Umnutzung Schuhfabrik Hug in Dulliken (CH)

Grüne Landmarke

Gleich hinter dem Bahnhof von Dulliken stand ein geschützer Industriebau aus den 30er Jahren lange leer. Adrian Streich Architekten haben ihn zu Lofts umgebaut und ihm dadurch ein neues Leben gesichert. Nun strahlt die Hauptfassade der ehemaligen Schuhfabrik Hug wieder in alter, lindgrüner Pracht und rückwärtig zeugt ein mächtiges Betonregal von heutigem Selbstbewusstsein.

{Text: Axel Simon

Die lindgrüne Fassade im Schweizer Mittelland ist Teil des kollektiven Gedächtnisses hiesiger Bahnreisender: kubisch klare Industrieeleganz, mehr als 100 m lang und vier Geschosse hoch. Schon 1978 zogen die letzten Arbeiter der Schuhfabrik Hug aus. Das Gebäude in Dulliken, Anfang der 1930er Jahre erbaut, diente als Lager und stand schließlich leer. Die Reisenden wurden Zeugen, wie es mehr und mehr verfiel, die großen, liegenden Fenster zerbrachen. Mehrere Versuche, es zum Wohnhaus umzubauen, scheiterten. In diesem Niemandsland zwischen Aarau und Olten wollte niemand Eigentumswohnungen kaufen. Die »Hugi« wurde zum Schandfleck. 2005 schmückte eine riesige, rote »100« die Fassade: Der Schweizerische Heimatschutz feierte dahinter seinen runden Geburtstag und gab so seiner Progressivität Ausdruck. Hunderte von Menschen sahen das Haus auf einmal nicht aus einem vorbeihuschenden Zug, sondern erkannten auch seine inneren Werte. Das half.
Industriehalle zu Lofts
Im Juni 2011 stellte der Kanton Solothurn das »bedeutendste Industriegebäude der Region« unter Denkmalschutz und unterstützte das Umbauprojekt mit 400 000 Franken. Der Unternehmer Markus Ehrat hatte bereits andernorts Industriezeugen zu Lofts umgenutzt und beauftragte mit dem Entwurf der neuen »Hugi« das Büro Adrian Streich Architekten. Diese mussten den Charakter der Südfassade zur Bahn ebenso erhalten (s. S. 111) wie das Betonskelett im Inneren, ein Werk des Ingenieurs Robert Schild. Bei diesem sogenannten Hennebique-System ruhen gevoutete Unterzüge auf achteckigen Stützen, die mit abnehmender Last von Geschoss zu Geschoss immer schlanker werden. Die Sanierung des Bestands war aufwendig: Die asbesthaltige Fassadenfarbe musste man kostspielig entsorgen, die Betondecken instand setzen, denn ihre Armierung war teilweise durch Wasser und Chlorid stark korrodiert. Um die Betondecken in den neuen Räumen sichtbar lassen zu können, führte man alle Leitungen in einem Hohlboden.
Adrian Streich, eine Größe im Zürcher Wohnungsbau, brachte eine überraschende Wohnungsvielfalt in die offene, aber rigide Struktur. Zwei Lofttypen kommen am häufigsten vor: ein schmaler Typ mit 95 m² und ein breiter mit 146 m². Die Wohnungstrennwände liegen in der Regel auf den Achsen der Stützen in der ehemaligen Haupthalle. Als Gipsständerwände belasten sie die bestehende Tragkonstruktion möglichst wenig. Drei dieser Wände sind wegen des Erdbebenschutzes aus Beton. Die kastanienbraunen oder schwarzen »Wohnmöbel« mit Küche, Bad und Einbauschränken lassen viel Luft zur 4 m hohen Decke, wo die sehnigen Betonunterzüge den Raum unter Spannung setzen. Die neuen Einbauten, geschreinert aus Schalungsplatten und MDF, drängen sich nicht in den Vordergrund und sprechen doch mit dem Vorhandenen. Robuste Pragmatik mit einem Hauch Baustelle. Hier kann man schick wohnen, aber auch ein Motorrad zerlegen. Mit Leichtbauwänden können die Bewohner in ihrem Loft ein oder zwei Zimmer abtrennen – eine lobenswerte Flexibilität bei einem Bautyp, der als nicht familientauglich gilt.
Lebendige Erschließung
Zwei neue Treppenhäuser und ein altes führen zu den Wohnungen. Vor der von der Bahn abgewandten Nordfassade steht ein doppelstöckiger Riesentisch. Seine beiden Betonplattformen von fast 5 Meter Tiefe dienen der Horizontalerschließung auf der ersten und dritten Etage; dabei nehmen sie nicht nur Laubengänge auf, sondern stellen vor jedem Loft noch einen sichtgeschützen privaten Außenraum bereit. Wenig Sonne hat man hier im Norden, doch einen schönen Blick auf die grünen Hügel in Richtung Basel. Auf der zweiten Etage liegt der Laubengang hinter der alten Fassade und bereichtert die Wege durch das Haus.
Der Wermutstropfen des Projekts findet sich nicht in oder am Gebäude, sondern davor: Ein schwarzer Hallenriegel nimmt den Bahnreisenden ihre gewohnte Sicht auf die grüne Eleganz. Ein wesentliches Element ist so verloren gegangen, doch ohne die Halle wäre das Projekt gescheitert. Der Bauherr bestand auf den industriellen Bau, der ihm Einnahmen sichert und einen gemeinschaftlichen Gartenraum schafft. Auf einem Drittel seiner Fläche mussten sowieso Altlasten versiegelt werden. Statt einer Lärmschutzwand schützen nun Ateliers und Kleingewerbe die Hugi-Bewohner vor dem Bahnlärm und tragen zur Belebung dieses nicht gerade zentralen Orts bei.
Der kantonale Denkmalpfleger hatte mit dem starken Eingriff an der rückseitigen Fassade keine Probleme. Die Auslagerung der Erschließung war notwendig, um die wertvolle innere Struktur und die südliche Hauptfassade zu schützen. Kämpfen musste er an anderer Stelle und schaffte es, den originalen Putz wenigstens an den Kopfbauten zu erhalten. Woanders war er in einem zu schlechten Zustand oder musste dem dünnen Dämmputz weichen, der an den Längsfassaden die innere Wärmedämmung unterstützt.
Ursprünglich sollte das Gebäude ausschließlich von außen gedämmt werden. Die feingliedrigen Proportionen und alle ursprünglichen Putzstrukturen wären jedoch durch eine dicke Dämmschicht zerstört worden. Mit Unterstützung der Denkmalpflege konnten die Architekten den Bauherrn von einer sorgfältigen Lösung überzeugen: Vor die innere Fensterbrüstung mörtelte man eine 14 cm starke Dämmung aus Porenbeton auf den alten Putz, über den Fenstern dämmte man den Sturz und den an die Fassade grenzenden Deckenbereich mit einer dünnen Polystyrolplatte, die als verputzte Aufdickung auf der Betondecke 1,20 m weit in den Raum greift. Außen musste der bestehende Putz zum Teil entfernt werden, zum Teil füllte man nur die Risse. Darauf brachten die Architekten mit einer Netzeinbettung einen 6 cm starken Dämmputz auf, den ein Deckputz mit Kellenzug und 1,3 mm Korn abschließt. Beim turmartigen Kopfbau wurde der ursprüngliche Putz erhalten und saniert. Hier dämmte man ausschließlich von innen mit 18 cm Porenbeton.
Die Idee, das markante Eulenlogo an der Fassade zu rekonstruieren, kam nicht vom Denkmalpfleger, sondern vom Bauherrn. Dem Architekten ist es zu verdanken, dass nun Holzfenster mit »echten« Sprossen die alten Stahlfenster ersetzen, statt solche mit aufgeklebten, wie sie die Denkmalpflege andernorts gutheißt. Die neuen Fenster haben allerdings nur noch 12 Felder statt der früheren 20, damit der Durchblick – trotz der neuen, stärkeren Verglasung – nicht an Transparenz verliert. •
Standort: Hugistrasse 1, CH-4657 Dulliken
Auftraggeber: NCW, Markus Ehrat, Windisch, www.ehrat-immobilien.ch
Architektur: Adrian Streich Architekten, Zürich, www.adrianstreich.ch
Tragwerksplanung: iPlus Bauingenieure, Sursee, www.iplusag.ch
HLK-Planung: Dr. Eicher+Pauli, Luzern, www.eicher-pauli.ch
BGF: 7 430 m²
BRI: 32 875 m³
Baukosten: ca. 18,3 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Dämmputz: Wärmedämmputz 450, Greutol, Otelfingen, www.greutol.ch
Fassadenfarbe: Grundierung mit Exposil Mineralgrund LF, Zwischen- und Deckanstrich mit Exposil Silicon-Mineralfarbe, Bosshard, Rümlang, www.bosshard-farben.ch
Fliesen Badezimmer: Global Collection, Steingut glasiert, Türkis uni/Olivgrün, Royal Mosa, Maastricht, www.mosa.nl
Bekleidung Wohnmöbel: Phenolharzplatten Sperracolor, Sperrag, Pratteln, www.sperrag.ch
Weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de
  • 1 Laubengang, außenliegend
  • 2 Laubengang, innenliegend
  • 3 private Vorzone
  • 4 Wohnen/Essen
  • 5 Schlafen
  • 6 Loggia

