UN-Hauptquartier in New York (USA)

Hüllenlos mit 60

Auch das Zentrum der Welt ist vor dem Alter nicht gefeit: Nach rund 60 Jahren war es höchste Zeit für die Sanierung des UN-Hauptquartiers in New York. Noch sind die Arbeiten nicht ganz abgeschlossen, doch die einfühlsame Modernisierung der Vorhangfassade des Sekretariatsgebäudes zeigt bereits den großen Respekt, den die Vereinten Nationen der Architektur ihres Hauptsitzes entgegenbringen.

{Text: Simone Hübener

Eine gelungene Premiere: Nirgends auf der Welt hatte es zuvor eine solch große Vorhangfassade gegeben wie beim Sekretariatsgebäude der Vereinten Nationen in New York. Und wahrscheinlich blieb auch selten eine Gebäudehülle so lange nahezu unberührt wie diese. Bis zum Beginn der Kernsanierung 2010 waren noch alle Bauteile im Original erhalten und stammten damit aus dem Jahr der Fertigstellung 1951. Auch die einfachverglasten Fenster. Lediglich die Scheiben der Ostfassade waren schon in den 50er Jahren mit einer Folie beklebt worden, um ihren Ug-Wert zu verbessern. Allerdings mit einem großen Nachteil: Sie ließ das Glas grün schimmern und nahm ihm damit den Großteil seiner Transparenz. Zu Beginn der aktuellen Sanierungsarbeiten hatte die Fassade bereits 25 Jahre länger gehalten als angenommen. Für einen Tausch war es nun jedoch höchste Zeit: Die alte Hülle war schlecht isoliert, die Sonnenstrahlen erwärmten das Gebäudeinnere stark, teilweise war zu befürchten, dass Teile der Fassade abbrechen würden.
Architektenkomitee mit Le Corbusier, Niemeyer und Co.
Bereits am 24. Oktober 1949 und damit auf den Tag genau vier Jahre, nachdem die Charta der Vereinten Nationen 1945 in Kraft getreten war, wurde der Grundstein für das neue Hauptquartier gelegt. Der architektonische Entwurf war nicht in einem Wettbewerbsverfahren gefunden worden, sondern durch einen mehrmonatigen Planungsprozess eines großen Teams von Ingenieuren, Raumplanern und Architekten. Neben den bekanntesten Vertretern Le Corbusier und Oscar Niemeyer zählten zu dieser Gruppe weitere Baumeister aus verschiedenen Staaten rund um den Globus, die jeweils von ihren Heimatländern benannt worden waren. Dieses »board of design«, dem der Amerikaner Wallace Harrison vorstand, entwarf und entwickelte den neuen Hauptsitz der Vereinten Nationen für ein Gelände, das im Dezember 1946 für diesen Zweck erworben worden war. John D. Rockefeller Jr. hatte zuvor 8,5 Mio. US-Dollar (heute ca. 83,4 Mio. US-Dollar) an die Vereinten Nationen gespendet, mit der Vorgabe, das Geld für den Kauf des sieben Hektar großen Grundstücks zu verwenden. Obwohl zu diesem Zeitpunkt nur 51 Staaten Mitglieder der Vereinten Nationen waren, hatten die Planer bereits eine Zahl von 70 bis 80 Staaten vor Augen (mittlerweile ist auch diese Zahl mit aktuell 193 Mitgliedern weit überschritten).
Wärme- und Explosionsschutz
Das Ensemble aus Konferenzgebäude, Generalversammlung und 39-stöckigem Sekretariatshochhaus, das die Planer damals schufen, wurde bei der aktuellen Generalsanierung nicht nur in energetischer Hinsicht auf den Stand der Technik gebracht, sondern auch von Asbest befreit, besser gegen Explosionen geschützt und mit neuer Klimatechnik ausgestattet. Außerdem gibt es in den Büroetagen des Hochhauses so gut wie keine Einzelbüros mehr. Die meisten Angestellten arbeiten jetzt in Gruppenbüros. Dadurch soll zum einen die Kommunikation verbessert werden, zum anderen strömt mehr Tageslicht in die Räume und die Installation einer gut funktionierenden Klimatechnik gestaltete sich wesentlich einfacher.
