Energiebunker in Hamburg-Wilhelmsburg

Ein grauer Riese wird grün

Nicht nur beim Einzelgebäude, sondern auch auf Stadtteilebene erfordert die Energie-wende gestalterische Kompetenz. In Hamburg-Wilhelmsburg haben HHS Architekten einen einstigen Flakbunker zu einer Zentrale für erneuerbare Energien umgebaut. Sie versorgt bis zu 3 000 Haushalte im angrenzenden Quartier mit Wärme und bis zu 1 000 Einheiten mit Strom. Gleichzeitig ist der denkmalgeschützte Bunker nun wieder öffentlich zugänglich und macht Geschichte erlebbar.

{Text: Claas Gefroi

Jeder Wilhelmsburger kennt diesen Klotz: Mit 57 x 57 m Grundfläche und 41,6 m Höhe sprengt der gewaltige »Flakturm VI« jedes Maß. Der im Oktober 1943 fertiggestellte Betonbau in einem Parkgelände gleich neben dem Arbeiterwohnquartier Reiherstiegviertel auf der Hamburger Elbinsel war kein gewöhnlicher Bunker: Er bot nicht nur Schutz für 30 000 Menschen, sondern war zugleich, wie sein Pendant auf dem Heiligengeistfeld auf St. Pauli (ein dritter Turm im Hamburger Osten wurde nicht mehr gebaut), eine Verteidigungsstellung. Geführt von einem kleineren Leitturm wurde der – wenig erfolgreiche – Versuch unternommen, alliierte Bomber abzuschießen; hierzu dienten vier Stellungen auf dem Dach, die jeweils mit 12,8-cm-Zwillingsflak-Geschützen bestückt waren. Der Bau solcher »Schieß-Dome« in Berlin, Wien und Hamburg ging auf einen »Führerbefehl« aus dem Jahre 1940 zurück. Sie wurden vom Architekten Friedrich Tamms konstruiert und durch die Organisation Todt unter Einsatz Tausender Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter realisiert. Auf eine architektonische Gliederung und ein mittelalterliches, festungsartiges Erscheinungsbild wie beim Bunker auf St. Pauli verzichtete man in Wilhelmsburg wohl aus Zeit- und Kostengründen; dennoch wirkt das Bauwerk trutzig und uneinnehmbar – und das war es auch, denn trotz acht direkter Treffer blieb es unversehrt.
Nach dem Krieg sprengten die britischen Besatzungstruppen 1947 zunächst den nahegelegenen Leitturm. Um die benachbarte Wohnbebauung nicht zu gefährden, wurde der Gefechtsturm dann einige Tage später mit 1 000 kg Sprengstoff nur in seinem Inneren zerstört – sechs der acht Geschossdecken stürzten ein; die bis zu 3 m dicken Außenmauern und die 4 m starke abschließende Gebäudedecke hielten stand. Über Jahrzehnte blieb aufgrund der instabilen Lage der Trümmer das Innere des unter Denkmalschutz gestellten Mahnmals verschlossen – der an der Fassade still bröckelnde Riese war zwar omnipräsent, wurde aber doch zu einer Leerstelle, einem weißen Fleck inmitten von Wilhelmsburg.
Sanierungsmotor IBA
Das änderte sich erst mit der Internationalen Bauausstellung. Die Idee der IBA-Planer war es, den Bau instand zu setzen und zu einem Träger für die Produktion und Speicherung von erneuerbarer Energie zu transformieren. Das Mahnmal würde somit dauerhaft gesichert und zu einem Symbol für den Aufbruch Wilhelmsburgs. Auch technisch hatte der zunächst absurd wirkende Plan Sinn: Innen ist viel Platz für Kraftwerks- und Speicherungsanlagen, und außen, an der Fassade und auf dem Dach, gibt es große freie und unverschattete Flächen für die Strom- und Wärmeerzeugung.
Die architektonischen Planungen für diesen »Energiebunker« stammen von Hegger Hegger Schleif (HHS), das Energiekonzept entwickelte die Averdung Ingenieurgesellschaft. Doch zunächst mussten erst einmal die 25 000 Tonnen Schutt aus dem Bauch des Bunkers geräumt werden. Da es keine innere Erschließung mehr gab, wurde auf der Westseite ein 15 x 7 m großes Loch aus der Außenwand gesägt. Dadurch konnte man die von oben nach unten abgetragenen Trümmer herausbefördern; später wurde der Einschnitt verglast. Die Öffnung lässt nicht nur Tageslicht ins Innere, sondern bildet auch einen Widerpart zum monolithischen Erscheinungsbild des Gebäudes. Nachdem innen die Decken-, Wand- und Stützenreste entfernt waren, ließen die Planer statisch notwendige, bis zu 28 m hohe Stahlbetonpfeiler sowie ein Treppenhaus mit Feuerwehraufzug einfügen.
Zukunftsweisendes Speicherkonzept
