrstoff in den Unterricht einzubinden. Das soll Schüler schon früh für den Klimawandel und dessen Auswirkungen auf unseren Alltag sensibilisieren.
Erst drei Jahre nach Fertigstellung – so die Auflage des NEH-Programms – muss die Auswertung der ersten Betriebsjahre der dena vorgelegt werden. Daher erscheint die Gesamtauswertung des Programms laut dena auch erst Ende 2013 in einem Abschlussbericht. Was aus diesem resultiert und ob tatsächlich weitere Bauten den Vorbildern folgen, hängt dann aber nicht alleine von den Planern und Nutzern, sondern besonders von den Haushaltskassen der Kommunen ab. Und deren Prioritäten änderten sich: Seit dem Rechtsanspruch für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren sind viele Kommunen nun erst einmal mit dem Krippenausbau beschäftigt, anstatt Schulen zu sanieren. •
  • Standort: Hohe Landwehr 19, 20535 Hamburg Bauherr: Freie und Hansestadt Hamburg Architekten: DR Architekten, Hamburg/Hannover Projektleitung: Christine Reumschüssel Mitarbeiter: Katrin Vollmer Bauleitung: Bernd Mey Tragwerksplanung: Helmut Wiemer, Hamburg Haustechnik: GMW Ingenieurbüro, Hamburg BRI: Verwaltung 2 550,26 m³; Kreuzbau: 6 901,29 m³; Fachklassen / Hort: 3 751,73 m³; Aula: 2 775,27 m³ Primärenergiebedarf: (gesamt, alle vier Gebäude) 121 KMh/m²a Heizwärmebedarf: (gesamt, alle vier Gebäude) 62,16 KWh/m²a Baukosten: 8,2 Mio. Euro, KG 300 + 400 + 500 Bauzeit: September 2010 bis Juli 2012 Gesamtnutzfläche: ca. 7 000 m²
  • Beteiligte Firmen: WDVS: Sto, Stühlingen, www.sto.de Verglasung: (Fenster: Sanco) Glas Trösch, Nördlingen, www.sto.de; (Fassaden: Raico Therm) RAICO Bautechnik, Pfaffenhausen, www.sto.de Fassadenplatten: Eternit, Heidelberg, www.sto.de Lüftungsgeräte: STIEBEL ELTRON, Holzminden , www.sto.de; WOLF, Geisenfeld, www.sto.de

  • Energetisch sanieren (S. 126)
    Dittert & Reumschüssel
    Thomas Dittert
    1977-78 Studium der Raumplanung in Dortmund, 1978-85 Architekturstudium an der TU Hannover. Seit 1986 eigenes Büro, seit 1994 mit Christine Reumschüssel.
    Christine Reumschüssel
    1976-83 Architekturstudium an der TU Hannover. Seit 1989 eigenes Büro, seit 1994 mit Thomas Dittert.
    Rosa Grewe
    s. db 4/2012, S. 92