Büro- und Geschäftshaus in London (GB)

Roh und raffiniert

Zwischen der geschleckten Londoner City und der aufstrebenden Start-up- Gegend Shoreditch gelegen, ist Clerkenwell das ideale Viertel für Unternehmen, die sich selbst zwischen kreativ und gediegen definieren. Auch das Buckley Building spiegelt das wider: Beim Umbau wurde die rohe Substanz freigelegt und durch gezielte Interventionen raffiniert veredelt.

Text: Dagmar Ruhnau

Clerkenwell Green ist geprägt von engen Straßen und zumeist historischer Bebauung aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert. Während der Industrialisierung etablierten sich hier Brauereien, Destillerien und Unternehmen der Druckindustrie. Für exquisite Uhrmacherkunst war die Gegend ebenfalls bekannt, was sich heute noch in zahlreichen kleinen Juweliergeschäften zeigt. Auch bei anderen Kreativen ist sie beliebt und gilt durch ihre Lage in der Nähe der künftigen Crossrail-Station Farringdon als (bald) gut erreichbar – ein Standort, in den man gern investiert. Das ehemalige Woodbridge House füllt einen ganzen Block und weist mit seiner Spitze auf einen kleinen zentralen Platz mit Cafés sowie ein bisschen Grün und einer Kirche im Hintergrund. Es wurde in den 30er Jahren als Lagerhaus für Druckerpressen errichtet. Mit seinen weitläufigen Geschossen und stabilen Decken eignet es sich gut als Bürohaus und wurde schon in den späten 1980er Jahren, als die Gegend den ersten Gentrifizierungsschub erlebte, in eine Rechtsanwaltskanzlei umgebaut. Diese Ausbauten waren aber 2010, als das Architekturbüro Buckley Gray Yeoman den Auftrag zur Renovierung erhielt, völlig unzeitgemäß und entsprachen in keiner Weise den Vorstellungen der Projektentwickler von Derwent London, die das Gebäude gekauft hatten und heute an solvente »kreative« Unternehmen vermieten. Um diese Ziel-gruppe zu erreichen, setzt der Bauherr bei seinen Immobilien auf dezidiert designorientierte Architektur und Ausstattung, oft in Zusammenarbeit mit Buckley Gray Yeoman (das Gebäude wurde sogar nach dem verstorbenen Bürogründer Richard Buckley benannt).
Befreiungsschlag und Neuordnung
»Das Bauwerk bot eine hervorragende Grundlage«, formuliert der zweite Bürogründer Matt Yeoman seine Wertschätzung für das alte Haus: solide, gut erhalten, flexibel, mit viel Tageslicht bis in die Tiefe des Gebäudes. Die großen Fensterfronten ermöglichten sogar, das 250 m² große überdachte Atrium zu füllen, um auf allen Stockwerken mehr vermietbare Fläche zu gewinnen. Die alten Treppenhäuser blieben bestehen, an die Kerne lagern sich Besprechungsräume, Teeküchen und Toiletten an. Dazwischen erstrecken sich komplett offene Flächen, die von den Mietern aus den Bereichen Kommunikation, Werbung und Internet nach ihren Bedürfnissen selbst ausgestattet wurden – vom bunt zusammengestellten Mobiliar bis zur eher geschlossenen Struktur aus unterschiedlich großen Zellenbüros. Sämtliche »Monstrositäten der 80er Jahre«, etwa Trennwände, Bekleidungen des Stahltragwerks und tief abgehängte Decken, wurden ausgeräumt, sodass nun die robuste Schale aus den typischen gelben Londoner Ziegeln wieder präsent ist. Genietete Stahlträger und -stützen erhielten einen intumeszierenden schwarzen Anstrich. Durch einen aufgedoppelten Boden mit nur 23 cm Höhe, in dem die Leitungen für Strom, Telekommunikation, Lüftung und Heizung verlaufen, kommen die Räume mit fast ihrer vollen Höhe wieder zur Geltung. Die alten, weiß gestrichenen Stahlfenster wurden neu verglast und erhielten außen schwarze Stahlrahmen.
