Abgeordnetenhaus in München

Frisch gekämmt

Platte drauf und fertig: Beim Sanieren von Gebäuden ohne Denkmalschutz wird häufig ein Wärmedämmverbundsystem einfach stur in homogener Stärke über die Bestandsfassade gezogen. Nicht so beim Abgeordnetenhaus in der Ismaninger Straße in München. Die Architekten Hild und K entwickelten für den Bau ein ornamentales Relief, das sich konstruktiv begründen lässt und sich gestalterisch durch einen Wechsel von Kamm- und Kratzputz auszeichnet.

{Text: Claudia Hildner

Altbau oder Neubau? In den geschwungenen Verlauf der Ismaninger Straße fügt sich das sanierte Abgeordnetenhaus geschmeidig ein. Wer den Bau unweit des Max-Weber-Platzes im Münchner Stadtteil Haidhausen genauer unter die Lupe nimmt, fängt aber unwillkürlich an zu rätseln: Das Gebäude ist von einigen Gründerzeithäusern umgeben und die Anordnung der Fenster und Erker lässt vermuten, dass der Bau ebenfalls aus dieser Zeit stammt. Die Fassadengestaltung jedoch kann nicht ohne Weiteres einer bestimmten Epoche zugeordnet werden. Da ist einerseits der für viele Münchner Wohnhäuser des 19. Jahrhunderts typische Kammputz, andererseits scheint er sich aber wie ein komplexes, modernes Schnittmuster über die Außenhaut zu legen. Die rechteckigen Fenster in den OGs sind zwischen unterschiedlich dicken, nach oben hin zunehmenden Putzschichten eingebettet, die die Öffnungen in einer Art Kammform zusammenfassen. Die dadurch entstehenden »Zinken« beziehen sich in ihrer Breite auf die Rundbogenfenster im EG, sodass die gesamte Fassade als Einheit erscheint. Durch dieses Spiel von Flächen und Schichten wirkt die Gebäudehülle sehr zeitgemäß. Das Münchner Architekturbüro Hild und K, das bereits bei zahlreichen anderen Projekten einen furchtlosen Umgang mit Schmuckelementen unter Beweis gestellt hat, hat auch hier eine Fassade geschaffen, die sich einer allzu simplen Interpretation entzieht.
Effizienz verbessert, Erschliessung modernisiert
Das Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude hatte bis in die 1970er Jahre als Hotel mit Gaststätte gedient. Seitdem wird es zusammen mit zwei neueren Anbauten von Abgeordneten des Bayerischen Landtags genutzt, der unweit des Hauses im Maximilianeum residiert. Die Eleganz der neuen Fassade lässt fast vergessen, dass der eigentliche Grund für die Neugestaltung in der Verbesserung der Energieeffizienz liegt: Unter den Putzstrukturen verbirgt sich ein Wärmedämmverbundsystem, das zusammen mit den neuen, dreifach verglasten Fenstern und dem Anschluss an das Fernwärmenetz für deutliche Energieeinsparungen sorgt (s. S. 104). Weitere Wünsche des Bauherrn waren eine Modernisierung der Räume sowie eine barrierefreie Erschließung der 40 Abgeordnetenbüros und der Besprechungsräume.
Ursprünglich hatte der Hauptzugang zur Gaststätte repräsentativ an der Gebäudeecke gelegen. Als der Landtag die Immobilie erwarb und erste Umbauten vornehmen ließ, wurde nur noch der Seiteneingang in der Ismaninger Straße genutzt – der ehemalige Hauptzugang wurde zum Fenster umgestaltet. Hild und K machten diese Veränderung nun rückgängig und versetzten den Eingang wieder an die Ecke. Dort schufen sie zudem ein kleines Foyer mit Anschluss an das Hochparterre des Hauptgebäudes. Alternativ lässt sich über einen seitlichen Flur ein neuer, geschwungener Anbau erreichen, von dem aus mit dem Aufzug die verschieden hohen Geschosse