Dämmen als ästhetischer Gewinn

Die energetische Sanierung unseres Gebäudebestands ist eine gewaltige Herausforderung – nicht nur wirtschaftlich und technisch, sondern auch entwurflich. Inzwischen kristallisieren sich unterschiedliche Strategien heraus, mit denen Architekten versuchen, die meist unvermeidliche Dämmung gestalterisch in den Griff zu bekommen. Immer häufiger gelingt es dabei, die lästige Pflicht in einen ästhetischen Gewinn umzumünzen.

Text: Christian Schönwetter

Seit Jahren rumort es in der Fachwelt, wenn es um das Dämmen von Altbauten geht. Zu oft sind liebevoll gestaltete Fassaden hinter lieblos aufgebrachten Dämmpaketen verschwunden. Betrachtet man die breit diskutierten schädlichen Auswirkungen auf das Stadtbild, so kann man von Glück sagen, dass die tatsächliche jährliche Sanierungsquote den Plänen der Bundesregierung derzeit weit hinterherhinkt. Statt 2 % des Gebäudebestands wird momentan nur 1 % pro Jahr modernisiert.
Laut Deutscher Energie Agentur dena sind 65 % der Fassadenflächen in Deutschland bislang ungedämmt. Dies bedeutet zum einen, dass noch die Chance besteht, künftig sensibler vorzugehen, als dies bisher in der Regel der Fall war. Zum anderen wartet hier auf Architekten eine der wichtigsten Bauaufgaben der kommenden Jahre, bei der sie ihre besondere Gestaltungskompetenz einbringen können. Welche Entwurfstrategien eignen sich, um befriedigende Lösungen für das Dämmproblem zu finden? Im Wesentlichen lassen sich drei verschiedene Herangehensweisen unterscheiden.
DEFENSIVE STRATEGIEN
Bei Bestandsbauten mit anspruchsvoll gestalteten Fassaden, v. a. aber bei Denkmalen, besteht die Herausforderung darin, die Außenwände so zu dämmen, dass man die Veränderung nicht sieht. Hier ist defensives Vorgehen gefragt. Wo sich die naheliegende Lösung einer stadtbildverträglichen Innendämmung nicht umsetzen lässt, verlangt die Außendämmung nach besonders profunder Auseinandersetzung mit dem Bestand.
Die denkmalgeschützte Boschetsrieder Siedlung in München war ein solcher Fall, hier verfolgten die Architekten Koch und Partner das ehrgeizige Ziel, die EnEV 2007 um bis zu 50 % zu unterschreiten. Die Kunst bestand darin, ein WDVS von 17 cm Stärke architektonisch zu meistern, ohne die zartlinige Eleganz der frühen Nachkriegsmoderne zu zerstören. Also wurden sämtliche Details nachgebildet (s. Abb. 1): Es beginnt am Dach, das die Architekten nach außen verlängerten, um den alten Dachüberstand von 50 cm wiederherzustellen. Mit hohem Konstruktionsaufwand ließ sich erneut eine schmale Trauflinie erzeugen. Es setzt sich bei den Fenstern fort, die weiter außen angeordnet sind, um zu tiefe Laibungen zu vermeiden; nach alten Fotos erhielten Rahmen und Flügel unterschiedliche Farben, was die neuen Fenster ähnlich schlank wirken lässt wie in den 50er Jahren. Und es endet am Gebäudefuß, bei dem die Kellerfenster nach außen wanderten; auch wurde dort die frühere Putzkante am Übergang vom Sockel- zum Fassadenputz präzise nachgebildet. Die besondere Sorgfalt bei diesen und allen anderen Details wurde inzwischen mit mehreren Auszeichnungen gewürdigt. Interessant ist die Sanierung v. a. in konzeptioneller Hinsicht: Im Grunde stülpt sich nun eine exakte Kopie der Gebäudehülle über das noch vorhandene Original. Dieser Ansatz mag der reinen Lehre der Denkmalpflege widersprechen, doch hat er das tradierte Bild der Bauten im Stadtraum bewahrt.
