Programmatische Büroumnutzung in Stuttgart

Umbau ohne Abfall

Räume als Geschichtenerzähler: Beim Transformieren eines Hochparterres zur Wohnbürogalerie hat Architekt Oliver Sorg alle Veränderungen der letzten 100 Jahre sichtbar gemacht. Und er schaffte es, sämtliches Abbruchmaterial vor Ort wiederzuverwenden.

Es ist immer wieder überraschend, was entsteht, wenn Architekten für sich selbst bauen. Im Stuttgarter Stadtteil Heslach hat Oliver Sorg ein ehemaliges Büro im EG eines unscheinbaren Gründerzeithauses zu einem nutzungsoffenen Allzweckraum umgebaut. Heute dient die Etage mal als Galerie, mal als Gästewohnung, Büro oder Veranstaltungsfläche. Die Transformation der Räume nutzte Sorg für ein architektonisches Experiment: Was kommt dabei heraus, wenn man konsequent die Spuren aller baulichen Eingriffe sichert und versucht, möglichst keinen Bauabfall zu erzeugen?

Gut dosierter Abbruch

Zunächst einmal übte er Zurückhaltung bei den strukturellen Veränderungen am Gebäude. Um einen durchgängigen Raum zu erhalten, wurde im Innern eine Wand entfernt. Ihre frühere Position zeichnet sich am Boden ab, wo jetzt ein simples Brett den PU-Belag aus den 90er Jahren unterbricht. Die Ausbruchstellen an der Wand sind unverputzt geblieben und zeigen das rohe Mauerwerk. Statt einen Unterzug aus Stahl oder Beton einzubauen, also neues Material zu verbrauchen, fuhr der Architekt zu einer Bauteilbörse und besorgte schwere Eichenbalken aus dem 17. Jahrhundert, die nun die Last der darüberliegenden Stockwerke abfangen – eine etwas andere Art, die F-90-Anforderung für tragende Bauteile zu erfüllen.

In die rückwärtige Fassade wurde ein großes, bodentiefes Fenster gebrochen, sodass sich die Etage jetzt zum begrünten Innenhof öffnet. Vor dem Sockel unter dem neuen, vierflügeligen Faltfenster, lassen sich zwei Stahlwangen ausklappen, mit Holzplanken belegen und damit in eine Treppe verwandeln. Die Sitzstufen laden zu einem Plausch in der Mittagspause oder bei einem Feierabendbier ein. Klappt man sie beiseite, kann das alte verzinkte Hoftor so gedreht werden, dass es vor der Fenstertür zu stehen kommt und als Absturzsicherung dient.

Zweites Leben

Diese Umdeutung vorgefundener Bauteile, ihr Wiedereinbau für neue Zwecke, ist symptomatisch für das ganze Projekt. Der Fenstersturz aus Naturstein, der nach dem Fassadendurchbruch übrig war, fungiert nun als Sitzbank im Hof. Die Holzbalken vom Abriss der Fachwerkwand im Innern bilden – gehobelt und aneinandergeschraubt – eine robuste Tischplatte in der Küche. Einer der Balken hängt an zwei Seilen im Durchgang zwischen den Räumen und lässt sich als Schaukel nutzen. Die ausgebrochenen Backsteine wiederum wurden zu einem neuen Ofen vermauert. Denn der alte Kachelofen genügt heutigen Abgasnormen nicht mehr. Er wurde aber keineswegs entsorgt, sondern hält die Erinnerung an frühere Zeiten wach. Sogar die ornamentalen Schlitze, die in die klappbaren Stahlwangen der Außentreppe geschnitten wurden, haben keinen Abfall erzeugt. Die ausgefrästen Metallstücke bekamen exakt die Form von Schraubenschlüsseln und lassen sich als solche weiterverwenden. Aus den Planrollen von Sorgs Architekturbüro wurde ein Raumteiler, aus alten Heizungsrohren eine Leuchtenskulptur.

Spurensicherung

Manches blieb einfach so erhalten wie vorgefunden, etwa eine verblichene alte Fototapete mit New-York-Motiv oder ein paar Bürorasterleuchten an der Decke. Anderes erzählt als Spur davon, was früher in den Räumen passierte, beispielsweise der Abdruck einer entfernten Kabeltrasse, der wie eine umlaufende Bordüre die Wände ziert.

An jeder Ecke spürt man die Wertschätzung, die der erhaltenen Bausubstanz und Ausstattung entgegengebracht wurde, egal wie banal sie auch war. Man spürt die Freude daran, Brüche zu inszenieren und die unterschiedlichen Schichten der vergangenen Jahrzehnte lesbar zu machen. Daher auch der Name des Projekts: »Zeitkapsel«. Diese Freude wird umso verständlicher, wenn man weiß, dass Sorg als Partner des Büros SFP Architekten in seinem Arbeitsalltag Verwaltungsbauten, Produktionshallen und Forschungszentren plant – alles sehr rational, sehr clean und sehr groß. Der kleine Umbau in Heslach ist genau das Gegenteil davon: Holz und Putz statt Stahl und Glas, handwerkliche Improvisation statt industrieller Präzision, Unfertiges mit Gebrauchsspuren statt Perfektion mit makellosen Oberflächen.

~Christian Schönwetter