Anerkennung

Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin

~Jürgen Tietz

Im Umgang mit historischen Bauwerken hält die denkmalpflegerische Wirklichkeit einen bunten Strauß unterschiedlicher Vorgehensweisen bereit – je nach Vorliebe und Zielsetzung von Bauherr, Architekt und zuständigem Denkmalpfleger. Das Spektrum reicht von der beliebten Hochglanzsanierung bis zur minimalinvasiven Instandsetzung, die leider eher selten anzutreffen ist. Gerade die Überlagerung unterschiedlicher Zeitschichten an einem Baudenkmal überfordert viele Betrachter, die sich stattdessen nach schönen heilen Denkmalwelten ohne Brüche sehnen. Insofern kommt der behutsamen Fassadeninstandsetzung bei der »Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin« Vorbildcharakter zu. Martin Focks Architekten und Philipp Dennerlein weisen nämlich nicht nur der historistischen Architektur Denkmalwert zu. Ihr Konzept bewahrt vielmehr auch die Spuren des Zweiten Weltkriegs, die Projektil- und Splittereinschläge, die sich im Elbsandstein der Fassaden bis heute erhalten haben, während sie ansonsten weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden sind. Damit bietet das Institutsgebäude ein interessantes Gegenüber zu David Chipperfields Neuem Museum, das gleich vis-á-vis auf der Museumsinsel steht.
Mit ihrem konservierenden Instandsetzungskonzept für das Haus, das 1879/83 für die preußische Verwaltung der direkten Steuern errichtet worden war, zielen die Architekten auf die höchstmögliche Erhaltung der erbauungszeitlichen Substanz. So wurden die historischen Holz-Kastenfenster überarbeitet und durch eine Dreifachverglasung energetisch aufgewertet. Für die Natursteinfassaden wurde ein fünfstufiges Reinigungskonzept entwickelt, das je nach Verschmutzungsgrad unterschiedliche Techniken anwendet – an vielen Stellen reichte bereits ein Niederdruck-Mikrotrockenstrahlverfahren aus. Kleinere Beschädigungen am Naturstein wurden belassen. Bei größeren Fehlstellen weichen die neu eingesetzten Füllstücke etwas aus der Fassadenebene zurück und lassen die ursprüngliche Schadstellenkontur unverändert sichtbar. Die Wiederherstellung der Hofdurchfahrt nach Befund sowie ein neuer Entwurf für die Toranlage und die Hofgestaltung runden die stimmige Gesamtwirkung des Projekts ab. •
Standort: Dorotheenstraße 1, 10117 Berlin-Mitte
Bauherr: Humboldt-Universität zu Berlin, Technische Abteilung, Ref. VC III, Berlin
Architektur: Martin Focks Architekten mit Philipp Dennerlein, Welschensteinbach und Berlin
Projektteam: Heike Blauert-Lühe, Heike Dennerlein, Martin Focks, Sabine Kühnast, Yakup Vardar
Tragwerksplanung: GSE, Berlin
Restaurierung: Stefan Grell, Berlin; York Rieffel, Berlin

Berlin, Humboldt-Universität (S. 117)

martin focks architekten
Martin Focks
1959 in Bochum geboren. 1978-87 Studium in Karlsruhe. 1988-90 Mitarbeit bei Stirling Wilford, Stuttgart. Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Kohlmaier und Dr. Barna von Sartory. Seit 1995 eigenes Architekturbüro, seit 1996 mehrere Projekte für die Humboldt-Universität.
Dennerlein Architektur
Philipp Dennerlein
1970 in Berlin geboren. 1994-2001 Architekturstudium an der HdK Berlin. Seitdem Zusammenarbeit mit mehreren Berliner Architekturbüros. Seit 2004 gemeinsames Büro mit Heike Dennerlein. 2008-14 Leitung des Berliner Büros von Martin Focks Architekten.
Jürgen Tietz
s. db 5/2013, S. 96