Schlachthalle »Nave 8b« in Madrid (ES)

Filigran aus Fundstücken

Inspiration lauert an jeder Ecke. Bei der Umwandlung einer Lagerhalle des ehemaligen Madrider Schlachthofes in ein Verwaltungs- und Veranstaltungsgebäude fand der ortsansässige Architekt Arturo Franco die entscheidende Gestaltungsidee per Zufall beim Spazierengehen: auf einer Müllhalde.

{Text: Julia Macher

Der alte städtische Schlachthof »Matadero«, ein Anfang des 20. Jahrhunderts vom spanischen Architekten Luis Bellido erbautes, 12 ha großes Areal im Süden Madrids, verwandelt sich seit 2007 sukzessive in ein gewaltiges Kunst- und Kulturzentrum – mit teils überraschenden architektonischen Lösungen. Ein Beispiel ist die »Nave 8b«, heute ein Verwaltungs- und Veranstaltungsgebäude, dessen Wände das Architekturbüro Arturo Franco von innen mit einem Mauerwerk aus alten Dachziegeln verkleidet hat. Die Nave 8b ist ein zweigeschossiger Anbau der Schlachthalle 8 am nordöstlichen Rand des Areals. Ins Blickfeld der Planer kam die mit 1 000 m² Nutzfläche vergleichsweise kleine Anlage, nachdem ein größeres Umbauprojekt für die Hallen 8 und 9 aus Kostengründen auf Eis gelegt werden musste.
Wie der gesamte Komplex steht auch die Nave 8b unter Denkmalschutz, daher durften weder die historistische Fassade noch die Raumkonzeption verändert werden. Mit einer halben Million Euro war das Budget ohnehin nur für das Notwendigste zugeschnitten: die Ausbesserung des Tragwerks, die Instandsetzung des Dachs sowie die für die neue Nutzung notwendigen Wärme- und Schallschutzmaßnahmen. Bei der Dachsanierung ließ der Architekt zunächst die Ziegeldeckung, die vorhandene Dämmung und die marode Holzverschalung ausbauen; anschließend ersetzte man zwei hölzerne Dachverbände durch quadratische Stahlhohlprofile, brachte als neue Dämmschicht Isopaneele auf und dichtete alles ab. Statt der üblichen Holzverschalung verwendete der Architekt eine 5 mm starke Stahlblechlage als neue Dachuntersicht. Dass die Dachziegel, die die Handwerker erst ab- und dann wieder aufdeckten, auch beim restlichen Vorhaben eine große Rolle spielen würden, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.
Das ursprüngliche Konzept hatte vorgesehen, mit Spritzbeton Tonscherben auf die Wände aufzutragen: ein gut wärme- und schalldämmendes Material, das auf dem ehemaligen Schlachthof in Massen vorhanden war, insofern einen Bezug zu Ort und Umgebung besaß und dem Projekt einen nachhaltigen Charakter verliehen hätte. Nachdem Arturo Franco bei einem Spaziergang über das Gelände zufällig eine Deponie mit alten Dachziegeln entdeckte, die von Modernisierungen in Nachbargebäuden übrig geblieben waren, änderte er jedoch seinen Plan: Denn bei gleichen bauphysikalischen Vorteilen boten diese Fundstücke auch noch neue gestalterische Möglichkeiten. »Diesen Zufallsfund ins Projekt einzuarbeiten, war für uns eine ethische Verpflichtung«, sagt Arturo Franco. So erhielten alle Wände, sowohl im Vorraum als auch im heute als Büroraum genutzten EG und im darüberliegenden Veranstaltungs- und Ausstellungsraum, eine Vorsatzschale aus Dachziegeln.
Zufallsfund mit Folgen
Dazu ließ der Architekt die Ziegel längs halbieren und mit Zementmörtel so übereinander vermauern, dass die abgerundeten Enden jeweils auf der Mitte des darunterliegenden Ziegels lagern. An den Bestandswänden wurden die Vorsatzschalen mithilfe gebogener Blechstreifen von 1 mm Dicke befestigt. Dazu schraubte man auf Höhe jedes fünften Dachziegels einen elastischen Blechstreifen an die Altmauern, trug eine Aufspritzdämmung auf und versenkte dann das lose Ende der Streifen im Mörtel der neuen Dachziegelwände. Da der Mörtel jeweils nur in kleinen Haufen unter die zweckentfremdeten Ziegel gesetzt wurde, erhielten die Vorsatzschalen eine fast flechtwerkartige Struktur: Die daumenbreiten Hohlräume und Lücken lockern die Oberfläche auf und lassen die Wände trotz ihrer Dimensionen leicht und filigran wirken. Dass sie zudem wegen ihrer unregelmäßigen Oberfläche schallbrechend sind, ist ein willkommener Nebeneffekt.