Wo eine solche originalgetreue Detailarbeit nicht nötig oder nicht möglich ist, bietet es sich an, das alte Erscheinungsbild nach dem Dämmen in etwas freierer Weise nachzuempfinden. Bei einem Studentenwohnheim in München beschritten Knerer und Lang diesen Weg (s. S. 102-107). Loggien aus Sichtbeton bildeten vor dem Umbau ein Raster, das die Fassaden des Hochhauses aus dem Jahr 1972 prägte. Um der Wärmebrückenproblematik bei der energetischen Ertüchtigung nach EnEV 2009 zu entgehen, schlugen die Planer die Loggien dem Innenraum zu und schlossen sie mit einer gedämmten Hülle. Die Tiefenwirkung der früheren Freisitze mit ihrem Licht- und Schattenspiel stellten die Architekten nach, indem sie ein Raster aus Betonfertigteilen vor die neue Außenhaut hängten. Es lässt die alte Gliederung und Plastizität in etwas modifizierter Form wieder auferstehen. Das Vorhandene wird nicht einfach beliebig überformt, sondern subtil weiterentwickelt. Dem Ensembleschutz, unter dem das Hochhaus mit seinen Nachbarn steht, ist damit Genüge getan.
OFFENSIVE STRATEGIEN
Andere energetische Modernisierungen verzichten auf diese Behutsamkeit und treten stattdessen die Flucht nach vorne an: Nicht jedes Bestandsgebäude gehört zu den Höhepunkten der Baugeschichte, viele können von einer offensiven Überformung nur profitieren. Häufig entsteht durch das Dämmen eine gänzlich neue, anspruchsvollere Architektur. So brachte Georg Bechter ein biederes Einfamilienhaus im Bregenzer Wald auf Niedrigenergiestandard, u. a. indem er es mit einer 45 cm dicken Strohschicht einpackte (s. Abb. 2). Vor- und Rücksprünge des Eigenheims ließ er begradigen, Dachüberstände kappen, sodass ein kompakter Baukörper entstand. Dieser trägt nun eine Bekleidung aus Holzschindeln, wie sie vor Ort in der kleinen Gemeinde Egg typisch sind. Zusammen mit dem vorhandenen Mauerwerk bringt es der neue Wandaufbau auf einen Querschnitt von stolzen 80 cm. Diese besondere Wandstärke hat Bechter im Innenraum mit tiefen Sitznischen an den Fenstern inszeniert, außen machen ebenso tiefe Wandeinschnitte mit konisch zulaufenden Laibungen die Dicke der neuen Dämmschicht zum gestalterischen Thema.
In Südtirol schuf Michael Tribus mit einer ähnlichen Vorgehensweise sogar Italiens erstes Bürogebäude auf Passivhausniveau. Statt auf Stroh setzte er bei der Modernisierung der ehemaligen Bozener Post auf ein preiswertes WDVS von 35 cm Stärke (s. Abb. 3). Auch ihm ist es geglückt, dem Thema Energiesparen architektonischen Ausdruck zu verleihen. Aus dem dicken Dämmpaket schneidet er tiefe Fensterlaibungen und schrägt diese unregelmäßig ab; das starre Fassadenraster des Altbaus aus dem Jahr 1954 bleibt dabei weiterhin ablesbar, wird aber variantenreich überspielt. Die Sonne sorgt für ein lebendiges Schattenspiel, das sich im Tagesverlauf ständig ändert. Selten wurde mit einem Weniger an Aufwand ein Mehr an Wirkung erzielt. Tribus zeigt mit diesem Umbau, was sich mit etwas Experimentierfreude gestalterisch aus dem umstrittenen Bausystem Thermohaut herausholen lässt.
Einer der Gründe, weshalb viele Architekten Vorbehalte gegen das WDVS hegen, ist dessen Eigenschaft, verputzte Massivbauflächen zu imitieren – der hohle Klang beim Dagegenklopfen passt nicht zum evozierten Bild einer schweren Mauer. Doch was, wenn es gelänge, von vornherein einen optischen Eindruck von Leichtigkeit zu erzeugen? Wäre dann nicht ein adäquater architektonischer Ausdruck für das federleichte WDVS gefunden? Die Modernisierung der Stuttgarter Schönbuchschule wagt einen Schritt in diese Richtung (s. Abb. 4). Das Büro Architekturagentur verhüllte die Fassade zunächst komplett mit einer Dämmschicht und verteilte darüber punktuell noch einige zusätzliche Dämmstoffplatten, bevor das Ganze überputzt wurde. In relativ freier, a-tektonischer Anordnung sorgen die aufgedoppelten Elemente für Vor- und Rücksprünge und erzeugen eine plastische Wirkung. V. a. aber täuschen sie keine Massivität vor, sondern geben sich als leichte applizierte Bauteile zu erkennen, als zusätzliche dekorative Schicht – im Grunde eine abstrakt-moderne Weiterentwicklung barocker Stuckapplikationen. Durch das Ablegen architekturideologischer Scheuklappen wurde hier unbekümmert das gestalterische Potenzial des WDVS neu ausgelotet.
