Vor 200 Jahren wurde Ernst Litfaß geboren

Der »Säulenheilige«

Sie trägt einen runden Hut, steht viel im Freien und wird von Jahr zu Jahr dicker: die Litfaßsäule. Vor 200 Jahren kam ihr Erfinder Ernst Litfaß in Berlin zur Welt. Kaum jemand hat den öffentlichen Raum stärker verändert als er.

Am 11. Februar 1816 wird Ernst Litfaß als Sohn einer Druckereifamilie geboren. Mit Ende 30 hat er die Geschäftsidee, mit der er in die Geschichte eingehen wird: Er schlägt der Stadt Berlin vor, Säulen für das Anschlagen von Plakaten aufzustellen. Seine »Annonciersäulen«, wie sie zunächst heißen, sollen das wilde Plakatieren an Hauswänden beenden. In Zeiten, als es Massenmedien wie Radio, Fernsehen und Internet noch nicht gibt, ist das Plakat neben der Zeitung der einzige Kanal, über den sich Werbebotschaften, aber auch öffentliche Bekanntmachungen, Wahlaufrufe oder eben Annoncen verbreiten lassen. Entsprechend wild sieht es im Berlin der 1850er Jahre aus.

Litfaß stößt daher bei der Stadtverwaltung auf offene Ohren, als er ihr seinen Vorschlag unterbreitet. Sie räumt ihm das Recht ein, Säulen aufzustellen und als Werbefläche zu vermieten, verpflichtet ihn aber im Gegenzug, amtliche Plakate gratis aufzuhängen. 1855 werden 100 Säulen öffentlich präsentiert. An ihnen informieren sich in den folgenden Jahrzehnten v. a. viele Menschen, die sich keine Zeitung leisten können. Möglicherweise ist das der Grund, warum die Berliner Litfaß ihren »Säulenheiligen« nennen. Bei den Werbekunden ist die Erfindung beliebt, weil sie sicher sein können, dass ihr Plakat während der gemieteten Zeit nicht überklebt wird.

Von Berlin verbreitet sich die Litfaßsäule über ganz Europa. Heute sind allein in Deutschland mehr als 50.000 Stück im Einsatz. Eines der wenigen Exemplare, das seit dem 19. Jahrhundert bis heute erhalten geblieben ist, steht in Magdeburg und genießt Denkmalschutz. Viele der moderneren Säulen nehmen in ihrem Innern eine öffentliche Toilette oder ein Telefonhäuschen auf und tragen durch diese Funktionsbündelung dazu bei, den öffentlichen Raum zu entrümpeln. Häufig sind diese Edelsäulen beleuchtet, die Werbefläche wird digital bespielt und von Glas geschützt. Bei der typischen einfachen Ausführung hingegen klebt Plakat über Plakat, so dass die Säulen jährlich dicker werden. Bei rund 150 Schichten ist in der Regel Schluss und die Säule muss ihren Speckgürtel wieder abgeben.

~Christian Schönwetter