Institutsgebäude in Dresden

Einfühlsam weitergebaut

Zahlreiche Bauten der TU Dresden stammen aus einer umfassenden Campuserweiterung aus der Zeit der jungen DDR. Ein Institutsgebäude haben Neumann Architekten umgebaut und dabei dann auch gleich das Formenrepertoire der frühen 50er Jahre subtil weiterentwickelt.

{Text: Tanja Scheffler

Eigentlich residiert die Fakultät für Bauingenieurwesen der TU seit mehr als hundert Jahren auf dem Dresdner Campus im zentral gelegenen Beyer-Bau. Nur reicht dieser seit langem nicht mehr aus, im Laufe der Zeit kamen daher immer mehr dezentrale Standorte hinzu. Um den Studenten und Mitarbeitern deutlich kürzere Wege zu ermöglichen, wurde nun auch der Gebäudekomplex der ehemaligen Materialprüfanstalt in der Georg-Schumann-Straße 7 umgenutzt und grundlegend saniert. Dabei setzten Neumann Architekten aus Plauen erfolgreich auf einen sorgsamen Umgang mit dem Bestand. An sich bot der Komplex, der aus einem an der Straße liegenden Verwaltungsgebäude, einem flachen Anbau für die Prüf- und Messbereiche sowie einem hofseitigen Laborgebäude besteht, wegen seiner räumlichen Zusammenhänge nahezu ideale Voraussetzungen für die Umnutzung. Im Hauptgebäude konnte die Raumaufteilung weitestgehend erhalten bleiben, nur in einzelnen Teilbereichen wurden vergrößerte Seminarräume geschaffen. Selbst die Prüfhallen konnten für die Materialprüfungen der Bauingenieure konzeptionell übernommen werden. Später wuchs das Raumprogramm durch die Zusammenlegung weiterer Institute allerdings rasant an und erforderte eine Erweiterung des markanten Hauptgebäudes um zwei Achsen. Doch selbst dies setzten die Architekten so gekonnt um, dass man den Anbau kaum wahrnimmt.
Der »Genius Loci« des Campus
Die größte Herausforderung war jedoch, den Freistaat Sachsen als Bauherrn davon zu überzeugen, das althergebrachte Erscheinungsbild zu erhalten. Er stellte eher die wirtschaftlichen Aspekte in den Vordergrund, sein oberstes Ziel für die Sanierung war ein Energieeffizienzlevel, das mindestens aktuelle Neubaustandards erreichen sollte, möglichst unkompliziert realisiert durch ein Wärmedämmverbundsystem mit zeitgemäßer Anmutung: Eine für die Architekten völlig inakzeptable Vorstellung. Denn die ehemalige Materialprüfanstalt bestach durch eine präzise komponierte Fassadengliederung mit leicht zurückspringendem Attikageschoss und markanten Fenstergewänden. Außerdem war sie ein wichtiger Bestandteil der zu Beginn der Planungsphase gestalterisch noch weitestgehend homogenen äußeren westlichen Raumkante des Campus: Das Hochschulgelände in der Dresdner Südvorstadt besteht zwar im Kern aus Bauten des frühen 20. Jahrhunderts, wurde Anfang der 50er Jahre jedoch in einer baulichen Großoffensive prestigeträchtig erweitert, u. a. durch renommierte Architekten wie Walter Henn und Karl Wilhelm Ochs, die später auch in der Bundesrepublik große Erfolge feierten. Dabei entstanden – auf Augenhöhe mit westlichen Pendants, jedoch immer im scharfen Konfrontationskurs mit der ostdeutschen Bauakademie, die damals landesweit historisierende Monumentalbauten durchsetzte – eine ganze Reihe qualitätsvoller Universitätsneubauten, gestalterisch anzusiedeln zwischen »Stuttgarter Schule« und moderater Nachkriegsmoderne.
Neumann Architekten war sofort klar, dass sie den überlieferten Geist dieses Ortes bewahren wollten. Denn auch das 1953 für das (Ost-)Deutsche Amt für Material- und Warenprüfung errichtete Institutsgebäude stammte noch aus Henns Planungsabteilung. Mit ihrer Absicht stießen sie jedoch auf unerwarteten Widerstand: Weil der Campus vom Flächenbedarf her aus allen Nähten platzt und sich ein enormer Sanierungsstau angesammelt hat, viele der Bauten jedoch als Einzeldenkmale geschützt sind, teilweise bis hin zu den Interieurs, mutieren die wenigen nicht gelisteten Gebäude zur gestalterischen Modelliermasse oder aber gleich zum potenziellen Abrisskandidaten. Gleichzeitig hat sich der Druck zur Energieeinsparung auch beim Bestand enorm erhöht. ›
Das konkrete Sanierungskonzept
Die ehemalige Materialprüfanstalt hatte keinerlei denkmalpflegerischen Schutz. Daher konzentrierten sich die Architekten auf die wichtigsten gestalterischen Merkmale des Gebäudes und entwickelten daraus dann – immer im Spagat zwischen geforderter Energieeffizienz und knappem Budget – in präziser Detailarbeit eine überzeugende Strategie für die energetische Sanierung. Gegen den massiven Widerstand des Bauherrn setzten sie einen Erhalt des markanten Attikageschosses durch und dämmten hier nur die Pfeiler. Die auskragende Dachkante wurde durch eine filigrane, thermisch getrennte Fertigteilkonstruktion ersetzt, das Dach von oben gedämmt und die bauzeitliche Betonkassettenkonstruktion im DG von unten freigelegt. Die bereits hochwertigen, während einer früheren Modernisierung in dieser Etage eingebauten Metallfenster blieben erhalten.
