Greentowers für die Deutsche Bank

Ökologie schafft Ökonomie

Für 200 Mio Euro modernisiert die Deutsche Bank ihre Zentrale in Frankfurt a. M. Eine nahezu hundertprozentige Recyclingquote und die erhebliche Energieeinsparung machen aus den beiden Türmen fast CO2-neutrale Hochhäuser – ein weltweites Novum.

Was ist davon zu halten, wenn eine weltweit führende Investmentbank den Klimaschutz für sich entdeckt? Und wenn sie – ganz anders als bei ihren Finanzprodukten – die Investitionen hierfür entgegen aller Gewohnheit nicht mit kurzfristigen Gewinnerwartungen verknüpft? Sich sogar in ihrer Unternehmensstrategie zu der Selbstverpflichtung hinreißen lässt, ihre globalen CO2-Emissionen „um 20 Prozentpunkte jährlich gegenüber dem Basisjahr 2007 zu reduzieren und alle (…) betrieblichen Aktivitäten ab dem Jahr 2013 klimaneutral zu betreiben“?
Die Deutsche Bank, namentlich deren Chef Josef Ackermann, hat nicht erst seit dem Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008 mehrfach von sich reden gemacht und dabei nicht immer glücklich ausgesehen. Ob die zum „V“ gespreizten Finger beim Mannesmann-Prozess oder seine Idee eines Notfallfonds zur Rettung bedrohter Geldinstitute – dass sich der knallharte Manager mit seiner Bank selbstlos für die Anliegen der Allgemeinheit (und dazu gehört zweifellos der Klimaschutz) interessiert und einsetzt, mag ihm so schnell niemand mehr abnehmen. Ausgerechnet aber dieser Josef Ackermann wird Ende 2010 in sein umgebautes Vorstandsbüro im Turm A der modernisierten und umgebauten Zwillingstürme zurückkehren, für deren Verwandlung in vorbildliche „Greentowers“ die Deutsche Bank rund 200 Millionen Euro locker gemacht hat. Hat der Branchenprimus des Kapitals im Klimaschutz womöglich ein nachhaltiges Finanzprodukt entdeckt? Auf Nachfrage bekommt man von der hausinternen Projektleitung sinngemäß zu hören: Ökonomie versus Ökologie – das war gestern! Heute gilt: Grün spart Kosten! Vonnöten sei lediglich eine gewisse Anschubfinanzierung, um dem Stammsitz des Konzerns zu einer nachhaltigen energetischen Effizienz zu verhelfen, die sich am Ende in deutlich reduzierten Betriebskosten niederschlage.
So bleibt nach Abschluss der Jahresbilanz mehr Spielgeld für die Finanzprodukte in der Kasse, und dem Klimaschutz hat die Bank durch spürbar verminderte CO2-Emissionen so ganz nebenbei auch noch gedient. Ausgerechnet die Deutsche Bank, der häufig unheilbare Spiel- und Gewinnsucht unterstellt wird, macht der Regierung und der Industrie vor, welche energetischen und klima- politischen Potenziale in der Altbausanierung stecken! Man neigt dazu, darob verdrehter Verhält- nisse ungläubig den Kopf zu schütteln.

Ambitioniertes Modernisierungskonzept

Um so wichtiger ist es für den unglaubwürdig erscheinenden Protagonisten natürlich, über derart vorbildhaftes Tun zu reden und das zukunftsgerichtete Handeln argumentativ zu untermauern. Schließlich gilt der Umbau der Unternehmenszentrale in der Frankfurter Taunusanlage als „derzeit größte Gebäudesanierung Europas“ – ob in Höhe, Investitionsbudget oder Rauminhalt sei vorerst dahingestellt. An Superlativen mangelt es wahrlich nicht, die „Greentowers“ der Deutschen Bank schicken sich tatsächlich an, weltweit neue Maßstäbe für künftige Projekte vergleichbarer Art zu setzen:

  • Rund 98 Prozent der ausgebauten Materialien werden wieder verwendet oder recycelt. Von den 30.500 Tonnen abgeführtem Schutt müssen also nur zwei Prozent entsorgt werden – alles andere wird entsprechenden Industrien zugeführt oder wieder verbaut.
  • Gegenüber den Zwillingstürmen der ersten Generation benötigen die „Greentowers“ rund 67 Prozent weniger Heiz- und Kühlenergie. Mit dieser jährlich eingesparten Energiemenge ließen sich etwa 750 Einfamilienhäuser beheizen.
  • Auch der Stromverbrauch soll sich den Berechnungen zufolge dank intelligenter Steuerungssysteme und Green-IT (zentrale Druckerpools, Strom sparende Bildschirme usw.) um 55 Prozent verringern. Die eingesparten Kilowattstunden reichen aus, um damit rund 1.900 Einfamilienhäuser zu versorgen.
  • Ein komplett erneuertes Wassermanagementsystem wird den Verbrauch in beiden Türmen um rund 74 Prozent verringern. Etwa 44.000 Kubikmeter Frischwasser werden eingespart – genug, um damit 22 olympische Schwimmbecken zu füllen.
  • Bezogen auf den Primärenergieeinsatz vermindern sich die jährlichen CO2-Emissionen in der sanierten Konzernzentrale um 89 Prozent. Würde man diese eingesparten Treibhausgase auf ein CO2-Konto der Mitarbeiter übertragen, so könnten diese mit dem Guthaben 6.000 Autos bewegen – und zwar 12.000 Kilometer weit pro Jahr.
  • Dank flexibler Raumnutzungen, Platz sparender Gebäudetechnik und einer verbesserten Infrastruktur erhöht sich die Nutzungsquote um etwa 20 Prozent. Nach Abschluss der Bauarbeiten finden in den „Greentowers“ deshalb 600 zusätzliche Mitarbeiter Platz.

Die erheblichen Einsparungen bei der Heiz- und Kühlenergie lassen sich leicht nachvollziehen, wenn man sich das bisherige Klimatisierungskonzept mit fünf- bis sechsfachem Luftwechsel vor Augen hält: Kalt- und Warmluft wurden an zentraler Stelle getrennt und unabhängig voneinander bereitgestellt und den beiden Türmen über große Luftkanäle nach Bedarf zugeführt. Nicht alle Mitarbeiter empfanden dabei die bereichsweise eingestellte Temperatur der Zuluft als angenehm – was für die einen kühlende Brise, nahmen andere als störende Zugluft war. Wer welcher Fraktion angehörte, ließ sich aus den Krankmeldungen erkennen. Speziell in den Übergangsmonaten April bis Juni und September bis November konnte es passieren, dass sich die Büros in dem der Sonne zugewandten Turm unangenehm aufheizten und gekühlt werden mussten. Der andere, im Schatten liegende Turm kühlte dagegen aus und verlangte nach einer Beheizung. An solchen Tagen wurden Kalt- und Warmluft zugleich bereitgestellt, in getrennten Kanälen in die Etagen beider Türme verteilt und am Ende irgendwo in den Mischboxen nach den jeweiligen Bedürfnissen gemischt. Mangels Wärmerückgewinnungsanlagen bliesen die Kamine den Überschuss, sprich die gekühlte oder erwärmte Abluft, ungenutzt in den Himmel über Frankfurts Skyline – hier Warmluft, ein paar Meter weiter Kaltluft. Eine heute nicht mehr vor- und darstellbare Verschwendung. Zudem lief die Klimaanlage permanent unter Volllast und stand nach 25 Jahren Dauerbetrieb kurz vor dem Kollaps. Was kaum jemanden verwunderte, denn in der ursprünglich für 1.750 Mitarbeiter ausgelegten Konzernzentrale drängten sich zuletzt rund 2.500 Menschen.

Im neuen Kleid mit effizienter Technik

Künftig soll eine synchronisiert gesteuerte und effizient ausgelegte Wärme-Kälte-Kopplung derartige Auswüchse verhindern, unterstützt durch eine freie Kühlung auf dem Dach. Trägermedium ist fortan nicht mehr Luft, sondern Wasser, was den Luftwechsel vom Sechsfachen auf das 1,5-fache reduziert. Zudem nutzt ein energieeffizientes Wärmerückgewinnungssystem künftig die in der Abluft enthaltene Energie. Lastspitzen beim Heizen deckt eine Fernwärmeleitung ab, im Haus selbst findet sich fortan kein Heizkessel mehr. In den Sommermonaten stellen Turbokühler die Kaltluft bereit, die Abwärme wird über freie Kühlung abgeführt. Neben der mechanischen Luftzufuhr im Fassadenbereich puffern Heiz- und Kühldecken das Raumklima ab. Hier macht sich die massive Bauweise der beiden Türme bezahlt – die Tube-in-Tube-Konstruktion bietet mit der innen- und außenseitigen Betonröhre und den Stahlbetondecken genug Speichermasse, um den tagsüber anfallenden Wärmeüberschuss aufzunehmen und über Nacht wieder abzugeben. An den für Frankfurt typischen, stickig-feuchten Sommertagen müssen die Mitarbeiter auch nicht mehr länger nach öffenbaren Fenstern lechzen. Die neue Fassade mit verbesserter Dämmung erlaubt nahezu das ganze Jahr über eine natürliche Lüftung, fast jedes zweite Fenster lässt sich motorisch einen Spalt breit parallel nach außen ausstellen. Die dadurch einsetzende Luftzirkulation im Raum erübrigt vielfach die mechanische Luftverteilung, spart so erheblich Strom ein und sorgt für ein weitaus angenehmeres Raumklima. Sind die Fenster geschlossen, reduziert die Dreifachverglasung im Winter spürbar die Wärmeverluste – Arbeitsplätze unweit der Fassade dürften künftig wieder deutlich höher im Kurs stehen.
Dass die Deutsche Bank ihren „Soll“-und-„Haben“-Türmen eine komplett neue Fassade verpasst hat, fällt im Stadtbild nur dann auf, wenn sich die öffenbaren Fenster aus der aalglatten, stahlblau glitzernden Haut herauslösen. Anders als früher geben sich die 155 Meter hohen Türme damit nicht mehr rundweg abweisend, sondern offenbaren ein Stück ihres Innenlebens: Die „Greentowers“ des 21. Jahrhunderts leben und scheinen förmlich zu atmen. Auch sonst hat der Mailänder Architekt und Designer Mario Bellini weder an hochwertiger Technik noch an exklusivem Interieur gespart – getreu der Devise, was nachhaltig ist, darf auch etwas kosten. Die Vertikalerschließung übernehmen Aufzüge, die abhängig von Fahrtrichtung und Förderlast Strom erzeugen und ins Versorgungsnetz einspeisen. Die zonale Lichtsteuerung entflammt Leuchten nur dort, wo das Tageslicht nicht mehr ausreicht. Das hausinterne Wasserrecycling, Regenwassernutzung und der Einbau Wasser sparender Systeme senken den Frischwasserbedarf erheblich und nutzen vorhandene Ressourcen. Solarkollektoren decken mehr als 50 Prozent des Warmwasserbedarfs, montiert auf rund 350 Quadratmetern Fläche, unterhalb der Türme an der Schrägfassade des Breitfußes.