von Haupt- und dreigeschossigem Nebengebäude angefahren werden können. Die Erschließung wurde im gesamten Bau neu geordnet: Stufen, die im Bereich des ehemaligen Hoteleingangs lagen, wurden entfernt und auch das ursprüngliche Treppenhaus, das sich im EG im Bereich der heutigen Teeküche befand, musste weichen. Stattdessen modernisierten die Architekten ein in den 1980er Jahren eingefügtes, auf elliptischem Grundriss errichtetes Treppenhaus, das wiederum die Ebenen von Haupt- und Nebengebäude miteinander verbindet. Statt des Geländers aus Metall, das diese Treppe ursprünglich prägte, führt heute eine geschlossene massive Brüstung nach oben, die das Bauteil noch stärker als Skulptur wirken lässt.
Blick in die Vergangenheit
Im Hochparterre sind drei Besprechungsräume und eine Teeküche angeordnet. Ein Bodenbelag aus Naturstein macht den öffentlicheren Charakter dieses Bereichs – im Vergleich zu den Bürogeschossen – deutlich. In der Wand zwischen dem größten Besprechungsraum an der Ismaninger Straße und dem Flur entdeckten die Architekten während des Umbaus zwei gusseiserne Originalstützen, die nach der Hotelnutzung eingemauert worden waren. Aus statischen Gründen konnte nur eine von ihnen freigelegt werden. Dafür wurde die Wand des Besprechungsraums an einer Stelle entfernt: Die Stütze steht nun in einem geschosshohen Spalt. Zum Flur hin ist er mit einer Verglasung versehen, sodass die Stütze erlebbar bleibt, die Sitzungen im Inneren aber dennoch ohne Störung ablaufen können. Auch in den OGs mit den Büroräumen wird auf die Entstehungszeit des Gebäudes Bezug genommen – allerdings nicht mittels originaler Bauteile, sondern über Details, die typische Elemente der Gründerzeit zeitgemäß interpretieren. Dazu zählen kassettierte Türblätter, Fischgrätparkett in Eiche sowie Technikkanäle, die die Decken der Räume zum Teil wie Stuckdekor rahmen.
Für ein Gründerzeithaus wartete die Bestandsfassade mit vergleichsweise wenigen Schmuckelementen auf: Faschen, Verdachungen über den Fenstern im ersten Stock sowie einem Gesims zwischen EG und 1. OG. Im Gegensatz zu den meisten Nachbargebäuden steht der Bau auch nicht unter Denkmalschutz. Daher verwarfen die Planer letztlich die Möglichkeit einer Innendämmung und entschieden sich für ein Wärmedämmverbundsystem, das allerdings in seiner Gestaltung auf das gewachsene Umfeld des Hauses reagieren sollte. Eine zu kleinteilige und ausladende Ornamentik ist mit dem WDVS nur schwer möglich, das Übereinanderschichten von Dämmplatten verschiedener Stärke nur begrenzt zulässig. Hild und K machten aus der Not eine Tugend und wählten ein Fassadenrelief, bei dem sie flächig mit unterschiedlich dicken Schichten arbeiten konnten. Für die konkrete Ausformung des Reliefs spielte die Konstruktion der vorhandenen Außenwände eine wichtige Rolle: Denn von unten nach oben nehmen diese in ihrer Dicke ab, im UG messen sie ca. 80 cm, ab dem Hochparterre etwa 70 cm und ab dem 2. OG nur noch rund 50 cm. Unterhalb und seitlich der Fenster sind jeweils Nischen ausgespart, was zusätzlich für reduzierte Wandtiefen sorgt. Die erforderliche Dämmstärke nimmt also in zwei Achsen zu: je weiter es an der Fassade vertikal nach oben und je näher es horizontal auf ein Fenster zu geht. Entsprechend arbeiteten die Planer mit Dämmstoffplattendicken von 120, 150, 180, 210 und 240 mm. Dort, wo das Relief kleinteilig wird, also etwa bei den Kreisornamenten, wurde jeweils eine eigens zugeschnittene 30-mm-Platte auf die darunter liegende Schicht gesetzt. Da die Dämmstoffstärken insgesamt nach oben hin zunehmen, gibt es keine waagrechten Flächen, auf denen sich Wasser ansammeln und die Fassade angreifen könnte. Das Prinzip, nach dem die Außenhülle gestaltet ist, orientiert sich also ebenso an ästhetischen wie an konstruktiven Gegebenheiten – und ist demnach nicht nur der Form, sondern auch der Funktion verpflichtet.
