Ökologisch korrekt

Energetische Sanierung Bauhausgebäude Dessau

Wie lässt sich ein Musterbeispiel der klassischen Moderne energetisch aufrüsten, ohne dabei seine charakteristischen Gestaltungsmerkmale zu verlieren? Der Berliner Architekt Winfried Brenne setzte beim Bauhauskomplex in Dessau nicht nur auf ein neues haustechnisches Konzept, sondern auch auf eine veränderte Nutzung der Gebäudeteile. Und dank eines eigens entwickelten Fensterbausystems ließ sich das Erscheinungsbild der alten Stahlfenster bewahren.

~Falk Jaeger

Man sieht nichts. Wirklich nicht. Die neuen Fenster am Nordflügel und am Ateliergebäude (»Prellerhaus«) des Bauhauses vermag auch das geübte Auge nicht als solche zu erkennen und von den noch nicht ausgewechselten zu unterscheiden. Wer sich schon einmal vor die Aufgabe gestellt sah, historische Stahlfenster mit Einfachverglasung durch Neukonstruktionen ersetzen zu müssen, die heutigen Normen entsprechen und trotzdem wie die alten aussehen sollten, der kennt den Kampf um jeden Millimeter Profilstärke und um jeden Prozentpunkt des Wärmedurchgangswiderstandes.
Nun ist der Energieverbrauch nicht gerade jenes Leistungsmerkmal, für das sich die internationale Fangemeinde des Bauhauses interessieren würde. Aber die Stahlfenster, sowohl die bauzeitlichen als auch jene der Rekonstruktion aus DDR-Zeiten – und nicht nur die der weltberühmten Glasfassade, auch die aller anderen Fassaden – sind eben wärmetechnisch kaum mehr wert als Jutesäcke. Zudem stellen Außenwände, Dächer und die Untersicht der Brücke nicht gerade energiesparende Konstruktionen dar und so kam natürlich die Frage auf, ob man die weltbe rühmte Ikone der Moderne angesichts enormer Betriebskosten und teilweise untragbarer Raumklimaverhältnisse nicht doch energietechnisch optimieren könne. Zumal der Bau ja voll genutzt wird und die Begeisterung der Mitarbeiter für ihre als Welterbe geschützte Arbeitsstätte auch jeweils über den nächsten Winter gerettet werden soll.
Den Verbrauch reduzieren
Der Berliner Architekt Winfried Brenne – einer der versiertesten Spezialisten, wenn es gilt, moderne Bauten der 20er Jahre denkmalgerecht zu modernisieren (Einsteinturm Potsdam, Gewerkschaftsschule Bernau, Siedlung Onkel-Toms-Hütte Berlin, Meisterhaus Schlemmer/Muche Dessau, um nur einige seiner Arbeiten zu nennen) – war beauftragt, die energetische Sanierung des Bauhauses anzugehen. Die Klimaingenieure von Transsolar zog er zur Beratung hinzu. Gemeinsam entwickelte man ein Modernisierungskonzept für das Bauhausgebäude, immer die Landeskonservatorin und zusätzlich die ICOMOS-Sachverständigen im Nacken, die natürlich bei Weltkulturerbe nicht gerade kompromissbereit agieren. Knapp 4 Mio. Euro standen aus dem Konjunkturpaket II sowie 1,3 Mio. Euro aus dem UNESCO-Sonderprogramm des Bundesbauministers zur Verfügung.
Mit einem Bündel von Maßnahmen konnte der Energieverbrauch schließlich um ein Drittel gemindert werden. Zum Beispiel durch eine intelligentere, dezentrale Heizungssteuerung mit »Feuchtigkeitsampel«, die den Mitarbeitern anzeigt, wenn sie lüften müssen (optional auch auf ihrem Bildschirm). Durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Nordflügels (und auf dem flachen Nebengebäude), deren temporäre Betriebsgenehmigung mit der prognostizierten Lebensdauer der Flachdachdeckung korreliert.
Besonders wirksam: die Nutzungsänderung. Der Werkstattflügel mit der emblematischen Glasfassade beherbergt keine Dauerarbeitsplätze mehr, sondern dient öffentlichen Nutzungen, Ausstellungen und Veranstaltungen und muss daher nur noch auf 16 °C geheizt werden. Die Büroarbeitsplätze konzentrieren sich nun im Nordflügel, der mit den neuen Fenstern ausgestattet wurde.
Vielleicht kann das Bauhaus auf diese Weise erneut Anreiz und Vorbild für ästhetische technische Neuerungen sein: Wenn es nämlich gilt, wertvolle Exemplare der modernen Architektur der Zwanziger-, aber auch der 50er Jahre zu modernisieren und energetisch zu ertüchtigen.
