Dammerstocksiedlung in Karlsruhe

Die Unvollendete

1929 als Bauausstellung eröffnet, gehört die Dammerstocksiedlung zu den bekanntesten Zeugnissen moderner Wohnarchitektur der Weimarer Republik. Trotz ihrer großen baugeschichtlichen Bedeutung war sie zuletzt stark heruntergekommen. Über mehrere Jahre hat Georg Matzka einen Teil der Geschosswohnungsbauten behutsam modernisiert. Das Augenmaß, mit dem er dabei zwischen den Ansprüchen des Denkmalschutzes und den Wünschen der Bewohner vermittelte, würde auch den übrigen Bauten guttun.

Text: Christian Schönwetter

Im Süden Karlsruhes lassen sich relativ dicht gedrängt gleich mehrere Wohnexperimente besichtigen. 1907 begann man in Rüppur mit der Planung einer der ersten Gartenstädte Deutschlands, 1928/29 folgte am Dammerstock eine Siedlung, die wie kaum eine andere zuvor die Möglichkeiten des modernen Zeilenbaus auslotete, und in direkter Nachbarschaft entstand in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg ein Wohnhügel in terrassierter Bauweise. Wahrscheinlich ist es die etwas abgeschiedene Lage hinter den Bahngleisen, die es den Stadtvätern erleichterte, sich dort immer wieder auf Neuartiges einzulassen.
Am Dammerstock stampften sie in kürzester Zeit eine Bauausstellung aus dem Boden, die sich der »Gebrauchswohnung« widmete. Nachdem Walter Gropius im November 1928 den städtebaulichen Wettbewerb gewonnen hatte, blieben gerade einmal zehn Monate Zeit, um das Gelände zu erschließen und die ersten 228 Wohnungen zu errichten. Gropius selbst entwarf drei Gebäude, für die übrigen machte er gestalterische Vorgaben wie Flachdachbauweise, weiße Fassaden und graue Farbe an Sockel, Türen und Fenstern, überließ die detaillierte Planung aber einigen anderen Preisträgern des Wettbewerbs. Vom flachen Doppelhaus über dreistöckige Reihenhäuser bis zu viereinhalbstöckigen Geschossbauten reichte die Mischung der Wohnungstypen, alle streng Ost-West-orientiert und mit reichlich Grünflächen auf Abstand zueinander gehalten, um eine optimale Belichtung zu erzielen. Die Weltwirtschaftskrise verhinderte die Fertigstellung der Siedlung. Zwar führten die Nationalsozialisten sie dann in »einheimischer Bauart mit spitzen Giebeldächern« weiter, doch auch sie kamen nicht weit. Erst ab 1949 bebaute man die restlichen Grundstücke in einer sanften Neuinterpretation der ursprünglichen Gestaltungsvorgaben von Gropius.
Heute genießen die Gebäude der Bauausstellung Denkmalschutz und die Siedlung erfreut sich großer Beliebtheit. Wer einmal hier eingezogen ist, bleibt meist für Jahrzehnte – die Fluktuation unter den Mietern ist sehr gering. Doch nach über 80 Jahren und vielen kleinen unkoordinierten Reparaturen war die Zeit reif für eine grundlegende Sanierung nach einem durchgängigen Konzept. Georg Matzka, der selbst einige Jahre im Dammerstock gewohnt hatte, erarbeitete die Planung. Hauptsächlich ging es darum, den Wärmeschutz zu verbessern, Bäder zu sanieren und das über die Jahre verfremdete Erscheinungsbild wieder dem Ursprungszustand von 1929 anzunähern. Da die Wohnzeilen von verschiedenen Architekten stammen, die mit unterschiedlichen Konstruktionen und Baustoffen experimentiert hatten, musste Matzka für jedes Gebäude ein anderes maßgeschneidertes Sanierungskonzept entwickeln.
Neue Hülle für Otto Haeslers Experiment
Die Häuser in der Danziger Straße 1-3 etwa hatte Otto Haesler als Stahlskelettbauten errichtet. Die Wände waren mit Hochlochziegeln ausgemauert worden und in den Decken lagen armierte Bimsdielen zwischen T-Trägern; das Ganze verschwand dann unter einem einheitlichen weißen Putz. Dank der Skelettkonstruktion konnte Haesler dem Wohnzimmer jeweils ein extrabreites Bandfenster geben, was dem Gebäude bis heute ein besonders modernes Aussehen verleiht – unterstrichen durch die vollverglasten Treppenhäuser, die sich effektvoll aus dem Baukörper in Richtung Straße schieben. Um nun bei der Sanierung herauszufinden, an welcher Stelle in der Wand oder Decke sich die Stahlträger verbargen, bedurfte es keiner aufwendigen Untersuchung: In einigen Wohnungen zeichneten sie sich überdeutlich als Schimmelstreifen auf den Oberflächen ab, da sie Kältebrücken bildeten. Was tun? Mit einer denkmalverträglichen Innendämmung hätte sich kein wohnhygienisch vertretbares Resultat erzielen lassen, da die zahlreichen einbindenden Innenwände und die