Von einer Plattform in 10 m Höhe hat man heute (bei Führungen) Einblick in die neu geschaffene riesige Halle. In ihr finden ein mit Biomethan befeuertes Blockheizkraftwerk sowie eine Holzfeuerungsanlage Platz. Dominiert wird der Raum jedoch von einem gewaltigen gedämmten Tank für 2 000 m³ Warmwasser. Dieser Großpufferspeicher ist die eigentliche Innovation: Das Warmwasser, das durch die auf dem Dach angebrachte solarthermische Anlage, das BHKW, die Hackschnitzelanlage sowie die Abwärme eines nahen Industriebetriebs erzeugt wird (im Endausbau sollen 22 500 MWh Wärme zusammenkommen), wird hier zwischengespeichert, bis es benötigt wird. Ziel ist dabei die Versorgung von 3 000 Haushalten mit Wärme. Indem der Tank das Problem der Speicherung erneuerbarer Energien löst, wird ihr Einsatz erst wirtschaftlich sinnvoll. Dabei betritt man sogar technisches Neuland: Der Pufferspeicher liefert wertvolle Erkenntnisse über die Praxistauglichkeit der eingesetzten komplexen Regel- und Hydrauliktechnik. Im 20 m hohen Tank ist die Temperatur geschichtet; im Inneren herrscht ein Temperaturgefälle von 40 °C. An seiner Spitze wird die Heizwärme mit einer Temperatur von 100 °C entnommen. Eine Vorrangschaltung regelt, welche Energiequelle wann einspeist. Dabei hat die solarthermische als ökologisch wertvollste Energie immer Vorrang. Letztlich werden auf diese Weise 94 % (oder 6 Mio. kg) CO2 gegenüber einer konventionellen Wärmeerzeugung mittels Gas-Brennwertkessel eingespart. Zudem forscht man bereits an einer Erweiterung: So könnte künftig im Speicher überschüssiger Windstrom in Wärme umgewandelt oder in windschwachen und sonnenarmen Zeiten Wärme aus einem zusätzlichen Blockheizkraftwerk eingespeist werden, welches dann zur Stromerzeugung genutzt würde.
An der Hülle des Gebäudes wird aber nicht nur warmes Wasser erzeugt. Neben der 2 400 m² großen solarthermischen Anlage auf dem Dach liefern insgesamt 1 750 m² an Photovoltaik-Elementen an der Südfassade Strom für 1 000 Haushalte. Das Ziel der Architekten war es, mit nur minimalen Eingriffen die neuen Nutzungen im und am Gebäude unterzubringen und sie gestalterisch möglichst vom Bestand abzusetzen. Aus diesem Grund wurden die Solarthermie- und Photovoltaikanlagen nicht direkt am Bauwerk angebracht, sondern an einem vorgehängten Stahltragwerk verschraubt. Die so weiterhin sichtbar gehaltene Bunkerfassade musste, weil der Beton überall abbröckelte, großflächig mit einer 8 cm dicken Spritzbetonschicht überzogen werden – im Ergebnis wirkt der 70 Jahre alte Bau wie gerade eben neu errichtet. Um zumindest in Teilen die ursprüngliche Betonstruktur zeigen zu können, wurden einige Felder ausgespart und mit Edelstahlnetzen versehen, die Besucher vor herabfallenden Teilen schützen sollen.
Verbindendes Element
Von Anfang an war die öffentliche Nutzung eines Teils des Gebäudes gewünscht; der jahrzehntelang verschlossene Bau sollte sich endlich für die Wilhelmsburger, aber auch für auswärtige Besucher öffnen. Die ursprünglich geplante Dauerausstellung zur Geschichte des Bunkers und seiner Umnutzung schrumpfte leider auf einige erklärende Informationstafeln zusammen. Doch in 30 m Höhe, oberhalb der gewaltigen Kragplatte, bauten HHS ein Café in einen der vier einstigen Gefechtsstürme ein; dessen Außenwand schlitzten sie für eine große Fensteröffnung auf. Von dort kann man auch die neue umlaufende Aussichtsterrasse auf der Oberseite der Kragplatte betreten, die einen einzigartigen Blick über Wilhelmsburg und den Hafen hinweg bis weit in die Innenstadt bietet. Die den meisten Hamburgern innerlich so fern liegende Elbinsel ist, das begreift man mit diesem lehrreichen Blick aus der Vogelperspektive, dem Herzen der Stadt ganz nah. So ist der Energiebunker nicht nur ein Meilenstein auf dem Weg zu einer Versorgung der Elbinsel mit erneuerbaren Energien, sondern auch eine Einladung an alle Hamburger, den »Sprung über die Elbe« von und nach Wilhelmsburg zu wagen. •
Standort: Neuhöfer Straße 7, 21107 Hamburg
Auftraggeber Gebäude: IBA Hamburg, www.iba-hamburg.de
Auftraggeber Energieversorgung: HAMBURG ENERGIE, www.hamburgenergie.de
Architektur: Hegger Hegger Schleiff HHS Planer + Architekten, Kassel, www.hhs.ag
Energieplanung: HAMBURG ENERGIE mit Averdung Ingenieure, Papenburg, www.ing-averdung.de
Gesamtleistung Wärme: 22 400 MWh
Gesamtleistung Strom: 2 850 MWh
Baukosten: ca. 27 Mio. Euro

