Phönix aus der Asche

Dreischeibenhaus in Düsseldorf

Wenn Bürobauten und ihre Vorhangfassaden energetisch auf Vordermann gebracht werden sollen, führt das meist zu einem kompletten Auswechseln der Hülle – und Denkmalschützer beklagen den Verlust an alter Bausubstanz. Eine alternative Lösung zeigen HPP Architekten bei einem Schlüsselbauwerk der deutschen Nachkriegsmoderne, dem Düsseldorfer Dreischeibenhaus.

Text: Frank R. Werner

Weltweit bezeichnen Bauhistoriker es als bedeutende Ikone deutscher Nachkriegsarchitektur: das Verwaltungshochhaus, das im Jahr 1957 für den Konzern Phönix-Rheinrohr in Düsseldorf errichtet und wenig später von Thyssen übernommen wurde. Von den Architekten Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg (in Kooperation mit den Architekten Fritz Eller, Robert Walter und Erich Moser) realisiert und alsbald vom Volksmund in »Dreischeibenhaus« umgetauft, verkörperte der knapp 100 m hohe Stahlskelettbau eine Fülle an typologischen und gestalterischen Neuerungen. Darüber hinaus stellte das Thyssen-Hochhaus gleichermaßen programmatisch wie selbstbewusst den Anschluss Nachkriegsdeutschlands an das internationale Baugeschehen zur Schau.
Neu waren neben der technizistischen Schlichtheit des Äußeren die eleganten Vorhangfassaden aus Edelstahl, Aluminium und Glas, die gleichsam über einem 40 cm hohen Sockel zu schweben schienen. Als nicht minder innovativ dürfen die repräsentative Sachlichkeit des hohen weitläufigen Foyers sowie die partielle Zurschaustellung technischer Installationen im Innern gelten. Der Clou der Hochhausgrundrisse bestand seinerzeit darin, die Büroflächen um einen innenliegenden Gebäudekern mit Aufzügen, Toiletten und Treppenhäusern so geschickt, sprich scheibenartig versetzt, anzuordnen, dass lange dunkle Flure gänzlich entfielen und stattdessen weitläufige, von natürlichem Licht durchflutete Bürolandschaften entstanden. Wobei die schmalen Stirnseiten der drei Scheiben geschlossen und mit Edelstahlblechen bekleidet wurden. Die Fenster mit ihren innenliegenden Sonnenschutzlamellen waren freilich nicht zu öffnen.
Niedergang und Revitalisierung
1988 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Einige Jahre später erfolgte eine Teilsanierung, die erhebliche Schwächen bezüglich der veralteten Haustechnik und energetisch längst nicht mehr effizienten Fassaden offenlegte. 2007 verkündete Thyssen seinen Rückzug aus Düsseldorf und verkaufte das Dreischeibenhaus an einen Immobilienfonds. 2011 zog das Unternehmen aus dem Gebäude aus, das seinerseits an eine Projektentwicklungs-GmbH weiterverkauft wurde. Zwischenzeitlich stand das Hochhaus leer. Nun wurden sogar Befürchtungen laut, die Stadtkrone Düsseldorfs könne aufgrund ihrer prominenten Lage zwischen altem und neuem Hofgarten für Wohnzwecke in ein Apartmenthaus der Luxusklasse umgewandelt und damit zerstört werden. Hinter dem neuen Käufer steht jedoch eine Investmentgesellschaft der alteingesessenen Düsseldorfer Familie Schwarz-Schütte, deren erklärtes Ziel es war, das imageträchtige Dreischeibenhaus als Vorzeigeadresse für solvente Büronutzer zu erhalten und denkmalgerecht zu sanieren. Als direkte Nachfolger der ursprünglichen Urheber wurde das Düsseldorfer Architekturbüro HPP mit der Sanierung beauftragt.
Ertüchtigung oder Störung der originalen Bauteile?