Decken weiterhin als Kühlrippen verblieben wären – vom Flächenverlust bei den aufs Minimum reduzierten Wohngrundrissen ganz zu schweigen. Daher entschied man sich für ein Wärmedämmverbundsystem auf der Außenseite. Um die Fassaden nicht allzu sehr zu verfälschen, kam Phenolharzschaum zum Einsatz, der einen höheren Dämmwert bei schlankerem Aufbau bietet. Die Wände wurden mit einer 50 mm dicken Schicht gedämmt und wie früher mit einem feinkörnigen mineralischen Putz beschichtet. Da die neuen Fenster stärkere Rahmen haben als die bauzeitlichen, wuchs die Laibungstiefe am Ende lediglich um 20-30 mm. Um die Loggien nicht unnötig zu verkleinern, erhielten die Wände dort nur 25 mm Dämmung.
Die Rollläden, mit denen die Bewohner die Loggien geschlossen hatten, wurden entfernt, sodass die Fassaden jetzt wieder luftiger wirken. Als Ersatz dient eine sehr schlanke Faltschiebeverglasung, die kaum auffällt. In der kalten Jahreszeit lassen sich die Loggien damit schließen, im Sommer dagegen öffnen, um eine Überhitzung zu vermeiden. Einen starken Eingriff in das denkmalgeschützte Erscheinungsbild bedeutete der Wunsch der Mieter nach einem außenliegenden Sonnenschutz, denn Jalousiekästen ändern die Proportion der Fenster. Hier einigte man sich darauf, nur an der Westseite Raffstores anzubringen. Die Ostseite zeigt dagegen die ursprünglichen Fensterformate – dort spendet der üppige alte Baumbestand ausreichend Schatten.
Überraschung bei Gropius’ Laubenganghaus
Ganz anders war der Umgang mit dem Laubenganghaus, das Gropius in der Dammerstockstraße 23 realisiert hatte. Mit seinen Lochfassaden aufgrund der klassischen Massivbauweise mutet das Gebäude gestalterisch zwar weniger kühn an als Haeslers, dafür bereitete es weniger bauphysikalische Schwierigkeiten. Auf einen Wärmeschutz der Fassaden konnte daher bei der Modernisierung verzichtet werden, sodass sich das Denkmal heute in der Außenansicht sehr unverfälscht präsentiert. Nur für das Erscheinungsbild unproblematische Bauteile wie Dach, Kellerdecke und Heizleitungen erhielten eine Dämmung, einige Wandnischen wurden von innen mit Kalziumsilikatplatten verkleidet.
Befunduntersuchungen zur ursprünglichen Farbigkeit brachten Unerwartetes zutage: Anscheinend hatte Gropius sich über seine eigenen Gestaltungsvorgaben hinweggesetzt; jedenfalls war damals an Außenbauteilen seines Gebäudes mit Bunttönen gearbeitet worden. An den Balkonnischen ließ Matzka daher je eine Seitenwand, die Deckenuntersicht und den Boden wie 1929 in einem hellen Ocker streichen; die Stahltüren zwischen Treppenhaus und Laubengang leuchten nun sogar wieder in einem kräftigen Orangerot.
Die Badsanierung nutzte man in den meisten EG-Wohnungen, um bodengleiche Duschen einzubauen und damit die Voraussetzung zu schaffen, dass ältere Mieter möglichst lange in ihrer angestammten Umgebung bleiben können. Bei den Balkonen wurden die verrosteten Stahlgeländer aufgearbeitet oder in den schlimmsten Fällen punktuell ausgewechselt. Die von Gropius angestrebte Transparenz der Welldrahtfüllungen stieß bei den Bewohnern auf wenig Gegenliebe. Eine einheitliche, graue Textilbahn hinter dem Welldrahtgitter kommt nun ihrem Wunsch nach mehr Sichtschutz nach und verhindert, dass sie sich wie vor der Sanierung selbst mit Strohmatten o. ä. behelfen. Die Bahn wurde reversibel montiert, sodass sich die Balkone von kommenden Generationen auf ihr ursprüngliches Aussehen zurückführen lassen.
Wie geht es weiter?
Beispielhaft zeigen die Eingriffe an diesen beiden Gebäuden, wieviel Einzelentscheidungen zu treffen sind, um einen tragfähigen Kompromiss zwischen Denkmalerhalt und Anpassung an heutige Wohnbedürfnisse zu erzielen. Mit ähnlicher Haltung, aber anderen Maßnahmen wurden die meisten der übrigen Geschossbauten saniert. Auch der emblematische Kopfbau mit Gaststätte, der den Eingang zur Siedlung markiert, kann sich jetzt wieder sehen lassen. Inzwischen präsentieren sich wesentliche Teile des Dammerstocks wieder in jenem strahlenden Weiß, das einst so programmatisch den Anspruch auf eine neue Wohnhygiene mit Licht, Luft und Sonne zum Ausdruck gebracht hatte. Wenn der Bauherr sich jetzt noch dazu entschließen würde, auch die letzten bislang unsanierten Häuser instandzusetzen, könnten alle Gebäude gleichmäßig altern und die Geschlossenheit des Ensembles wäre für die kommenden Jahrzehnte gewahrt.