Wollte man das Bauhaus energetisch ertüchtigen, musste man zwangsläufig mit den alten Einscheiben-Stahlfenstern beginnen. Der Wärmedurchgangskoeffizient von 5,8 W/m²K, an sich schon indiskutabel, sagt nicht einmal viel aus, wenn die undichten Rahmen Wind und Regenwasser kaum Widerstand entgegensetzen. Das galt auch für die Fenster von 1976. Ein spezielles Gutachten hatte zu klären, welche Glasflächen zu erhalten, welche zu verändern und welche zu ersetzen waren. Zum Beispiel steht die eng am Original orientierte Rekonstruktion der berühmten Vorhangfassade des Werkstattflügels aus etwas stärker dimensionierten Aluminiumprofilen von 1976 als besondere Leistung der DDR-Denkmalpflege unter Schutz.
Bauzeitliche Fenster, die als Vorlage für die zu ersetzenden Fenster dienen konnten, fanden sich nur wenige, hauptsächlich im Sockelbereich. Anfängliche Überlegungen, lediglich deren Scheiben gegen Isolierglas mit geringerem Scheibenabstand zu ersetzen, mussten als kaum wirksam rasch verworfen werden. Mit den am Markt verfügbaren Stahlprofilen ließen sich aber die feinen Blend- und Flügelrahmen nicht rekonstruieren. Winfried Brenne hatte jedoch die Schweizer Firma Montanstahl AG aus Stabio ausfindig gemacht, die der historischen Vorgabe entsprechende, warm gewalzte Flachprofile lieferte. Und er fand die Firma MHB bv aus dem holländischen Herveld, die bereit war, aus diesen Profilen die benötigten Fenster zu bauen. Sie setzt dazu ein patentiertes Laser-Schweißverfahren ein, mit dem auf den Walzstahl Klemmprofile aus Edelstahl aufgeschweißt werden. Darin werden die Stege aus glasfaserverstärktem Kunststoff geklemmt, die die thermische Trennung übernehmen.
Die so entstehenden T-Profile sind in der Ansicht extrem schmal und kommen den ursprünglichen Fenstern von 1925 näher als die Einfachprofile der Rekonstruktion von 1976, als man die im Krieg verlustig gegangenen Fenster möglichst originalgetreu zu simulieren versuchte. Die heutigen Fenster haben auch die gleichen Öffnungsflügel und -mechanismen wie die Originale. Darüber hinaus ermöglichten die eigens entwickelten Profile die Rekonstruktion der bauzeitlichen Beschlagsysteme – der sichtbaren Basküleverschlüsse und Klappflügelbeschläge – , die nach dem Vorbild der bauzeitlichen Ausführungen nachgebaut und nachgegossen werden konnten. Auch die für die Innenansicht wichtige Verkittung konnte originalgetreu ausgeführt werden.
Ein kniffliges Problem ließ sich freilich nicht konventionell lösen: Da die bauzeitliche Stahlunterkonstruktion der Fensterlaibungen erhalten bleiben musste, kamen im Gewände zur Kondensatvermeidung selbstbegrenzende Heizungsbänder als Begleitheizung zum Einsatz.
Ein Großteil der Fenster des Nordflügels und des Ateliergebäudes sind mittlerweile ausgetauscht und kommen dem ursprünglichen Erscheinungsbild erheblich näher als die gröberen Rekonstruktionen aus DDR-Zeiten. Diese orientieren sich zwar ebenfalls am bauzeitlichen Bestand, sind aber von der Profilausbildung stark vereinfacht, in der Zahl der Öffnungsflügel reduziert und in den Öffnungsfunktionen abgewandelt. Da die nun neu entwickelten Fenster in vielen Bereichen nach der Bauregelliste BRL [U1] nicht geregelte Konstruktionen sind, musste ein Antrag auf Zulassung im Einzelfall erwirkt werden, die nach einer gutachterlichen Stellungnahme der TU Dresden erteilt wurde.
Stellte sich noch die Frage nach den 1925 eingebauten Gläsern. Walter Gropius hatte teures Kristallspiegelglas einsetzen lassen, geschliffenes und poliertes gezogenes Glas ohne Wellen und Verzerrungen, vollkommen klar und hochglänzend. Modernes Floatglas erreicht diese Eigenschaften ohne Weiteres. Nach zahlreichen Bemusterungen entschied man sich aus denkmalpflegerischen Gründen für ein unbeschichtetes Weißglas mit dem ungünstigeren Ug-Wert von 2,6 W/m²K statt eines beschichteten mit 1,0 bis 1,6 W/m²K.
Historische Stahlfenster gehören zu den schwierigsten Problemen bei energetischen Sanierungen. Gerade Einscheiben-Metallfenster ohne thermische Trennung gibt es auch bei vielen Gebäuden aus den 50er Jahren. Auch hier kann ein Fenstersystem wie das von Brenne und MHB entwickelte die lange gesuchte Lösung darstellen. •

