Ferienhaus in Morzine (F)

Kunstvoll durchbrochen

In einem Alpendorf haben die Architekten und Designer von JKA und FUGA Widersprüche vereint. Obwohl sie einen ehemaligen Bauernhof zu einem luxuriösen Feriendomizil umbauten, hat er seinen ursprünglichen Charakter bewahrt. Seine ornamental perforierte Holzbekleidung reagiert auf die Nachbarbebauung, bildet den Verlauf der Sonne ab und knüpft an Vorbilder in der alpinen Baugeschichte an.

{Text: Tanja Feil

Nicht selten beklagen die rund 3 000 Einwohner der französischen Alpengemeinde Morzine im Département Haute-Savoie den Verlust ihrer lokalen Baukultur. Freilich sind sie zunächst froh, wenn sich jemand entschließt, eines ihrer zahlreichen maroden Bauernhäuser zu renovieren. Doch das Ergebnis hat meist nur noch wenig gemein mit dem ursprünglichen Bestand. Anders bei der »Villa Solaire« im historischen Ortsteil »Pied de la Plagne«. Frühzeitig hatte die Gemeinde den voluminösen ortstypischen Bau aus dem Jahr 1826 mit seinem ausladenden Krüppelwalmdach als regionales Wahrzeichen für traditionelle Architektur unter Einzeldenkmalschutz gestellt. Der private Bauherr, der ihn zu einem Luxusferienhaus für insgesamt 16 Personen umbauen ließ, fand in Architekt Jérémie Koempgen (JKA) und den Designern Magdalena Recordon und Jérôme Aich (FUGA) Planer mit ausgeprägtem Sinn für die Besonderheiten des baulichen Erbes. Sie gestalteten den Bauernhof mit viel Bedacht um und legten dabei großen Wert darauf, dass er sich auch nach den Eingriffen noch harmonisch in ihre Umgebung einfügt; daher sollte das neue Erscheinungsbild sowohl Einflüsse aus den benachbarten Bergen und Wäldern widerspiegeln als auch lokale Traditionen wiederaufgreifen. Außen zeigt sich dies eindrucksvoll an der durchgehenden sägerauen Fichtenschalung mit eingearbeitetem ornamentalem Schlitzmuster, das die Planer zwar vorrangig aus nutzungsbedingten Gesichtspunkten, jedoch nach historischen Bezügen fertigen ließen (s. S. 99).
Lebendige Raumgeometrie
Bis auf die Hülle des Gebäudes blieb der Großteil der alten Konstruktionen bestehen. Denn das vorhandene Holztragwerk machte die innenräumliche Atmosphäre des Bauernhauses aus und sollte daher unbedingt erhalten und, wo möglich, sichtbar und v. a. roh belassen werden. Im Laufe der Zeit hatte es sich allerdings fast 40 cm aus seiner ursprünglichen Lage geneigt, sodass die Planer es zunächst wieder neu ausrichten mussten. Danach ließen sie sämtliche Holzoberflächen reinigen und konnten auch einige der alten Innenputze bewahren. Sofern möglich, wurden auch ausgebaute und in gutem Zustand befindliche Altmaterialien wie Holzbretter oder Schieferplatten aufgearbeitet und in anderen Bereichen wiederverwendet. Das neue Raumprogramm musste entsprechend auf die vorhandenen Holzständer und -träger abgestimmt werden. Der Entwurf reagiert darauf mit dem Motto einer »lebendigen Geografie«, mit unterschiedlichen Ebenen, Raumhöhen und -größen, ganz so wie sich auch die umgebende alpine Landschaft präsentiert. Daher wurde der gesamte Innenraum als 3-D-Modell nachgebaut und auch während der Arbeiten kontinuierlich aktualisiert, was sich als sehr hilfreich bei der komplexen inneren Organisation des Ferienhauses erwies.