Auf den ersten Blick scheint sich dabei zumindest am Außenbau wenig geändert zu haben. Der verblüffende »Schwebezustand« der aufragenden Scheiben über ihrem Baugrund ist im Erdgeschossbereich wieder sichtbar gemacht worden. Zugang und Freitreppe wurden hingegen leicht überarbeitet und heutigen Nutzungen angepasst. Blickt man nach oben, werden erst auf den zweiten Blick jene feinen Veränderungen sichtbar, die der Sanierung geschuldet sind. So konnten die mit Edelstahl verkleideten Stirnseiten zwar unverändert erhalten bleiben. Auch die Vorhangfassaden, mit ihrer Tragkonstruktion, ihren Brüstungselementen, Glasscheiben und innen liegenden Sonnenschutzlamellen scheinen die alten geblieben zu sein. Zumindest so lange, bis man erkennt, dass letztlich die alten Fenstergläser doch ersetzt worden sind durch analoge, im Farbton angepasste Prallscheiben. Diese sind aber nicht mehr rundum geschlossen, sondern zum unteren und oberen Rand hin jeweils über 12 cm breite Streifen nach außen hin geöffnet. Dies sorgt gegenüber dem Ursprungsbau für einen subtil veränderten Fassadenrhythmus. Grund dieser Veränderung ist die energetische Sanierung der Gebäudehülle, bei der nach innen hin durchgängig eine neue Fassade die vorhandene ergänzt. Sie erstreckt sich vom Rohfußboden bis zur Rohdecke eines jeden Raums. Die neuen Brüstungen dieser innen liegenden Primärfassade sind als gläserne Paneele über einer Rahmenkonstruktion bündig ausgebildet, die dreifach verglasten neuen Fenster darüber lassen sich nunmehr erstmals öffnen und erlauben eine natürliche Belüftung der Büroräume. Die elektrisch steuerbaren Sonnenschutzlamellen liegen zwischen innerer und äußerer Fassade; sie fungieren damit nach der Sanierung als außen liegender Sonnenschutz, erinnern aber von außen her immer noch an die innen liegenden Lamellen des ursprünglichen Gebäudes.
Im Unterschied zu vielen anderen Sanierungen von Verwaltungsbauten der Nachkriegsmoderne wurde hier auf einen Komplettaustausch der vorhandenen Vorhangfassaden verzichtet, sodass nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch wesentliche Teile der vorhandenen Bausubstanz bewahrt wurden, etwa die alten Brüstungen und Fensterrahmen.
Das Foyer als Gesamtkunstwerk der 50er Jahre
Nur in der denkmalgeschützten Eingangshalle blieb das Prinzip der Einscheibenverglasung erhalten, wobei allerdings neues Wärmeschutzglas eingesetzt wurde. Die hohen rundverkleideten Stahlstützen des Tragwerks wurden hier wie auch in den übrigen niedrigeren Geschossen in der rekonstruierten Originalfarbe »Petrol« lackiert. Ähnliches gilt für die farbig gefassten Röhren, die als raumhohe Exponate der alten Phönix-Rheinrohr AG an der Stirnwand der Halle belassen wurden. Der schwarze Bodenbelag aus Marmor musste wegen des Einbaus einer Fußbodenheizung durch analoge Platten aus dem gleichen Steinbruch ersetzt werden. Nahezu unsichtbare Brandschutzvorhänge unterteilen das weitläufige Foyer mit seinen tragenden Kernen, Windschutzverbänden, Stützen, dem Nottreppenhaus sowie den teilweise frei liegenden Versorgungsleitungen in zeitgemäße Brandabschnitte. Wer die alte Eingangshalle nicht sehr gut kannte, der könnte glatt dem Trugschluss erliegen, er befände sich in einer großartigen Raumschöpfung der späten 50er Jahre. Eine alte, längst nicht mehr funktionstüchtige Telefonzelle aus der Entstehungszeit des Dreischeibenhauses verstärkt diese Illusion.
Nüchterner geht es notgedrungen in den sanierten Bürogeschossen zu. Dort gibt es innovative klimatechnische Installationen für Heizung, Kühlung sowie Zu- und Abluft, welche dezentral in den abgehängten Decken, den Brüstungen der neuen Primärfassade oder auch vor den Stirnseiten der Hochhausscheiben untergebracht sind. Beheizt wird alles nach wie vor mit Fernwärme.