Beteiligte Firmen:
Stahlprofile Fassade: VISS Linea, RAL 7024, Jansen, Oberriet, www.jansen.com
Beschichtung Terrasse: Epoxidharzmörtel mit Quarzsand und Decksiegel aus UV-beständigem 2K PU, RAL 7036, Terra System, Hünxe, www.terrasystem.de
Abdichtung aufgehende Bauteile: ProDetail armierte Flüssigabdichtung, RAL 7032, Triflex, Minden, www.triflex.com
Wandbekleidung Café: Walton Crocodiles, C169, Linoleum aufgezogen auf vorgeformte Elemente aus Holzwerkstoff, Forbo Flooring, Paderborn, www.forbo-flooring.de


HHS Hegger Hegger Schleiff Planer + Architekten

 

Manfred Hegger
1946 in Korschenbroich geboren. 1967-73 Architekturstudium an der Universität Stuttgart und der HfG Ulm. 1969-70 Studium der Systemtechnik an der TU Berlin. 1975-76 Studium in London. 1979-82 Consultant der OECD. Seit 1980 Büro HHS Hegger Hegger Schleiff Planer + Architekten in Kassel. Ab 1973 Lehraufträge in Stuttgart, Kassel, Hannover und Dublin, seit 2001 Professur an der TU Darmstadt im Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen. 2008-13 im Fachbeirat Klima und Energie für die IBA Hamburg, seit 2013 im Beirat der IBA Thüringen. 2010-13 Präsident DGNB.
Doris Hegger-Luhnen
1950 in Viersen geboren. 1965-68 Bauzeichnerlehre. 1970-74 Studium der Innenarchitektur an der Werkkunstschule Krefeld und der Kunstakademie Stuttgart. 1970-73 Mitarbeit bei Faller + Schröder, Stuttgart. 1974-75 Mitarbeit bei Maguire and Murray, London. 1975-78 Architekturstudium an der GH Kassel. 1978-80 Mitarbeit im Büro Herzog, Kassel/München. Seit 1980 Büro HHS Hegger Hegger Schleiff Planer + Architekten. 1997-2000 Lehrtätigkeit an der FH Hildesheim/Holzminden. Seit 2009 Mitglied der Forschungskommission an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe Detmold.
Günter Schleiff
1954 in Harle geboren. 1973-75 Studium der Sozialwissenschaften in Göttingen, 1975-80 Architekturstudium an der GH Kassel. Seit 1980 Büro HHS Hegger Hegger Schleiff Planer + Architekten. 1992 Berufung in den BDA. 1999-2012 Beiratsmitglied des Zentrums für Umweltbewusstes Bauen an der Universität Kassel. Seit 2005 Mitglied Gestaltungsbeirat Stadt Kassel.
Gerhard Greiner
1962 in Kassel geboren. 1983-84 Bauingenieurstudium an der TU Braunschweig, 1984-90 Architekturstudium an der FH Darmstadt. 1989-91 Mitarbeit bei Reichardt, Temp und Wunderlich, Berlin. Seit 1992 Mitarbeit bei HHS. 2000-01 Studium des Baumanagements an der Bauhaus-Universität Weimar.
Andreas Wiege
1959 in Darmstadt geboren. 1981-89 Architekturstudium an der TH Darmstadt. 1989-92 Mitarbeit bei Hommel und Partner, Frankfurt a. M. Seit 1992 Mitarbeit bei HHS Hegger Hegger Schleiff Planer + Architekten.

Claas Gefroi
1968 in Berlin geboren. Architekturstudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Hamburgischen Architektenkammer. Redakteur des Jahrbuchs »Architektur in Hamburg«. Freier Autor und Kritiker, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Büchern, Ausstellungen zu Architektur, Urbanismus und Fotografie.