Mustergültig wiederhergestellt: Rerenzwohnung im Stil von 1929
Am Laubenganghaus von Walter Gropius wird deutlich, wie sich auch hinter der Wohnungstür ein sinnvoller Mittelweg zwischen Erhalt und Erneuerung finden lässt. Als Ausgleich dafür, dass Bauherr und Architekt im Innern der Wohnungen weitgehend freie Hand bei der Modernisierung erhielten, forderte der Denkmalschutz, mindestens eine der 32 Einheiten in einen bauzeitlichen Zustand zu versetzen. Dafür bot sich eine Wohnung im 3. OG an, deren Grundriss unverändert war und bei der ungewöhnlich viel von der ursprünglichen Ausstattung überlebt hatte: So waren nach über 80 Jahren noch alle Innentüren vorhanden, inklusive der berühmten »Bauhaus-Klinke« von Gropius. In Nassräumen und Windfang fand sich noch der originale Terrazzoboden, in der Küche ein Einbauschrank, in Bad und Wohnraum je ein bauzeitlicher Heizkörper und am Lüftungsschacht sogar noch das Original-Abdeckgitter.
Obwohl Gropius’ Laubenganghaus während der Bauausstellung von 1929 eine voll ausgestattete Musterwohnung beherbergt hatte, gab es ausgerechnet von diesem Gebäude keine historischen Innenraumaufnahmen. Also musste man nun für die Referenzwohnung auf Befunduntersuchungen, Quellenforschung und vergleichende Rekonstruktion setzen. Für die Kücheneinrichtung etwa griff man auf Fotografien eines anderen Gropius-Hauses der Dammerstocksiedlung zu, auf denen sich die Einbaumöbel gut erkennen lassen. Da sich eine identische Küchenzeile auch in einer Wohnung des Laubenganghauses fand, konnte man davon ausgehen, dass beide Häuser seinerzeit die gleiche Kücheneinrichtung erhalten hatten. Die Küchenzeile wurde daher aufgearbeitet und in die Referenzwohnung versetzt, wo sie den vorhandenen Einbauschrank ergänzt. Tapeten wurden entfernt und der Putz erhielt im Spritzbereich statt Fliesen wieder einen Ölfarbenanstrich.
In den Nebenräumen wurden die vorhandenen Terrazzoböden behutsam aufgearbeitet. Von den Böden in Wohn- und Schlafraum war aus dem Katalog zur Bauausstellung nur das Material bekannt – Linoleum – nicht aber dessen Farbe. An einer Stelle unter der Verbindungstür der beiden Räume tauchte noch ein 4 cm breiter Reststreifen in sattem Schokoladenbraun auf, der nun als Vorbild für den neuen Belag im Schlafraum diente. Über das Wohnzimmer fand sich hingegen ein Hinweis in der zeitgenössischen Architekturkritik. In der »Bauzeitung« Nr. 45 von 1929 schreibt ein Zeitzeuge im Zusammenhang mit der Dammerstocksiedlung: »Sehr gut eingerichtet ist das neuartige Laubenganghaus von Gropius. Apart vor allem ein Raum mit weißem Linoleum, hellgelben Wänden und schwarzer Decke, die zweifellos ein weites Raumgefühl erzeugt.« Da die Befunduntersuchung genau diese Wandfarben im Wohnraum bestätigte, war klar, dass das weiße Linoleum in diesem Raum gelegen haben musste. Somit waren Farb- und Materialvorgaben für die Wiederherstellung gesichert.
Die vorhandenen Röhrenheizkörper wurden frisch gestrichen und mit neuen Thermostaten versehen, da die bauzeitlichen nicht mehr vorhanden waren. Gropius hatte die gesamte Wohnung nur mit zwei Heizkörpern (in Bad und Wohnraum) ausgestattet; das Schlafzimmer wurde seinerzeit über eine Verbindungstür zum Wohnraum miterwärmt. Nun erhielt es für besseren Komfort eine eigene Wärmequelle, die sich als moderner Flachheizkörper formal deutlich als nachträgliche Ergänzung zu erkennen gibt. Die Küche behielt ihren Heizkörper aus den 60er Jahren, sodass sich jetzt alle Räume bequem auf heute übliche Temperaturen bringen lassen.
Lichtschalter und Steckdosen schließlich sind wieder auf der damals geläufigen Wandhöhe von 1,40 m montiert. Hier kam ein neues Produkt zum Einsatz, das den bauzeitlich gängigen Drehschaltern aus Bakelit und Porzellan ähnelt und sich stimmig in Gropius’ Interieur einfügt.
Ein erster Schritt, die Innenraumgestaltung aus Bauhaus-Tagen wieder erlebbar zu machen, ist also getan. Schön wäre, wenn die Wohnung nicht dauerhaft vermietet würde, sondern wenn tatsächlich umgesetzt würde, was derzeit im Gespräch ist: sie Gästen der Stadt Karlsruhe oder Gastprofessoren der dortigen Universität zur Verfügung zu stellen. Diese Nutzung hätte den großen Vorteil, dass die Wohneinheit leichter für Besichtigungen zugänglich bliebe. •

