Ehemalige Lukas-Kapelle in Bern (CH)

Wohnen unter dem Kreuz

Im Süden von Bern hat Cornelius Morscher eine nicht mehr benötigte Kapelle von 1924 zu Wohnzwecken umgenutzt. Die Reste des in den 70er Jahren verunstalteten Gebäudes blieben bewahrt und die Dimensionen des ursprünglichen Kirchenraums trotz neuer Einbauten spürbar.

Text: Hubertus Adam

Das Beaumont-Quartier südlich des Eigerplatzes in Bern entstand im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert als gehobenes Wohnquartier. Heute noch besticht es durch seine teils freistehenden, teils zu Zeilen verbundenen Bauten in Formen des Historismus, des Heimatschutzstils und des Neuklassizismus – auch seine großzügigen Vorgärten und die Häuser umgebenden Grünräume tragen zur Beliebtheit des Viertels bei. 1924 errichtete der Architekt Franz Trachsel, der gleichzeitig eine Siedlung für die Eisenbahner-Baugenossenschaft im nahegelegenen Weissensteinquartier realisierte, auf einem unbebauten Grundstück am Balmweg ein »Vereinshaus der evangelischen Gemeinschaft«. Dieses auch Lukas-Kapelle genannte Gebäude umfasste einen nach Süden orientierten Kirchenraum mit Emporen auf der Nord- und Westseite, einen kleineren Gemeindesaal unter der Nordempore und die Wohnung für den Pfarrer im DG. Zur Straße hin wirkte das Gebäude mit seinem markanten Treppenturm an der Südwestecke eher wie eine Villa denn wie ein Sakralbau; Zierelemente im Stil des Art déco verstärkten diesen Eindruck. Hohe Kirchenfenster wies nur die Gartenseite auf.
Vom Umbau zur Profanierung
1979 erfolgte ein radikaler Umbau, verbunden mit der weitgehenden Eliminierung der nicht mehr als zeitgemäß empfundenen Schmuckelemente. Die in der Mitte der südlichen Schmalwand befindliche Altarnische wurde entfernt, der Altar befand sich neu um 45 ° versetzt in der Südostecke, die Orgel in der Südwestecke des Innenraums. Milchig-braune Fenster, der Fliesenboden und eine grobschlächtige Holzdecke bestimmten das neue Interieur. Auch die Außenfassaden waren nun purifiziert, das Vordach aus braun eloxiertem Metall gehorchte dem Geschmack der Zeit. Eine weitere bauliche Intervention fand zu Beginn der 90er Jahre statt: die Einrichtung eines Jugendraums unter dem bisher nur partiell unterkellerten Kirchenschiff.
Die strukturelle Krise der Kirchen erfasste auch die evangelisch-methodistische Kirche, die Eigentümerin der Lukas-Kapelle. Die Entscheidung, das Gemeindeleben auf drei anstatt fünf Orte im Raum Bern zu konzentrieren, führte 2007 zur Aufgabe der Lukas-Kapelle, die fortan von einer anderen Glaubensgemeinschaft genutzt wurde. In einem zweiten Schritt entschied man sich zum Verkauf der Liegenschaft, da die methodistische Kirche Geld für den Umbau einer weiterhin benutzten Kapelle in Bern benötigte.
Aufgrund der massiven Veränderungen im Jahr 1979 stand die Kapelle nicht unter Denkmalschutz, was die Optionen einer Umnutzung verbesserte. Grundsätzlich wäre auch ein Abriss möglich gewesen, hätte aber angesichts der geringen Abstände zu den Nachbarbebauungen auf Basis der heutigen Baugesetzgebung eine Reduzierung des baubaren Volumens nach sich gezogen. Der Zustand des verbauten Gebäudes verschreckte fast alle Interessenten, bis der Berner Architekt Cornelius Morscher schließlich mit der Gemeinde handelseinig wurde.