Das Ergebnis: Das OG dominiert eine zentrale, bis zu 8 m hohe Wohnhalle mit offenem Dachgebälk und verschiedenen Ebenen und Aufenthaltsbereichen; sie öffnet sich zugleich zu allen vier Hausfassaden und geht in der westlichen Gebäudeecke in eine offene, ebenfalls zweigeschossige Küche über. Im Gegensatz zu diesen großzügigen Gemeinschaftsbereichen sind die Individualräume intim und beinahe heimelig gestaltet. Sie befinden sich im OG in den drei übrigen Gebäudeecken, im EG direkt unter der Küche, und verfügen jeweils über ein eigenes Bad. Besonderes Detail: Die Schlafplätze sind teilweise als separate, leicht erhöhte Kammern oder Kojen ausgebildet, ähnlich den Alkoven in alten Bauernhäusern, und lassen sich mit schweren Vorhängen vom restlichen Gästezimmer abtrennen. Auch in der Wohnhalle und im Zugangsbereich im EG können verschiedene kleinere Raumzonen mithilfe dieser dunkelgrauen Lodenstores geschaffen bzw. größere Fensterflächen verschattet werden.
Das ebenerdige Sockelgeschoss nimmt im Wesentlichen Nebenräume auf wie eine großzügige Garage, den Eingang, Umkleiden, Lager- und Technikräume, aber auch ein Spielzimmer und ein kleines Schwimmbad mit angeschlossenem Ruheraum. Die grau-braunen Schieferplatten, mit denen der Poolbereich – ehemals der Keller des Bauernhauses – ausgekleidet ist, bedeckten ursprünglich das Dach. JKA und FUGA entschieden sich jedoch dafür, das Gebäude neu mit Holzschindeln einzudecken, obwohl in der Region der Steinbelag in der Regel üblicher ist. Auf diese Weise erhielten sie eine Hülle komplett aus Holz und erreichten damit ihr Ziel, die Villa Solaire wie ein »alpines Waldprodukt« inmitten ihrer alpinen Umgebung wirken zu lassen.
Nähert man sich dem kompakten Gebäude, fallen einem zunächst die wenigen kleinen Fensteröffnungen ins Auge, die – wie bei der ehemaligen Nutzung – ein eher dunkles Innenleben vermuten lassen. Doch weit gefehlt. Um die Räume ausreichend belichten zu können, ersannen die Planer ein raffiniertes Muster aus vertikalen Schlitzen innerhalb der neuen Fassadenverschalung aus senkrechten sägerauen Fichtenholzbrettern. Denn aus Denkmalschutzgründen war es ihnen nicht gestattet, größere und v. a. sichtbare Verglasungen einzufügen; der einheitliche Charakter der ursprünglichen, weitgehend geschlossen Hülle sollte bewahrt werden. Um dennoch Tageslicht bis ins Herz des Gebäudes dringen zu lassen, griffen sie auf die traditionelle Technik des ornamentalen Ausschneidens von Holzbrettern zurück, die sich an vielen savoyischen Bauernhäusern findet. Bei der Villa Solaire selbst lässt sie sich auch noch am Balkongeländer auf der Südostseite ablesen – mit einem entscheidenden Unterschied: Während es sich beim Balkon um eine rein dekorative Gestaltung handelt, stellt die neue lichtführende Perforation der Gebäudehülle ein funktionales, nutzungsbedingt notwendiges Element dar. Die dahinterliegenden Verglasungen sind bündig mit der Innenseite der Außenwände ausgeführt und daher von außen nicht unmittelbar erkennbar. Zugleich nimmt das Schlitzmuster innerhalb der Fassade Bezug auf die traditionellen offen verarbeiteten Lattungen an Scheunen, die dem Trocknen des eingelagerten Heus dienen.
