Casa Sperimentale in Fregene (I)

Eine Tragödie in drei Akten

In einem Vorort von Rom, direkt unter der Einflugschneise des Flughafens Fiumicino, versteckt sich ein Wohnexperiment aus der Zeit um 1970 in einem kleinen Pinienwald. Doch das Meisterwerk des Brutalismus ist im Verfall begriffen.

Text: Patrick Weber, Sabine Storp

Architekten bauen, gute Architekten experimentieren – sie versuchen, die Grenzen dessen, was sie können, immer weiter auszudehnen. Wenn man Glück hat, sind die Ergebnisse solcher Experimente ein Erfolg. Aber häufig klappt es nicht – wie im Falle der Casa Sperimentale. Eine Tragödie in drei Akten:

Erster Akt – die Exposition

Im Jahr 1968 startete das italienische Architektenpaar Giuseppe Perugini (1914-95) und seine Frau Uga de Plaissant (1917-2004) zusammen mit ihrem Sohn Raynaldo eines dieser waghalsigen Experimente. Der Plan war, im Küstenort Fregene, rund 30 km vor Rom, ein Sommerhaus zu bauen. Zusammen mit einem befreundeten Bauunternehmer, der vorher noch nie etwas in Beton verwirklicht hatte, fingen sie in einem kleinen Pinienwald an, ein Gebäude zu errichten. Ohne richtige Pläne, aber von einer Vision getrieben. Mittels Handskizzen bauten sie die folgenden sieben Jahre an diesem Projekt.

Giuseppe Perugini war Professor für Gestaltung an der Universität Roma Tre, mit einem Interesse am Barock und speziell an Borrominis Kapelle San Carlo alle Quattro Fontane. Er experimentierte als einer der Ersten mit Computern in der Architektur, um die Komposition von Räumen im Plan zu optimieren.

In der Casa Albero, dem Baumhaus, wie es die Familie nennt, wurden bestehende Regeln von Komposition verworfen, neue Bauweisen getestet, traditionelle räumliche Zuordnungen umsortiert. Der Entstehungsprozess war organisch, Entscheidungen wurden erst getroffen, wenn vorhergehende als Tatsachen vorhanden waren. Kein Wunder, dass es sieben Jahre dauerte, bis das Haus fertig war.

Der Baukörper entwickelte sich aus unabhängigen Boden- und Deckenelementen – losgelöst von der Erde, gehalten von einem umgreifenden Betonrahmen. Jedes Bauteil wurde von dem nächsten mittels Glasstreifen losgelöst. Der Grundriss besteht aus vier Ebenen, die ohne Trennungen durch Wände oder Türen ineinander übergehen. Lediglich die zwei runden Badezimmer, die an der Außenfassade hängen, sind durch Türen vom Hauptraum getrennt. Eine Metalltreppe führt vom Gelände hinauf in den Wohnraum. Die einzelnen Bauelemente wurden z. T. im Sand des Geländes gegossen und dann mittels eines primitiven Krans an ihren Bestimmungsort gehievt. So sind nicht nur die kugelähnlichen Badezimmer, sondern auch der »Orb« im Garten entstanden.

Zweiter Akt – die Entwicklung

Die Casa Sperimentale wurde im Alltag nie richtig bewohnt. Es gab keine Küche – man ging ins Restaurant und in die Bar. Zum Schlafen waren zwar Betten vorhanden, aber da man innerhalb von 30 Minuten zurück in Rom war, gab es kaum Anlass, im Haus zu übernachten. Das Gebäude scheint nie als Wohnung für die Familie konzipiert gewesen zu sein; eher war es ein Ort zum Repräsentieren, um Gäste zu empfangen. Fregene war damals die Sommerresidenz der intellektuellen Szene von Rom – der Filmemacher Federico Fellini lebte nur einen Steinwurf entfernt.

Dritter Akt – die Katastrophe

Als nach dem Tod von Giuseppe Perugini (1995) und Uga de Plaissant (2004) die Familie nicht mehr regelmäßig nach Fregene kam, begann der schleichende Niedergang des Gebäudes. Im Wochentakt wurde eingebrochen, es wurden Scheiben eingeschlagen und Einbauten herausgerissen. Doch dann kam die Casa Sperimentale zu unverhofftem Ruhm, als die italienische Hip-Hop-Band 777 das Haus für ein illegales Musikvideo nutzte. Alle Wände – innen wie außen – wurden mit Graffiti »verschönert«. Seitdem scheint es nicht mehr möglich zu sein, dem konstanten Fluss von (ungebetenen) Gästen Einhalt zu gebieten.

Im Moment steht das Gebäude offen, es regnet hinein, niemand kümmert sich um die Erhaltung der Substanz. Einer der Hauptträger auf dem Dach gibt langsam nach und mehrere der Metallschellen, die das Ganze zusammenhalten, sind schon durchgerostet. Schon bald könnte die Konstruktion zusammenbrechen. Derzeit wird versucht, in der Öffentlichkeit Interesse für das Gebäude zu wecken, um vielleicht auf diesem Weg Gelder für eine Instandsetzung zu generieren. Hoffentlich ist es dafür noch nicht zu spät.


Das Gebäude ist auch Thema einer Ausstellung:

17. Jan. – 03. März 2019

100 Jahre Bauhaus | Casa Sperimentale – das Baumhaus im Pinienwald
Eröffnung am 16. Januar 2019, 19 Uhr

Eine Ausstellung von Patrick Weber und Sabine Storp

architekturgalerie am weißenhof
Am Weißenhof 30, 70191 Stuttgart