KOMBINATIVE STRATEGIEN
Besonders beim energetischen Sanieren von Denkmalen empfiehlt sich eine differenzierte Herangehensweise. Häufig ist es sinnvoll, mehrere Strategien miteinander zu kombinieren, wie dies etwa in Driebergen geschehen ist. Dort sollte eine alte Backsteinvilla zum ersten energieneutralen Denkmal der Niederlande umgebaut werden. Weil das Denkmalamt darauf bestand, die Straßenfassade unverändert zu belassen, dämmten die Architekten des Büros Zecc diese Wand auf klassisch defensive Weise von innen. Auf der Gartenseite jedoch hatten sie freie Hand und brachten von außen ein WDVS auf (s. Abb. 5). Sie unternehmen gar nicht erst den Versuch, den Eingriff zu tarnen, sondern betonen ihn ganz offensiv, indem sie um die vorhandenen Fenster herum ein Stück der Bestandsfassade ungedämmt lassen. Durch neue vorgelagerte Fenster, die außenbündig in der Putzebene des WDVS sitzen, fällt der Blick nun jeweils auf das dahinterliegende erhaltene Sprossenfenster mitsamt der alten Backsteinoberfläche; der Bestand wirkt wie in einer Vitrine inszeniert. Die Thermohaut begräbt nicht einfach alles unter sich, vielmehr bleibt die Überlagerung unterschiedlicher Zeitschichten ablesbar. Als zusätzlichen Clou ließen die Architekten Backsteine zermahlen, die beim Umbau der Villa als Abbruchmaterial angefallen waren, und verwendeten dieses Pulver anschließend als Zuschlagstoff für den durchgefärbten Putz, sodass er einen Roséton erhielt. Auf diese Weise entsteht eine materielle Kontinuität und die Oberfläche bekommt eine individuelle Anmutung, die auf der Historie des Gebäudes beruht.
KÜNFTIGE ENTWICKLUNG
Technische Fortschritte eröffnen neue Chancen beim offensiven Umgang mit der Gebäudedämmung. Die bereits oben angedeutete Möglichkeit, Dämmsysteme zur plastischen Gestaltung von Fassaden heranzuziehen, ist beispielsweise Gegenstand eines Forschungsprojekts, das vom Bundesbauministerium gefördert wird. Hild und K untersuchen darin die Frage, wie sich Gebäudehüllen auf Basis temperatursensitiver Aufnahmen modulieren lassen (s. Abb. 6, 7). Ausgangspunkt ist der unterschiedliche Wärmedurchgang verschiedener Bauteile einer Bestandsfassade. Mittels einer Thermografie berechnet ein Computer- programm Schwachstellen, Wärmedurchgänge und Wasserdampfdiffusionsströme des Gebäudes und generiert daraus ein dreidimensionales Modell. An jeder Stelle der Fassade soll anschließend exakt nur so viel Dämmung aufgebracht werden, wie dort benötigt wird – auf diese Weise erhält die Außenhaut ein völlig neues Relief. Es bildet die ursprünglichen Wärmeschutzqualitäten des Altbaus ab, leitet sich also vom Bestand her; gleichzeitig macht es aber auch die neue Funktion des Energie- sparens ablesbar. Bei dieser Methode behalten Gebäude auch nach einer energetischen Sanierung ihre Individualität. Noch befindet sie sich aber in der Entwicklungsphase.
Die gestalterischen Möglichkeiten, die in Dämmsystemen schlummern, sind noch lange nicht ausgereizt. Wie immer, wenn ein neuer Baustoff verfügbar ist, dauert es einige Zeit, bis ein eigener architektonischer Ausdruck dafür gefunden ist. So wie vor 100 Jahren Stahl und Beton zunächst rein konstruktive Aufgaben erfüllten und in der Regel hinter traditionellem Mauerwerk versteckt wurden, wird auch das WDVS bislang meist in Konstruktionen verwendet, die ein althergebrachtes Bild heraufbeschwören: das der verputzten massiven Wand. Doch allmählich zeichnet sich eine Emanzipation der Dämmstoffe ab, die es ermöglicht, sie als eigenes gestalterisches Mittel einzusetzen und für einen materialspezifischen Entwurf zu nutzen. •