Ein neues Foyer mit Atmo-“Sphäre“

Hier entsteht derzeit neben einem öffentlichen Art-Café und einer vergrößerten Filiale auch das neue Foyer, für dessen Gestaltung Bellini weitaus mehr in die Substanz eingriff, als es ihm bei den Büro- und Konferenzräumen in den Türmen möglich war. Zwar wurden auch die 34 beziehungsweise 36 Büroetagen bis auf die nackten Betonwände entkernt, doch im Breitfuß rückte Bellini den Geschossdecken mit der Betonsäge auf die Pelle. Wer die heiligen Hallen des Josef Ackermann künftig aufsucht, betritt das Gebäude über ein helles, 22 Meter hohes Foyer, durchkreuzt von zwei Brücken, die mit einer Spannweite von 22 Metern in den unteren Ebenen die Wege zwischen den beiden Türmen verkürzen. Beide Brücken durchstoßen eine offene, aus schmalen Edelstahlbändern geformte Skulptur, die sogenannte „Sphäre“. Die 35 Tonnen schwere Riesenkugel mit 16 Metern Durchmesser steht für die neu entdeckte Offenheit des Konzerns und versinnbildlicht dessen globale und interne Netzwerke. Darüber erlaubt eine in das Dach geschnittene Glaskuppel den Blick auf die beiden aufragenden Türme, deren glatte Fassaden an keiner Stelle diesen ersten wegweisenden Klimaschutz-Grundstein der Deutschen Bank verraten. Um die klimatischen Bedingungen im Atrium ohne hohen Energieaufwand sicherstellen zu können, wurden aufwändige Strömungssimulationen einhergehend mit thermischen Simulationen speziell für das Atrium durchgeführt. Eine natürliche Nachtentwärmung der Bauteilmassen kommt deshalb unterstützend zum Tragen. Mit einfachen Mitteln sollen auf diese Weise alle Temperaturextreme – Sommer wie Winter – bis in die Übergänge (in der Atriumhöhe) bewältigt werden.
Obwohl äußerlich kaum verändert, haben die runderneuerten Zwillingstürme mit ihrer Ressourcen verschlingenden Vergangenheit bald abgeschlossen. Bis zum Jahresende müssen sich die Mitarbeiter, welche die Deutsche Bank in drei Ausweichquartiere ausgelagert hatte, noch gedulden, bevor sie an ihre vertraute Wirkungsstätte zurückkehren können, in der dann außer der Adresse nichts mehr so ist, wie es vorher war. Inwieweit das klimabewusste Umdenken in den „Greentowers“ tatsächlich auf das „Banking on Green“ abfärbt, bleibt abzuwarten.

Autor: Klaus Siegele

 

Weitere Beispiele für ambitionierte Engergiespar-Sanierungen:

Weltweit erster Passivhaus-Wohnturm im Bestand

Erstes Mehrfamilienhaus als Plusenergiehaus im Bestand

 

1) 2.400 MA

2) 3.000 MA

3) unter Einbeziehung des grünen Stroms zur Versorgung der TAL (Wasserkraft aus Österreich)