David Chipperfield über das Spannungsfeld Architektur-Denkmalpflege-Stadtplanung

Mehr als nur konservieren

Der Wachstumsschub, den viele Städte derzeit erleben, setzt auch viele Baudenkmale unter Druck. Grund genug, neu über die Rolle der Denkmalpflege in der Immobilienbranche nachzudenken und über ihre Bedeutung für die Gesellschaft.

Seit einiger Zeit wandeln sich die Bedingungen für den Schutz unseres architektonischen Kulturerbes, v. a. angesichts des wachsenden Drucks durch Stadtentwicklung und die Investmentbranche. Ohne die Herausforderungen beim Erhalt historischer Bausubstanz oder die Bedeutsamkeit von Restaurierung und Instandsetzung gering schätzen zu wollen, würde ich dennoch gerne Fragen des Denkmalschutzes in einem größeren Zusammenhang betrachten: Es geht mir um den Charakter unserer Dörfer und Städte. Wir können uns nicht nur auf Einzeldenkmale verlassen, um unsere gemeinsamen Vorstellungen von Identität und Geschichte zu transportieren – unsere Städte und der ländliche Raum sind dafür genauso wichtig.

Wir laufen Gefahr, durch Investitionsstreben und Entwicklungsmaßnahmen die Identität unserer Städte nach und nach auszuhöhlen. Bei der Stadtplanung sollten wir Denkmalschutz nicht als Widerpart von Neuentwicklungen betrachten, sondern beide als Teil der gleichen Intention. Denn sonst droht dieser Antagonismus, den wir über die letzten Jahre etwa in London erlebt haben, eine unausgewogene Stadt hervorzubringen: Dort wütet an vielen Stellen die Abrissbirne, während anderswo Gebäude musealisiert und künstlich geschützt werden – von Tourismus und Einzelhandel in Beschlag genommen, werden diese Bereiche zu einem synthetischen Abbild der Geschichte und einem Teil einer Kulturerbe-Vermarktungs-Industrie.

So wird zwar die Bausubstanz erfolgreich erhalten – was nicht zu unterschätzen ist –, auf dem Weg dorthin büßt sie jedoch einen Teil ihrer Bedeutung ein. Das Bewahren der Vergangenheit sollte nicht darin bestehen, sie zu isolieren, sondern sie relevant und signifikant zu machen.

Wie können wir das Schützen von Denkmalen, des Charakters und der Identität von Quartieren in den Stadtplanungsprozess einspeisen? Wenn Grundstückspreise weiter steigen, wird die Macht von Investoren zunehmend unüberwindbar und die Position von Planungsbehörden geschwächt. Wie kommen wir zu einer umsichtigeren Herangehensweise in Sachen Denkmalschutz und Stadtentwicklung?

Schutz von Gebäuden

Betrachten wir zunächst den generellen Ansatz, Kulturgüter zu schützen. Er bedarf natürlich keiner Rechtfertigung und die Argumente dafür müssen hier nicht wiederholt werden. Allgemein herrscht Einigkeit darüber, dass Musik, Malerei, Literatur und sogar Architektur zu unserem kollektiven Gedächtnis gehören und dass sie die Grundlage dessen sind, was wir gemeinhin »Zivilisation« nennen. Der Impuls, zu gedenken und zu erinnern, Dinge zu bewahren und Traditionen weiterzugeben, gehört zum Menschsein – nicht nur im aufgeklärten Europa, sondern in allen Kulturen. Nur durch Wertschätzung und Verständnis der Vergangenheit können wir sinnvolle Pläne für die Zukunft schmieden. Auf diesen Aspekt des Schutzes möchte ich gern näher eingehen – d. h. auf die Wichtigkeit, das Traditionelle als Grundlage unseres Fortschritts zu verstehen, oder anders gesagt auf den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft, laut T. S. Eliot »das Gespür nicht nur für das Vergangensein des Vergangenen, sondern für dessen Gegenwärtigkeit« [1].

Besonders das architektonische oder gebaute Kulturerbe ist in vielen Fällen zu einem bestimmbaren Vermögenswert geworden und zu einem Teil des Tourismus‘ und Stadtmarketings. So erhalten die wissenschaftlichen und emotionalen Motive, Gebäude und Ensembles zu schützen, eine zusätzliche ökonomische Komponente.

Als Architekt befasse ich mich in erster Linie mit der Errichtung, nicht mit dem Schutz von Bauwerken. Ich kann mich jedoch glücklich schätzen, dass ich speziell in Berlin in Angelegenheiten des Bewahrens und der Rekonstruktion eingebunden war. Ich glaube, in Berlin liegt die Faszination des Rekonstruierens darin, dass das Thema nicht auf das jeweilige Einzelgebäude beschränkt ist, sondern auch Teil des größeren Konzepts der Stadtreparatur ist.

