Herderzentrum in Weimar

Eingepasst und angeeckt

~Christian Schönwetter

Mit zwei Anbauten hat die evangelische Kirche in Weimar ihr Gemeindezentrum am Herderplatz erweitert. Gildehaus Reich Architekten fügten die beiden Baukörper sensibel in eine vorhandene Altstadtzeile ein und fanden dafür eine gestalterische Lösung, die moderne Formen geschickt mit historischen Bezügen verknüpft. Das Herderzentrum verteilte sich bislang auf zwei denkmalgeschützte Gebäude, die zuletzt durch Gemeindeleben, Tourismus und Kulturbetrieb stark überbelegt waren. Zu ihrer Entlastung bekamen sie nun die beiden Annexe, die u. a. einen großen Gemeindesaal, einen Kirchenladen und einen Aufzug aufnehmen – jenen Teil des Raumprogramms also, der in den kleinteiligen Grundrissen der alten Häuser nicht ohne Substanzverlust unterzubringen gewesen wäre. Pfarramt, Kantorat, Sozialräume und zwei Wohnungen fanden hingegen im Bestand Platz.
Das eine angefügte Volumen schmiegt sich in eine Baulücke, das andere besetzt eine prominente Straßenecke. Trotz ihrer zeitgenössischen kubischen Formen greifen sie mit verputzten Lochfassaden, pastellfarbenem Anstrich und weißen Faschen zahlreiche Gestaltungselemente der Umgebung auf, während sie mit übergroßen Fenstern zugleich ihre öffentliche Nutzung anzeigen. Das mehrfach verspringende Flachdach des Eckbaus übernimmt die Traufkanten der Nachbarn zur Rechten und zur Linken und vermittelt zwischen deren unterschiedlichen Höhen.
Die beiden alten Häuser stammen im Kern noch aus der Renaissance, waren im Barock bzw. Klassizismus jedoch stark überformt worden. Diese jeweils dominierende Zeitschicht nahmen die Architekten als Leitbild für die Instandsetzung. Die Fassaden erhielten zunächst einen 6 cm dicken Kalkputz mit dämmenden Perliten als Zuschlagstoff und anschließend einen mineralischen Anstrich. Die grüne Farbe des einen Hauses basiert auf Befunden, die blaue des anderen wurde in Abstimmung mit der Denkmalpflege aus einer Reihe gängiger Töne des Klassizismus frei gewählt. Wo die alten Fenster noch in gutem Zustand erhalten waren, ergänzt eine zweite innere Glasebene sie nun zu Kastenfenstern. Jüngere Nebengebäude an der Rückseite der Häuser ließen die Architekten abbrechen und stattdessen wieder die ursprünglichen Laubengänge anfügen – in abstrahierter Form, da die originale nicht mehr bekannt ist. Die Gänge erschließen Bestand und Anbauten gleichermaßen und tragen wesentlich zur Verzahnung von Alt und Neu bei.