Auf die Dämmplatten wurde ein Putzsystem auf organischer Basis aufgebracht, das sich zur Straße hin mit zwei verschiedenen Strukturen – Kratz- bzw. Kammputz – präsentiert. Diese beiden Putzarten sind in München häufig zu finden und verstärken die Wirkung des Reliefs. Abschließend ließen die Planer die Außenwände mit organischen Farben in zwei unterschiedlich hellen Beigetönen fassen. Zum Innenhof zeigt sich die Fassade ebenfalls mit dem typischen Relief, allerdings verzichtete man hier auf die Kammputzflächen.
Neben dem Wärmedämmverbundsystem tragen auch die neuen Fenster zu einer Verbesserung der Energieeffizienz bei: Die deckend weiß gestrichenen Rahmen aus Fichtenholz glänzen mit einer Dreifachverglasung mit einem U-Wert von 0,50 W/m²K. Statt der dreiteiligen Sprossenfenster des Bestands entschieden sich die Planer für eine gestalterisch reduzierte zweiflügelige Variante, die sich harmonisch in das WDVS-Relief einfügt. Zusammen mit dem Anschluss ans Fernwärmenetz bewirken diese Maßnahmen, dass die EnEV 2009 hinsichtlich der Anforderungen an die Gebäudehülle und den Primärenergiebedarfswert nach der Sanierung um über 30 % unterschritten wird. •
Standort: Ismaninger Straße 9, 81675 München
Auftraggeber: Bayerischer Landtag, vertr. d. Staatliches Bauamt München 2, www.stbam2.bayern.de
Architektur (LPH 1-5): Hild und K Architekten, München, www.hildundk.de
Architektur (LPH 6-8): BM.C Baumanagement, München, www.bmc-baumanagement.de
Tragwerksplanung: Bracher Bock Ingenieure, München, www.bbi-statik.de
HLK-Planung: Ingenieurbüro Dr. Pitscheider, München, www.pitscheider.de
Elektrotechnikplanung: BBS-Project, Tiefenbach, www.bbs-project.de
BGF: 3 275 m²
Beteiligte Firmen:
WDVS Fassade: System Alprotect Carbon/Quattro, bestehend aus Klebemörtel Dämmkleber FW, Fassadendämmplatte Polystyrolhartschaum Alsitherm Carbon 032, Armierungsmassen Armatop Carbon/Quattro, Glasfasergewebe, Grundputz Siliconharz, Oberputz mit Kratz-/Kammputzstruktur Siliconharzputz T und Farbanstrich Siliconharz Alsicolor Sc, Alsecco, Wildeck, www.alsecco.de
Trockenestrich/-schüttung:Brio 18 WF/Trockenschüttung PA, Knauf Gips, Iphofen, www.knauf.de
Weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de

München (S. 100)
Hild und K Architekten
Andreas Hild
1961 in Hamburg geboren. 1987 Studium in Zürich, 1989 Diplom an der TU München. 1992-98 Hild und Kaltwasser, seit 1999 Hild und K Architekten mit Dionys Ottl. Seit 2013 Professur an der TU München.
Dionys Ottl
1964 in Peißenberg geboren. 1995 Diplom an der TU München. 1994-98 Mitarbeit bei Hild und Kaltwasser, seit 1999 Hild und K Architekten mit Andreas Hild.
Matthias Haber
1976 in München geboren. 2002 Diplom an der FH München. Seit 2002 Mitarbeit bei Hild und K Architekten, seit 2011 Partner. 2006 Master an der ETH Zürich. Seit 2012 Korrekturassistenz an der TU München.
Claudia Hildner
s. db 12/2013, S. 129