David Chipperfield Neues Museum

Im Fall des Neuen Museums (s. Abb.) kann man sich natürlich auf die Besonderheiten des Bauwerks konzentrieren, aber tatsächlich hat uns immer auch seine Bedeutung im Kontext der Stadtreparatur fasziniert. In einem anderen Zusammenhang wäre vielleicht eine originalgetreuere Rekonstruktion angebracht gewesen. Bei der kürzlich abgebrannten Glasgow School of Art von Charles Rennie Mackintosh beispielweise erscheint mir kaum eine andere Lösung als die historische Rekonstruktion sinnvoll. Das zufällig ausgebrochene Feuer hat keinerlei Relevanz oder kulturelle Bedeutung. Das Neue Museum hingegen betrachteten wir im breiteren historischen Kontext der Zerstörung, Teilung und Wiedervereinigung Berlins. In einer Metropole, die sich ständig neu erfindet, hatte der Wiederaufbau des Museums meiner Ansicht nach das Potenzial, zur Gegenwartsgeschichte ebenso beizutragen wie zur historischen Bausubstanz der Stadt. Als Ruine trug das Gebäude eine Bedeutung, also sollte es auch als restaurierte Ruine bedeutsam sein.

Für mich lag die Faszination des Projekts in der Beschäftigung mit der historischen Stadt. Als Architekten sind wir immer enttäuscht, wenn die Leute sich nicht sonderlich für Architektur zu interessieren scheinen. Die Kontroverse, die durch unsere Herangehensweise an den Wiederaufbau des Neuen Museums ausgelöst wurde, war ziemlich beeindruckend. Viele deutsche Kollegen entschuldigten sich und meinten, dies müsse eine schreckliche Erfahrung für mein Team und mich sein. Aber genau das Gegenteil war der Fall, denn ich fand die Debatte faszinierend. Wenn wir das Interesse der Menschen an Architektur wecken wollen, dürfen wir uns nicht über ihr Engagement beschweren, nur weil es unsere praktische Arbeit komplizierter macht.

Für mich war die Lektion des Neuen Museums durchweg positiv: Architektur hat tatsächlich eine Bedeutung und wir sollten das Interesse der Menschen daran nicht unterschätzen, ihre Sorgen um den Ort, an dem sie leben, um die Gebäude, die sie umgeben, und um den Charakter ihrer Stadt.

Aber das Neue Museum, ebenso die Neue Nationalgalerie in Berlin und das Haus der Kunst in München, an denen wir auch arbeiten, sind symbolhafte Ausnahme-Bauten, Denkmale, die zwangsläufig mit einem Mehr an Bedeutung und kollektiven Emotionen aufgeladen sind. Was ist mit dem Rest der Stadt?

Denkmalschutz und Stadtentwicklung

Lassen Sie mich auf meine Anliegen als Architekt, nicht als Denkmalpfleger zurückkommen und Denkmalschutz im Lichte der Weiterentwicklung unserer Städte betrachten. Unsere Kommunen werden zunehmend zu einem Kampfplatz zwischen den Belangen des Denkmalschutzes und denen der Projekt- und Stadtentwicklung.

Ich glaube, die zukünftigen Herausforderungen an uns als Architekten und Planer werden sich mehr um die Stadt drehen, um den Schutz und die Berücksichtigung unserer Umwelt im Allgemeinen, unserer Ressourcen und der Lebensqualität, und weniger um die Wichtigkeit einzelner Gebäude. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was wir heute in unseren Städten erleben. Als Architekt will ich die Bedeutung von Architektur nicht unterbewerten, aber wir müssen Gebäude sowohl als gestaltetes Objekt als auch als Kontext betrachten, gleichermaßen als Vorder- und Hintergrund. Als Berufsstand sollten wir berücksichtigen, was das Einzelgebäude zur Gesamtheit von Stadt und Landschaft beiträgt.

Die Art, wie wir unsere Städte entwickeln, scheint auf Kosten ihrer Komplexität zu gehen, auf Kosten der Struktur und der Schichtungen, die sich aus organischem Wachstum und überlegter Planung ergeben und es dem Neuen und dem Alten, dem Guten und dem Schlechten, dem Privaten und dem Öffentlichen ermöglichen, sich zu einer dynamischen Mischung zu verbinden, wie wir sie von Städten erwarten. Der Grund für das Auflösen dieser Verbindung liegt klar im mangelnden Einfluss von Planungsbehörden, aber v. a. scheinen wir nicht über die richtigen Mittel oder Mechanismen zu verfügen, um zwischen kommerziellem Investment, professionellem Planungsprozess und Bürgerinteressen zu vermitteln. Erschwerend kommt hinzu, dass wir in bestehenden Städten immer etwas niederreißen müssen, um etwas Neues bauen zu können. Bei anderen Kulturgütern gibt es einen solchen Konflikt nicht: Man muss kein Gedicht zerstören, um ein neues zu verfassen. Wir müssen nicht darüber debattieren, ob eine Sinfonie von Beethoven schützenswert ist, oder versuchen, einen zeitgenössischen Komponisten davon abzuhalten, eine neue zu schreiben. Gebäude jedoch sind komplizierte Kulturobjekte, und das nicht nur, weil wir sie nutzen. Auch Keramiktöpfe und Silberkrüge benutzen wir, aber Gebäude besetzen immer ein Stück Land. Der Wert von Grund und Boden kann sich stark ändern und vielleicht muss sich unser Berufsstand künftig stärker damit beschäftigen, über neue Arten der Nutzung nachzudenken. In zunehmendem Maße sind großstädtische Grundstücke Gegenstand globaler Investitionen.