Je nach Nutzer sind die Büroflächen heute (leider) individuell gestaltet. Auch die Schaltung der Räume folgt individuellen Ansprüchen. Wobei sich helle Zellen- und Kombi-Büros hier abwechseln mit lichtdurchfluteten »Open Spaces«, wie man Großraumbüros heute gerne nennt.
Renaissance einer veritablen Stadtkrone
Da die alte Haustechnik bislang die Geschosse 22 bis 24 ausschließlich für sich beanspruchte, können nunmehr auch diese Geschosse erstmals vermietet werden. Was einen nicht unbeträchtlichen Zuwachs der verwertbaren Bürofläche bedeutet. So war es möglich, die Dachflächen über dem 21. OG der zwei seitlichen Gebäudescheiben in Dachterrassen umzuwandeln, welche von 1,40 m breiten und 1,90 m hohen Weißglasscheiben eingefasst sind und künftig gastronomisch genutzt werden dürften. Von hier oben aus genießt man einen einmaligen Panoramablick über die gesamte Stadt und den Rhein. In den beiden obersten Stockwerken der mittleren Scheibe entsteht derzeit sogar ein zweigeschossiger luftiger Konzert- und Ausstellungssaal. Dieser soll bei passender Gelegenheit auch öffentlich zugänglich gemacht werden.
Trotz vielerlei, keinesfalls klein zu redender Eingriffe in die alte, aber immer noch grundsolide Bausubstanz scheint es hier unter den wachsamen Augen des Denkmalschutzes gelungen zu sein, eine 55 Jahre alte Ikone deutscher Nachkriegsarchitektur nicht nur einem oberflächlichen Facelifting zu unterziehen, sondern tatsächlich für kommende Jahrzehnte zu ertüchtigen. Die unaufgeregte und dennoch geschichts- und qualitätsbewusste Art und Weise, mit der dies hier geschehen ist, verdient Respekt. Architekturtheoretische Begrifflichkeiten wie »Reduce, Reuse, Recycle der Ressource Architektur« scheinen hier eine angemessene Entsprechung gefunden zu haben. Das Düsseldorfer Dreischeibenhaus war beileibe nie »tot«, ist aber trotzdem auf wundersame Weise zu neuem Leben erwacht. Fast so wie weiland Phönix aus der Asche. •
Standort: Dreischeibenhaus 1, 40211 Düsseldorf
Bauherr: Dreischeibenhaus
(Gemeinschaftsunternehmen der MOMENI Gruppe und Black Horse Investments), Düsseldorf
Projektsteuerung: Witte Projektmanagement, Düsseldorf
Architektur: HPP Architekten, Düsseldorf (Leistungsphase 1-5)
Bauüberwachung: HW-Ingenieure, Düsseldorf
Tragwerksplanung: AWD, Köln
Brandschutzplanung: Ökotec, Galgheide
Fassadenplanung, Bauphysik: DS-Plan, Köln
Haustechnik-Planung: IB Nordhorn, Münster
BGF: 33 700 m²
BRI: 138 550 m3 (ohne Garage)
Beteiligte Firmen
Fassade: GU Fassadentechnik, Edewecht
Klimatechnik, Lüftung: Trox, Neukirchen-Vluyn
Boden: Amtico, Neuss
Teppich: CarpetConcept, Bielefeld
Natursteinboden Foyer: Lauster Steinbau, Stuttgart
Trennwände: Lindner Group, Arnstorf
Beleuchtung: Regent Licht, Düsseldorf

HPP Architekten
Joachim H. Faust
1954 in Mainz geboren. Architekturstudium an der TU Berlin und der RWTH Aachen. Master of Architecture an der A&M University in Texas. Seit 1987 bei HPP, seit 1997 in der Gesamtleitung des Büros. Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, Vortragstätigkeit.
Claudia Roggenkämper
1967 in Düsseldorf geboren. Architekturstudium in Dortmund. Mitarbeit bei RKW in der Ausführungsplanung und Projektleitung. Selbstständigkeit als freie Architektin und als Inhaberin einer Agentur. Seit 2007 bei HPP, seit 2010 als Projektpartnerin.

Frank R. Werner
1944 in Worms geboren. 1965-72 Studium u. a. der Architektur. Bis 1982 wiss. Assistenz in Stuttgart. 1990- 93 Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Stuttgart. Bis 2013 Leitung des Instituts für Architekturgeschichte und -theorie sowie Mitglied des Instituts für Umweltgestaltung und Stadtkultur an der Universität Wuppertal.