Obwohl die Anordnung der Durchbrüche auf den ersten Blick zufällig erscheinen mag, liegen ihr doch eine Reihe von Experimenten und zahlreiche Modelle und Prototypen zugrunde. Ausgangspunkt war der Lauf der Sonne. Die Planer vermaßen dafür zunächst akribisch die gesamte Fassade, fertigten aufwendige Belichtungsstudien an und berechneten die Bahn der Sonne im Jahresverlauf. Das Ziel: zum einen die Schatten abzubilden, die die Nachbarbebauung über den Tag verteilt auf das Gebäude wirft, und damit einen Bezug zur unmittelbaren Umgebung herzustellen; zum anderen jedes Zimmer über einen speziellen Ausblick mit der Landschaft und ihren zahlreichen Berggipfeln zu verbinden. Größere Öffnungen innerhalb des Lochmusters lassen meist auf die Nutzungsfrequenz der dahinterliegenden Räume schließen und sind in der Regel dort angeordnet, wo die Besonnung intensiver ist. Weil die vier Fassaden somit indirekt den Verlauf der Sonne aufzeigen, nannte man das Ferienhaus auch »Villa Solaire«.
Anfangs waren JKA und FUGA der Meinung, dass sich das komplexe Lochmuster am einfachsten und wirtschaftlichsten mithilfe digitaler Schnitttechniken herstellen ließe. Tests zeigten jedoch, dass eine handwerkliche Ausführung vor Ort Vorteile bot. Daher ließen sie zunächst eine geschlossene Fassadenverkleidung anbringen, auf diese dann die Aussparungen an der exakt berechneten Lage aufzeichnen und die Schlitze schließlich vertikal per Hand aussägen. Dies erlaubte zwar nur Standardschnitte und damit ein relativ einfaches zeitgenössisches Muster, das auf die Ausstattung und Technik abgestimmt war, die der örtliche Zimmerer für das bauseitige Bearbeiten von Fichtenholzleisten zur Verfügung hatte. Andererseits war es auf diese Weise möglich, bei Bedarf Anpassungen an den Bestand vorzunehmen und v. a. die gewünschten sägerauen Bretter zu verwenden – ein wichtiges Detail, das mit digitaler Schnitttechnik nicht umsetzbar gewesen wäre. In Anlehnung an die Bestandsfassade wählte man ungewöhnlich lange Bretter für die Neuverschalung, um den ursprünglichen Fassadenrhythmus zu erhalten. •
Standort: Chemin du Pied de la Plagne, F-74110 Morzine
Auftraggeber: privat
Architektur: JKA – Jérémie Koempgen Architecture, Nantes, www.jkarchitecture.fr
Design: FUGA – Jérôme Aich & Magdalena Recordon designers, Paris, www.fugadesign.fr
BGF: 620 m²
Nettogrundfläche: 493 m²
Baukosten: ca. 1,1 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Fassade/Sonnenschutz: Sonderanfertigung nach Entwurf JKA+FUGA, Laperrousaz Charpente Menuiserie, Saint-Jean-d’Aulps
Deckensystem Schwimmbad: Beleuchtete Spanndecke, Barrisol Lumière, X-Trem X1010 Blanc xmat, Normalu Barrisol, Kembs, www.barrisol.com
Eichenparkett: Otello chêne salvagio huile naturelle, Panaget, Bourgbarré, www.panaget.com
Kautschukbodenbelag: Norament 825/1902 gris martelé ref0882, Nora Systems, Weinheim, www.nora.com
Weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de

Morzine (F) (S. 94)

JKA – Jérémie Koempgen Architecture
Jérémie Koempgen
1976 geboren. Architekturstudium in Straßburg und Costa Rica. 2004-05 Projektmanagement bei MTM Arquitectos, Madrid, 2006 bei Architecture Studio, Paris. Seit 2007 eigenes Büro. Lehrauftrag in Nantes.
FUGA
Magdalena Recordon
In Valdivia (Chile) geboren. Grafikdesignstudium an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso, Berufstätigkeit als Grafikdesignerin in Santiago. 2003 Master Neue Medien an der ENSCI-Les Ateliers, Paris. 2008 Gründung von FUGA mit Jérôme Aich in Paris.
Jérôme Aich
In Paris geboren. 2001 Abschluss Produktdesignstudium an der der ENSCI-Les Ateliers, Paris. 2008 Gründung von FUGA mit Magdalena Recordon in Paris.
Tanja Feil
s. db 12/2013, S. 129