Das Atrium war mit einem gläsernen Tonnendach überwölbt. Dessen Stahlkonstruktion wurde mit Gipskarton geschlossen, die Form jedoch erhalten. Belichtet – oder besser: von Licht durchflutet – werden die obersten beiden Geschosse nun durch eine seitliche, schräge Verglasung, die das ehemals vorhandene Mansarddach ersetzt. Eine vor dreißig Jahren entstandene Dachterrasse wurde fast ganz dem Innenraum zugeschlagen, ein rund 2 m schmaler Streifen erlaubt es noch, draußen zu stehen und bis zu St. Paul’s Cathedral und Renzo Pianos Hochhaus »Shard« zu blicken.
Wichtigster Eingriff auf städtebaulicher Ebene war die Öffnung des Gebäudes zur Außenwelt. Zuvor wurde der Block durch Eingänge in den langen Seitenflanken betreten. Das EG lag ein halbes Geschoss über der Straße und die Brüstungen der Fenster fast 2 m über dem Bürgersteig, sodass der Bau abweisend wirkte und trotz seiner Größe auf dem angrenzenden Platz nicht wirklich präsent war. Nun befindet sich der Haupteingang auf Straßenniveau an der Spitze des Gebäudes. Eigentlich ganz logisch, doch nicht ohne einigen Aufwand zu haben: Der EG-Fußboden musste im Eingangsbereich auf Straßenniveau abgesenkt werden, ebenso wurden die Fenster auf den angrenzenden Hausseiten ganz heruntergezogen.
Wieder geöffnet
Der Empfang wurde seiner Funktion entsprechend repräsentativ gestaltet. Herzstück ist die mit »Carlo-Scarpa-ähnlicher Detaillierung« (Yeoman) in den Raum eingepasste Rezeption. Die Arbeitsfläche des Empfangstresens ist als meterlange Betonplatte ausgeführt, die in die Tiefe des Raums reicht, (scheinbar) das benachbarte Podest durchschneidet und sich als besondere Stufe in den Treppenlauf eingliedert. Gleichsam in der Mitte des Raums schwebend, erinnert sie an den ehemals etwa in dieser Höhe existierenden EG-Fußboden. Wo genau dieser verlief, lässt sich noch an den Resten der Betonplatte ablesen, die an den gemauerten Fassadenpfeilern sichtbar sind. Die übrige Fläche des EG befindet sich noch auf diesem höheren Niveau. Es lässt sich über die Treppe erreichen, die auf einem polierten Betonpodest auf dem ebenfalls polierten Betonboden ruht und mit ihrer außergewöhnlich sanften Steigung dazu führt, dass man gebremsten Schrittes hinaufschreitet.
Der Entstehungszeit des Gebäudes wird in zweierlei Hinsicht Respekt gezollt: Messing als Material für Treppengeländer und Türgriffe ruft die 30er Jahre ebenso ins Gedächtnis wie die eigens für den Empfangsbereich angefertigten Tische und Stühle. Auf die gelben Backsteinpfeiler des Bestands wiederum reagieren die schwarzen Ziegel des Treppenpodests. Dieses Podest verbirgt zugleich die Ablufttechnik: Durch regelmäßig ausgelassene Steine › › wird verbrauchte Luft aus dem Empfangsbereich abgesaugt – die Zuluft kommt eher profan durch Schlitze oberhalb der Rezeption. Schwarz ist als derzeitige modische Farbe für edle Gestaltung allgegenwärtig, doch wird das nicht zu Tode geritten. Während die freigelegten Deckenträger tiefschwarz ihre Funktion kundtun, schimmern die 6 m hohen schwarzen Stahlbleche hinter der Rezeption warm, und Treppenstufen und Podestbelag changieren ins Anthrazitfarbene.