Außerdem fanden die Architekten einen traditionell-handwerklichen Weg, die hervorspringenden Fenstergewände der übrigen Geschosse möglichst nah am Original in einer zeitgemäßen Architektursprache neu zu interpretieren. Die besondere Stärke der neuen Fassadenstruktur ist, dass man auf den ersten Blick gar keine Veränderung sieht. Denn die Oberfläche besteht auch weiterhin aus einem stark plastischen Kratzputz (mit bis zu 1 cm großen Zuschlagsstoffen), der dem Vergleich mit den authentisch erhaltenen Oberflächen der Umgebungsbauten durchaus standhält. Nur sitzt dieser neue Kratzputz jetzt auf einem mineralischen Wärmedämmverbundsystem. Wie man die dafür notwendige Putzstärke auf dem weichen Untergrund handwerklich bewältigt, testeten die Architekten bereits im Vorfeld in mehrmonatigen Versuchsreihen beim Putzhersteller. Dabei entschieden sie sich dann auch, als zeitgemäße Adaption der scharrierten Fenstergewände ähnlich erhabene, in traditioneller Kammzugtechnik strukturierte Putzfaschen einzusetzen, die gleichzeitig durch neue asymmetrische Proportionen einen unverkennbaren Hinweis auf ihre Entstehungszeit geben.
In den Innenräumen dominieren dagegen weiterhin die Originalmaterialien: Alle Terrazzoböden und auch die Treppenläufe wurden aufgearbeitet, lediglich die Geländer den aktuellen Anforderungen angepasst. Trotz des hohen Installationsaufwandes in den Instituts- und Laborbereichen konnten viele Bauteile (wie die Estriche, Putze etc.) erhalten werden. Neben der Erweiterung des Hauptgebäudes stellte der Umbau des hinteren Laborgebäudes, in dem sich jetzt u. a. auch ein über alle Geschosse reichender Kugelfallversuchsprüfstand für Glasbruchversuche befindet, den größten baulichen Eingriff dar.
Die weitere Entwicklung auf dem Gelände
Gleichzeitig wurden die intensiven Bemühungen der Architekten um einen angemessenen Umgang mit dem Bestand jedoch überlagert von den aktuellen Bestrebungen der TU, die verschiedenen Fakultäten nach angloamerikanischem Vorbild zu kompakten Forschungsclustern zusammenzufassen sowie von einem umfangreichen Neubauprogramm, das seit der Ernennung zur Exzellenz-Uni mit einem großen Budget vorangetrieben wird. Dabei wurde u. a. auch der Standort an der Georg-Schumann-Straße zu einem völlig neuen kleinen »Bauingenieur-Campus« nachverdichtet: an der Straße mit einem mit Betonplatten verkleideten Neubau für die Baustoffprüfung, im hinteren Teil des Geländes mit einer neuen Versuchshalle für im Wasserbecken simulierte Hochwasserszenarien. Trotzdem könnte die an der ehemaligen Materialprüfanstalt praktizierte, eher handwerklich-traditionelle Ausführung der Fassadendämmung wegen ihrer differenzierten Oberflächenstruktur durchaus Vorbild sein für weitere energetische Sanierungen, gerade auch bei historischen Putzbauten, die für das Gesamtbild eines Ensembles wichtig sind – dann jedoch mit Putzfaschen, die die Proportionen der alten Fenstergewände konsequent nachbilden. •
Standort: Georg-Schumann-Straße 7, 01187 Dresden
Auftraggeber: Freistaat Sachsen, Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement, Niederlassung Dresden II, www.sib.sachsen.de
Architektur: Neumann Architekten, Plauen, www.neumannarchitekten.de
Tragwerksplanung: ERS Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, Dresden, www.ers-dresden.de
BGF: 7 834 m²
BRI: 33 166 m³
Baukosten: ca. 14 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Stahlfenster/-türen: Forster Unico, Forster Profilsysteme, Arbon, www.forster-profile.ch
Stahltore: Industriefalttore, Hörmann, Steinhagen, www.hoermann.de
Außenputz/-dämmung: Mineralischer Kratzputz/Mineralwolledämmung, Sto, Stühlingen, www.sto.de
Sonnenschutz: Außenliegende Jalousie mit Flachlamelle, Warema Renkhoff, Marktheidenfeld, www.warema.de
Weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de
A Verwaltungsgebäude
B Prüfhalle
C Laborgebäude
  • 1 Foyer
  • 2 Seminarraum
  • 3 Büro
  • 4 Labor
  • 5 Studentischer Arbeitsraum
  • 6 Holzlager
  • 7 Ruheraum
  • 8 Archiv
  • 9 Kopierraum

Dresden (S. 118)
Neumann Architekten
Ronny Neumann
1986-91 Architekturstudium an der TU Dresden. Seit 1992 eigenes Büro. 1994-2000 Lehrauftrag an der Staatlichen Studienakademie Glauchau.
Tanja Scheffler
Architekturstudium an der FH Hildesheim, 1993 Diplom. Berufstätigkeit. Architekturstudium an der TU Dresden, 1999 Abschluss. Seit 2004 dort Lehrtätigkeit. Freie Bauhistorikerin und Architekturjournalistin.