Bücherei in Kressbronn

Lesen hinter Lamellen

Aus einer ortsbildprägenden Scheune sollten ein Bürgertreff und eine Bibliothek werden. Steimle Architekten vollbrachten das Kunststück, Licht ins Gebäude zu holen und dennoch den Charakter eines einfachen landwirtschaftlichen Nutzbaus zu bewahren.

In Tourismusregionen spielt der Erhalt eines intakten Ortsbilds eine besondere Rolle. Als 2009 in Kressbronn am Bodensee ein bis dato landwirtschaftlich genutzter Stadel brachfiel, erwarb die Gemeinde daher den klassischen Scheunenbau von 1923, denn mit seinem massiven Sockel, hölzernen Tennengeschoss und weit auskragenden Satteldach prägt das traditionelle Gebäude den Ortskern zwischen Marktplatz und Festhalle. Nun sollte es als Bücherei und Bürgertreff neu genutzt werden.

Für den Umbau zeichnet das Stuttgarter Büro Steimle Architekten verantwortlich. Die Planer bewahrten nicht nur die Aufteilung des Stadels in ein massives EG und ein luftigeres OG, sondern auch die vorhandene Silhouette ohne äußere Anbauten oder Veränderungen der charakteristischen Dachform. Dennoch verwandelten sie die ehemals introvertierte Scheune in ein offenes, einladendes Haus.

Das Sockelgeschoss aus grobem, verputztem Mauerwerk und Beton wollten die Architekten zunächst möglichst großflächig erhalten; während der Bauarbeiten zeigte sich aber, dass seine Substanz so schlecht war, dass es komplett abgetragen werden musste. Die neuen, 60 cm dicken Außenwände aus Dämmbeton erfüllen einerseits die energetischen und statischen Anforderungen der neuen Nutzung, andererseits lehnt sich die Materialwahl an den ursprünglichen Charakter des homogenen einschaligen Sockelmauerwerks an.

Das Tennengeschoss wurde ebenfalls abgetragen, allerdings eingelagert und nach Fertigstellung des EGs originalgetreu wiedererrichtet. Lediglich schadhafte und nicht ausreichend tragfähige Hölzer ließen die Planer durch baugleiche unbehandelte Balken aus Fichte und Lärche ersetzen. Die ehemalige Stülpschalung des Stadels mit ihren unregelmäßigen Ritzen interpretierten sie mit einer Lamellenfassade aus regionaler, vorvergrauter Weißtanne neu. Die starr montierten Lamellen sind in ihrer Vertikalachse in unterschiedliche Richtungen gedreht; dadurch entsteht ein lebendiges Fassadenbild, aber auch angenehm diffuses Licht in den Lesesälen.

Große, in den Sockel eingelassene Öffnungen mit tiefen Laibungen lassen auch viel Licht ins EG dringen, das als teilbarer Mehrzweckraum mit Ausstellungsfläche und 24-Stunden-Bibliothek vielfältig nutzbar ist. Zwei massive Betonkerne nehmen Nebenräume und Treppen auf, die die darüber liegende Bücherei und die zusätzliche Medien- und Zeitschriftengalerie erschließen. Gerade in den OGs entfaltet sich durch den hohen offenen Dachstuhl und das freiliegende Fachwerk ein spannendes Miteinander zwischen den alten Holzkonstruktionen und den modernen Sichtbetonoberflächen. Schönes Detail: In den Gefachen der Außenwände sind einige der Bücherregale platziert.

~Tanja Feil