Schwebendes Volumen aus Beton
Für sich, seine Partnerin und die gemeinsam mit ihnen lebenden vier Kinder war Morscher seit längerem auf der Suche nach einem unkonventionellen Wohnraum. Er hatte zunächst an eine alte Fabrik gedacht, doch nach dem Besuch der Kapelle beeindruckten ihn deren räumliche Dimensionen, vor allem die Höhe des Raums. Gleichwohl war klar, dass neben der Dachwohnung weitere vermietbare Wohnfläche geschaffen werden musste, um das Gesamtprojekt finanziell in den Griff zu bekommen. Das Problem ließ sich dadurch lösen, dass auf der Höhe der einstigen Emporen Platz für eine zusätzliche Wohnung geschaffen wurde. Die Wohnung beansprucht aber nicht die gesamte Geschossfläche, sondern tritt auf der Ostseite von der Fassade zurück. Dadurch konnten die vier hohen Kirchenfenster erhalten bleiben; in diesem Bereich bleiben die Dimensionen des früheren Raumes erlebbar. Und überdies wird der Einbau der zusätzlichen Wohnung mit dieser Strategie als Intervention sichtbar, als körperhaftes und geschlossenes Volumen aus Sichtbeton. Stützenfrei überspannt die Stahlbetonstruktur die Länge der früheren Kapelle. Die neuen Pfeiler zwischen den großzügigen Fenstern in der Südwand tragen die Last ab, während im Norden die bestehenden Stützen zwischen Kapelle und Gemeindesaal genutzt werden konnten.
Morscher ist es gelungen, den einstigen Kapellenraum gleichsam freizuspielen. Für Schlafzimmer und Bad in der Hauptwohnung gab es genügend Platz im einstigen Gemeindesaal, der Haupteingang liegt neu neben dem Treppenturm und nicht mehr weiter im Norden, wo der Windfang zu einem loggiaähnlichen Außensitzplatz geworden ist.
Dämmung mit Augenmaß
Das Konzept von Cornelius Morscher basierte auf der Idee, so viel vom historischen Bestand zu bewahren wie möglich. So blieb etwa die alte kreuzförmige Sprosseneinteilung der Kirchenfenster erhalten. Mit Klarglas sowie mit einer außen vorgesetzten Isolierverglasung versehen, wurde die bestehende Struktur ästhetisch wie technisch ertüchtigt. Die Sorgsamkeit im Umgang mit der verbliebenen Substanz zeigt sich aber auch am Äußeren: Um den Charakter der Straßenfassade und des Treppenturms mit ihren Art-Deco-Elementen zu bewahren, verzichtete der Architekt hier auf Wärmedämmung. Die übrigen, historisch nicht bedeutsamen oder ohnehin neuen Fassadenteile erhielten eine wirksame Außendämmung. Im Bereich der neuen Wohnräume im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss gibt es Fußbodenheizung, überdies sind die Räume mit einer kontrollierten Lüftung gemäß Schweizer Minergie-Standard versehen.
Die Kosten im Blick
Als Architekt und Bauherr in Personalunion habe er die Konflikte mit sich selbst ausmachen müssen, erklärt Cornelius Morscher im Gespräch. Ein beschränktes Budget erforderte immer wieder kostengünstige Lösungen. So leistete sich der Architekt zwar den Luxus von Schiebefenstern mit extrem schmalen Profilen, während bei den Wänden im Innern einfacher Grundputz verwendet und die Gipskartonwand zwischen Wohnraum und Schlafbereich lediglich gestrichen wurde. Und das Parkett besteht aus üblicherweise nicht verwendeten Abschnitten, die nicht aus dem Kernholz geschnitten sind. Dass sich Spuren der Benutzung abzeichnen, ist durchaus so vorgesehen; ein steriles Gebäude sei das letzte, das er sich wünsche.