Dulliken (CH) (S. 106)

 

Adrian Streich Architekten
Adrian Streich
1966 in Zürich geboren. 1986 Vorkurs an der Schule für Gestaltung Zürich, im Anschluss Architekturstudium an der ETH Zürich, 1992 Diplom. 1992-98 Mitarbeit bei Burkard Meyer, Baden (CH). 1997 Gründung von Adrian Streich Architekten, Zürich. 1998-2001 Assistenz an der ETH Zürich. 2013-14 Gastprofessur an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne.
Judith Elmiger
1965 in Luzern (CH) geboren. 1989 Vorkurs an der Schule für Gestaltung Luzern, 1995 Diplom für freie Kunst. 1996-2000 Mitarbeit bei Interbrand Zintzmeyer & Lux, Zürich. 2001-06 freie künstlerische Tätigkeit. Seit 2003 Mitarbeit bei Adrian Streich Architekten als Partnerin.
Tobias Lindenmann
1976 in Brugg (CH) geboren. 2001 Studium an der Glasgow School of Art. 2003 Diplom an der Accademia di architettura di Mendrisio. 2004-08 Mitarbeit bei Rossetti + Wyss Architekten, Zürich. Seit 2008 Mitarbeit bei Adrian Streich Architekten, Zürich, seit 2011 als Mitglied der Geschäftsleitung.
Axel Simon
1966 in Düsseldorf geboren. Architekturstudium in Düsseldorf und Berlin, Studium der Geschichte und Theorie der Architektur in Zürich. Seit 1999 Tätigkeit als freier Architekturjournalist für die Schweizer und internationale Tages- und Fachpresse. Seit 2010 Tätigkeit als Redakteur bei Hochparterre.