Aus architektonischer Sicht kam allerdings dem Austausch der Vorhangfassade die größte Bedeutung zu. Sie sollte zum einen möglichst wieder so aussehen wie 1951, zum anderen musste sie deutlich energieeffizienter sein und gleichzeitig auch Explosionen in unmittelbarer Nähe des Gebäudes standhalten. Anlass zu dieser Vorsichtsmaßnahme gaben nicht nur die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington, sondern auch diverse Terrorangriffe auf Gebäude der Vereinten Nationen  in verschiedenen Ländern im Jahr 2009. Die Sicherheitsvorkehrungen, die natürlich streng unter Verschluss bleiben müssen, betrafen neben der Fassade auch die Tragkonstruktion und die räumliche Struktur des Konferenzgebäudes, das in Teilen direkt über dem viel befahrenen Franklin D. Roosevelt East River Drive, kurz FDR Drive, errichtet wurde.
Kein Gesichtsverlust
Der Erhalt bzw. die Wiederherstellung der ursprünglichen Erscheinung ist bei der Sanierung trotz des Komplettaustausches der Fassade geglückt: Die neuen Profile sind nur minimal dicker, mit bloßem Auge ist der Unterschied zum Original nicht zu erkennen. Zwar spiegelt das neue Glas immer noch leicht, doch der grüne Schimmer ist endlich wieder verschwunden. Die Fenster sind heute allerdings nicht mehr öffenbar, sondern festverglast. Gleichzeitig betragen der U- und der g-Wert der Zweifach-Isolierverglasung nun jeweils nur noch ein Viertel dessen, was vor der Sanierung gemessen wurde. Die Luftwechselrate beträgt nur noch 60 % im Vergleich zum Bestand. Dass die neue Fassade nun auch wasserdicht ist (was die alte nicht mehr war) und sich kein Kondenswasser mehr bildet, versteht sich von selbst. Die neue Hülle wirkt maßgeblich daran mit, dass das Gebäude nach der Sanierung dem LEED-Gold-Standard entspricht.
Alle neuen Elemente wurden im Werk vorgefertigt und dann jeweils an zehn aufeinanderfolgenden Stockwerken an das Gebäude montiert. Diese Vorgehensweise leitet sich vom Bestand her, denn nach jeweils zehn Etagen wird die Glasfassade durch zwei übereinanderliegende Reihen von Lüftungsgittern unterbrochen. Dahinter ist die Haustechnik untergebracht, die von dort aus jeweils fünf Etagen darüber und darunter versorgt.
Bei einer solch sensiblen Sanierung könnte man annehmen, der Denkmalschutz hätte gewisse Auflagen vorgegeben. Tatsächlich wäre die Unter-Schutz-Stellung des Gebäudes formal gar nicht machbar gewesen, da es keinen Staat gibt, der den Vereinten Nationen eine solche Vorgabe hätte machen können. Zum Glück haben die Verantwortlichen bei der UNO den Wert des architektonischen Erbes auch ohne diesen offiziellen Status erkannt und einen Masterplan erarbeiten lassen, der sich die einfühlsame Sanierung des gesamten Ensembles auf die Fahnen schreibt. •
Standort: First Avenue at 46th Street, New York, NY 10017, USA
Bauherr: United Nations, New York
Architekt: HLW International, New York
Fassadenplaner: R.A. Heintges & Associates, New York
Tragwerksplaner: Weidlinger Associates, New York
Haustechnik: Syska Hennessy Group, New York
Sicherheitsplanung: Kroll, New York

Simone Hübener
1980 in Aalen geboren. Architekturstudium an der TU Karlsruhe und der Università degli Studi Roma Tre. Seit 2007 freie Fachjournalistin im Bereich Architektur und Bauen. Seit 2010 Geschäftsführerin und seit 2015 Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins architekturbild.