Bestimmte Bauwerke und Gebäudetypen sind diesem Verwertungsdruck weniger stark ausgesetzt, weil sie ganz klar von so hohem Rang sind, dass sie jenseits ihrer praktischen Aufgabe einen unangefochtenen Status erlangt haben. Derartige Gebäude definieren sich tendenziell durch ihre Einzigartigkeit, ihren Alterswert, ihre Qualität, ihre Seltenheit. Wir können sie leicht erkennen und als bedeutend einstufen.

Doch welchen Stellenwert räumen wir eher banaler Architektur ein, die zwar nicht von höchster Qualität ist, aber trotzdem zu Kontext und Charakter der Stadt beiträgt? Wie können wir Bauwerke schützen, die für sich genommen nicht so wichtig sind? Wenn man sich ihrer entledigt, verliert man Identität und in gewisser Weise eine historische Schicht. Geschichtlichkeit ist kein Vorrecht von Denkmalen. Natürlich gewinnen alltäglichere Gebäude, sobald sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, ebenfalls an Bedeutung und es wird einfacher, sie zu schützen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, bestimmte Denkmalzonen festzulegen, in denen nicht spezifische Gebäude geschützt werden, sondern die Qualität der Umgebung erhalten bleiben soll. Oft ist es Zufallsarchitektur, die einem Ort seine Identität verleiht.

Noch einmal möchte ich dies aus meiner Perspektive als Architekt beleuchten – als Architekt, der darüber besorgt ist, dass wir beim Bau unserer Städte deren Charakter und das, was sie leisten sollen, nicht genügend im Blick haben. Ich bin nicht dafür, alles zu schützen. Jedoch sollte bei der Entscheidung, was schützenswert ist und was nicht, mehr Sorgfalt walten.

Ebenso gilt es zu verhindern, dass die in Ehren gehaltenen Bauwerke lediglich als isolierte Touristenattraktionen enden – in einem sinnentleerten Denkmalschutz, bei dem ihre Substanz bestehen bleibt, der kulturelle Kontext jedoch verloren geht, bei dem die Festlegung dessen, was historisch von Bedeutung ist, zu einem Abkapseln von der Realität führt, bei dem das Erbe letzten Endes stirbt. Gleichzeitig werden Gebäude von geringerem Stellenwert durch nichtssagende Neubauten ersetzt, die nicht durch einen stadtplanerischen oder gesellschaftlichen Anspruch angestoßen werden, sondern allein durch die unausweichliche Macht von Investitionen.

Bei diesem Kampf geht es nicht um den Schutz von Bauwerken an sich. Vielleicht lässt sich der Verlust mittelmäßiger und sogar relativ guter Gebäude verschmerzen; aber das, was sie ersetzt, muss Rücksicht auf das nehmen, was zuvor dort stand – und auf die Umgebung. Darüber hinaus muss uns bewusster werden, dass neue Gebäude häufig gezielt auch eine neue Ordnung etablieren, die sich nicht rücksichtsvoll am menschlichen Maß und der Einwohnerschaft orientiert, sondern den abstrakten Regeln von Investition und Ertrag folgt.

In einem solchen Szenario werden alte Gebäude nicht als Beispiel oder als Wesenskern der Stadt erhalten, sondern lediglich aus nostalgischen Gründen und als Gegenmittel gegen die Unerträglichkeit des Neuen. Das darf nicht der Grund sein, sie zu schützen. Die Aufgabe des Denkmalschutzes und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit liegt nicht nur darin, Geschichte zu bewahren, sondern von ihr zu lernen.

Der Text basiert auf einem Vortrag, den David Chipperfield im November 2018 als Botschafter des Europäischen Kulturerbejahres gehalten hat – Anlass war die Eröffnung der Messe »denkmal« in Leipzig.

[1] T. S. Eliot: »Tradition and the Individual Talent«, aus: The Sacred Wood (1921)


David Chipperfield

1985 Gründung von David Chipperfield Architects. 1995-2001 Professur an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 2011 Gastprofessur an der Yale University. 2012 Kurator der 13. Architektur-Biennale in Venedig. Zahlreiche Ehrungen.


Projekte von David Chipperfield Architects im Denkmalkontext:

Berlin: James-Simon-Galerie (Foto: Ute Zscharnt)

Royal Academy London (Foto: Simon Menges)

Palmengarten Frankfurt a.M. (Foto: Barbara Straubach)