Falk Jaeger
1950 in Ottweiler geboren. Studium der Architektur und Kunstgeschichte in Braunschweig, Stuttgart und Tübingen; Promotion. Dozent für Architekturtheorie an der TU Dresden. Freier Architekturkritiker in Berlin, zahlreiche Veröffentlichungen, Bücher, Fernseh- und Radiosendungen.

Standort: Gropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau
Bauherr/Nutzer: Stiftung Bauhaus Dessau, www.bauhaus-dessau.de
Architektur: 1925/26: Walter Gropius; 2011/12: Winfried Brenne Architekten, Berlin, www.brenne-architekten.de

Klima- und Energiekonzept: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart, www.transsolar.com
Bauphysik/Akustik: GN Bauphysik Finkenberger + Kollegen Ingenieurgesellschaft mbH, Stuttgart, www.gn-bauphysik.de
Baukosten: Fördersumme BMVBS: ca. 5,4 Mio. Euro

Beteiligte Firmen:
Fenster/Fensterprofile: MHB bv, Herveld (NL), www.mhb.nl
Halbzeuge Fensterprofile: Montanstahl AG, Stabio (CH), www.montanstahl.com
Flachdachabdichtung: Sarnafil TG 66–15, Kunststoffdachbahn mit Glasvlieseinlage, Sika Deutschland GmbH, Stuttgart, www.sika.de
PV-Module: mikromorphe Dünnschichtmodule auf Klarglas, X-Series-Micromorph, Inventux Technologies, Berlin, www.inventux.com


Winfried Brenne Architekten

Winfried Brenne
1942 geboren in Plauen. 1969-75 Architekturstudium in Wuppertal und an der TU Berlin. 1975-78 Architekt im Berliner Büro AGP, 1978-90 Architekturwerkstatt Helge Pitz – Winfried Brenne. Seit 1990 eigenes Architekturbüro Winfried Brenne Architekten. 1990-92 Lehrauftrag für Architektur an der TFH Berlin. Seit 1994 zusätzlich Architekten-Arge Winfried Brenne – Joachim Eble in Berlin, seit 2001 zusätzlich Brenne Gesellschaft von Architekten.