Das Kellergeschoss mit den Technikräumen und dem früheren Jugendkeller in der Mitte blieb aus Kosten- und Zeitgründen bislang unangetastet. Hier könnten vielleicht ein kleines Büro oder eine Werkstatt entstehen. Für die Belichtung sorgt ein Fenster in der durch Abgrabung 1991 freigelegten Außenwand des Kellers. Nur renoviert wurde die Wohnung im Mansardgeschoss, die auch weiterhin mit Radiatoren ausgestattet ist. Die wichtigste Qualitätssteigerung ist der vergrößerte Balkon auf der Südseite. Und auch die Wohnung im 1. OG hat auf dieser Seite einen Balkon erhalten.
Wie man einen Sakralbau profan umwidmen kann, zeigt Morscher vorbildlich. Entstanden ist eine individuelle Lösung, welche dem historischen Baubestand Sorge trägt und überdies die früheren Dimensionen des Raums erfahrbar macht. Dass die sakrale Vergangenheit spürbar bleibt, aber nicht dominant wirkt, ist letztlich indirekt ein Resultat der Zerstörungen aus den 70er Jahren. Ohne Zweifel hätte ein Umgang mit dem gesamten Art- déco-Interieur damals zu einer anderen Lösung führen müssen als zu einer Purifizierung und Reduktion auf abstrakte Raumqualitäten. Und begünstigt wurde das neue Umnutzungskonzept schließlich durch die Dimensionen der Kapelle, welche letztlich nicht größer waren als eine der Villen ringsum. Eine große Kirche in Wohnraum umzuwandeln, erforderte ebenfalls eine andere Strategie. •
Standort: Balmweg 5, CH-3007 Bern
Bauherr: Paula Fragata und Cornelius Morscher, Bern
Architektur: Morscher Architekten BSA SIA, Bern, www.morscher.ch
Tragwerksplanung: WAM Planer und Ingenieure, Bern, www.wam-ing.ch
Bauphysik: Zeugin Bauberatungen, Münsingen, www.zeugin.ch
HLS-Technik: Basler & Hofmann West, Murten, www.baslerhofmann.ch
Umbauter Raum: 1 474 m3
BGF: 715 m2
Baukosten: 1,6 Mio. CHF
Beteiligte Firmen:
Natursteinarbeiten: GMB Granit- und Marmorwerk, Bösingen, www.granit-marmor.ch
Fenster Holz/Metall: Könitzer + Hofer, Worb, www.fenster-ch.ch
Fenster Kunststoff: Iseli und Trachsel, Grünen, www.iseliundtrachsel.ch
Fenster Alu: Gaeng Metallbau, Ittigen, www.gaeng-ag.ch
Verputzte Außendämmung: Heinz Ramseier, Golaten, www.malerei-ramseier.ch
Sonnenschutz: Swiss Sonnenschutz Swiss-Trade, Will, www.swiss-sonnenschutz.ch
Elektroinstallation: Peter Stucki Elektro, Ittigen, www.elektro-stucki.ch
Heizungsinstallation: Grize Heizungen, Muri, www.grize.ch
Lüftungsinstallation: MMP Klima, Belp, www.mmp-klima.ch
Spezielle Klimaanlage: Kamag Bern, Bern, www.kamag.ch
Sanitärinstallation: Ramseyer + Dilger, Bern, www.ramseyer-dilger.ch
Gipserarbeiten: Maler Pfister, Bern, www.maler-pfister.ch
Metallbauarbeiten: Leuenberger Metallbau, Lützelflüh, www.leumet.ch, Haas Gartenbau, Bern, www.haas-gartenbau.ch

Bern (CH) (S. 102)

3727723

Morscher Architekten
Cornelius Morscher
1985-89 Studium an der FH Biel. 1989-94 Berufstätigkeit als Bauleiter und Architekt. Seit 1994 eigenes Architekturbüro. Seit 2005 Fachpartner Minergie.
Hubertus Adam
s. db 1-2/2015, S. 112