Zwischen Auftrag und Baubeginn lagen gerade einmal zwanzig Tage, das Büro arbeitete also unter enormem Zeitdruck. Viele konstruktive Details, etwa die Form der Vermauerung über Eck, entschieden sich erst beim Bau. Eine Arbeitsweise, die auch Spielraum für gestalterische Experimente ließ: Die Trennwand im OG verfügte über mehrere rechteckige Öffnungen, über die früher Schlachtabfälle in den daneben liegenden Lagerraum geschüttet worden waren. Diese Verbindungsfenster hat Arturo Franco mit einer Art tönernen Jalousie versehen: Statt die Dachziegelwand einfach weiterlaufen oder die Öffnungen ganz frei zu lassen, hat der Architekt jeweils eine Reihe ausgespart. Von den Seiten ragt nun jeweils ein Ziegel bis zur Öffnungsmitte; durch die Spalten können Neugierige einen Blick in einen vom Umbau ausgenommenen Gebäudeteil werfen, der einen Lagerraum beherbergt.
Die Dachziegelwände sind aber nicht nur Vorsatzschale, sondern dienen auch als Raumteiler. Vor dem Sanitärbereich im Obergeschoss hat Arturo Franco ganze Dachziegel zu einer Art spanischen Wand vermauert. Struktur und Charakteristika dieses ungewöhnlichen Baumaterials treten hier besonders gut zu Tage.
Konsequent wiederverwendet
Den Ansatz, alte Bauteile neu zu nutzen, hat das Architekturbüro auch bei Fenstern und Türen konsequent umgesetzt. Rahmen und Türblätter wurden aus den noch gut erhaltenen Holzkonstruktionen des Daches gefertigt; dabei wurden die Rahmen nicht gezimmert, sondern lediglich mit Schraubzwingen fixiert: Der provisorische Charakter irritiert, gehört aber zum Konzept. Arturo Franco wollte die verwendeten Materialien so wenig wie möglich bearbeiten. Diese Idee hatte das Büro bereits bei einem anderen Projekt im Madrider Schlachthof verfolgt: dem Zentrum Intermediae, einer Art Begegnungsraum für Künstler und Besucher, ausgezeichnet mit dem Preis der Stadt Madrid für Gebäudesanierung.
Francos Vorhaben begegnete die Stadt Madrid als Bauherrin dennoch mit Misstrauen: Die Stadtverwaltung fürchtete, das Ergebnis könne »zu unsauber« wirken. Auch der Polier musste während der Arbeiten davon überzeugt werden, die Ziegelzwischenräume nicht vollständig mit Mörtel auszufüllen. Auf Anraten des Architekten experimentierte er selbst an einem Sockelstück – und ließ sich letztendlich vom ästhetischen Reiz des »Muts zur Lücke« überzeugen. •
Standort: C/ Paseo de la Chopera, 14, ES-28045 Madrid
Auftraggeber: Stadt Madrid, Kulturabteilung, www.madrid.es
Architektur: Estudio de Arquitectura Arturo Franco, Madrid, www.arturofranco.es
Tragwerksplanung: Mecanismo, Madrid, www.mecanismo.es
Bauleitung/Kostenplanung: José H. Largo Díaz, DITE, Madrid
Generalunternehmer: Pecsa Gestion Inmobiliaria, Madrid
Nutzfläche: 1 000 m²
Baukosten: 500 000 Euro
Beteiligte Firmen:
Flachdachpfannen: Borja Tejas cerámicas, ES-Torrejón de Ardoz, www.borja.com
Holzwolledämmung: Eraclit-Venier, IT-Venezia Marghera, www.eraclit.biz
Geschliffener Betonboden: Hormigones del Jarama, ES-Cienpozuelos, www.hormigonesdeljarama.com
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de
  • 1 Vorraum
  • 2 Büro
  • 3 Lager
  • 4 Besprechung
  • 5 Mehrzweckraum
  • 6 Luftraum

Madrid (S. 106)

Estudio de Arquitecture Arturo Franco
Arturo Franco Díaz
1972 in La Coruña geboren. 1998 Diplom an der Polytechnischen Hochschule Madrid ETSAM. Seitdem Tätigkeit als praktischer Architekt, Dozent, Architekturkritiker und -publizist tätig. Derzeit Lehrauftrag für Architekturanalyse und -kritik an der ETSAM, Gastprofessuren an diversen anderen Universitäten.
Julia Macher
1975 in Freiburg geboren. Studium der Geschichte, Germanistik und Politik an der Humboldt-Universität Berlin. Absolventin der Berliner Journalisten-Schule. Seit 2004 in Barcelona ansässig, von dort Berichterstattung über Gesellschaft und Kultur für Rundfunk und Printmedien in Deutschland.