Universitätsbibliothek in Barcelona (E)

Vexierspiel im Wasserreservoir

Es war ein gewichtiges Erbe, mit dem die barcelonesischen Architekten Lluis Clotet und Ignacio Paricio beim Umbau eines alten Wasserreservoirs zu einer Universitätsbibliothek umzugehen hatten. Der katalanische Baumeister Josep Fontserè hatte das denkmalgeschützte Reservoir 1874 errichtet, um den von ihm entworfenenen Kaskadenbrunnen im benachbarten Parc de la Ciutadella mit Wasser zu versorgen; die Berechnung der gewaltigen Tonnengewölbe nach dem Vorbild des neapolitanischen Bades Mirabile de Bocoli hatte der junge Ingenieur Antoni Gaudí übernommen. In zehn langen Reihen ziehen sich die 1 m dicken, 14 m hohen Ziegelsteinmauern – von Bogenöffnungen in Pfeiler aufgelöst – durch das Reservoir. Durch die regelmäßigen Durchbrüche und die Tiefe des Raums wirkt das 65 m lange, fast quadratische Gebäude wie ein Spiegelkabinett.
Ein faszinierendes Bauwerk, dessen Charakter die Architekten erhalten und dessen Geschichte sie spürbar belassen wollten. Um die Eingriffe in den Bestand zu minimieren, verlegten Clotet und Paricio alle Räume für Logistik und Verwaltung in einen vorgelagerten Neubau. Dann entfernten sie Zwischenmauern, die man während der über 100-jährigen Geschichte in das Bauwerk eingezogen hatte, um es u. a. als Justizarchiv, Lager der Feuerwehr und als Polizeigarage nutzen zu können. Anschließend zogen sie eine Zwischenetage ein, sparten dabei aber sowohl in der Mitte des Raums als auch an den Seiten große Flächen aus. So wurden die 300 000 Bände der Bibliothek untergebracht – und zugleich unterschiedliche Atmosphären erzeugt: Wer sich in intime Winkel zurückziehen will, nimmt zwischen den Regalen auf den 2,5 m hohen Emporen Platz; wer hingegen die Gedanken durch die Weite des Raums schweifen lassen will, arbeitet an den Tischen in der Mitte unter den 12 m hohen Bogengängen. Durch fünf kreuzförmig angebrachte Oberlichter werden sie gekonnt in Szene gesetzt.
Die neuen Einbauten bestehen aus vorgefertigten Bauteilen. Vor die Pfeiler wurden Betonscheiben gestellt, die lange Stege aus Betonplatten tragen. Die Originalsubstanz bleibt dadurch unberührt, die Einbauten lassen sich später ohne Aufwand spurlos wieder entfernen. Einen solch behutsamen Umgang mit der Geschichte des Gebäudes pflegten die Architekten auch auf dem Dach. Dort wurde das überflüssig gewordene Wasserbecken nicht gänzlich entfernt, sondern durch ein niedriges Bassin ersetzt – symbolhaft lebt so die Vergangenheit weiter.
~Julia Macher