Großen Wert legten die Architekten auf eine exakte Zusammenführung und Montage aller Elemente – kein Hexenwerk, meint Matt Yeoman, solange die Ausführenden mit Ehrgeiz an ihr Werk gehen. So liegen die Vorderkanten der Stufen genau auf einer Linie mit den Fugen zwischen den schwarzen Mauersteinen, die Betonplatte passt sich perfekt in den Treppenlauf ein und die Messingleisten auf den Stufen sind ebenfalls sauber eingelegt. Auch in der »Sauberlaufzone« war Akkuratesse gefragt: Statt › › einer schnöden Matte wurden viele kleine Rundlöcher in einem unregelmäßigen Muster in den Betonboden gebohrt und anschließend Edelstahlringe mit Teppichfüllung eingesetzt. Teuer? Nein, sagt Matt Yeoman – aber genau das, was Derwent London will: die Abwägung zwischen originellen Designideen und deren Preis.
Mehr als eine originelle Idee ist das Kunstwerk, das in der Lobby hängt, weil »irgendetwas fehlte«. Jeder kennt die Miniaturausgabe der fünf Kugeln, die Newtons Zweites Gesetz zur Grundlage haben. Als Illustration von Dynamik passt es gut hierher. Die Edelstahlkugeln wurden mit modernster Explosionstechnik hergestellt, sie werden von Airbus-Elektroantrieben bewegt und dienen als Fassung für LEDs, die an die Decke strahlen und den Empfangsbereich mit weichem, indirektem Licht versorgen. •
Standort: 49 Clerkenwell Green, GB-London EC1R 0EB
Bauherr: Derwent London
Architektur: Buckley Gray Yeoman, London
Tragwerksplanung: Heyne Tillett Steel, London
Haustechnikplanung: Norman Disney & Young, London
Kunstwerk F = MA im Empfangsbereich: Matt Yeoman
Nutzfläche: 7 800 m2
Baukosten: ca. 17 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Projektmanager: Quantem Consulting, London, www.quantem.co.uk
Betonarbeiten: Steyson, Ilford, www.steysonconcretefloors.co.uk
Rezeptionstisch und Treppe: Lowinfo Design, Boughton, www.lowinfo.com
Metallelemente: Marzorati Ronchetti, Cantù, www.marzoratironchetti.it
Leder-Arbeitsfläche, Fenstersitze: Bill Amberg, London, www.billambergstudio.com
  • 1 Empfang
  • 2 Laden
  • 3 Büro
  • 4 Technik
  • 1 Deckenaufbau (v. o .n. u.):
Sichtestrich, geschliffen, poliert, als Sockelplatte, ca. 80 mm Tragplatte, Beton, ca. 120 mm Stahlträger als Unterkonstruktion, IPE 400
2 Aufbau Treppe (v. o .n. u.):
Treppenstufe aus Beton, geschliffen und poliert, 65 mm oberseitig zwei Anti-Rutsch-Streifen mittels Nut in Beton eingesetzt Stahlbetonholm
stirnseitig Messingplatten als Abdeckung, jeweils in obere und untere Stufe mittels Nut eingearbeitet, 85 x 5 mm
  • 3 Empfangstresen als Stufe in Treppe integriert, Beton, geschliffen und poliert, 150 mm
  • 4 Betonfliesen
  • 5 Lüftungsschlitz, in rückseitigem Mauerwerk, zur Entlüftung Empfangshalle
  • 6 Treppengeländer, Messing, Fußpunkt in Beton eingelassen beidseitig innen Handlauf, Stahl, rund, d=50 mm

London (GB) (S. 104)

3843359

BuckleyGrayYeoman
Matt Yeoman
1997 Gründung von BuckleyGrayYeoman mit Richard Buckley und Fiammetta Gray. Mitglied des Gestaltungsbeirats Hackney Design Review Panel und der Jury für die International Building Press Awards.
Dagmar Ruhnau (~dr)
s. db 9/2015, S. 112