Standort: Danziger Straße, Dammerstockstraße, 76199 Karlsruhe
Bauherr: Hardtwaldsiedlung Karlsruhe eG, Baugenossenschaft, Karlsruhe
Architektur: matzka.architekt, Ettlingen
Tragwerksplanung: Haag und Klarmann, Ettlingen
Bauphysik: Ingenieurgruppe Bauen, Karlsruhe
Fachplanung HLS+E: KW2-Ingenieure, Karlsruhe
Restauratorische Befunderhebung: Böke & Fritz, Eppingen
Beteiligte Firmen:
WDVS: Sto Therm Resol, Stühlingen, www.sto.de
Verarbeitung WDVS: Malerbetrieb Jegle, Karlsruhe, www.jegle.de
Faltschiebeverglasung Loggien Danziger Straße 1-3: SL25 von Solarlux, Bissendorf, www.solarlux.de
Innenwandfarben Referenzwohnung: Brillux, Münster, www.brillux.de
Elektro-Schalterprogramm Referenzwohnung: Serie 1930 von Berker, Blieskastel, www.berker.de

 


Karlsruhe (S. 108)

matzka.architekt
Georg Matzka
1962 in Karlsruhe geboren. 1984-86 Bauzeichnerlehre. 1986-96 Studium an der TH Karlsruhe. 1987 Mitarbeit bei Karljosef Schattner in Eichstätt. 1991-95 Mitarbeit am Projekt »Wiedernutzbarmachung« des SFB315 in Pirna. 1997-2006 Mitarbeit bei der »Volkswohnung« in Karlsruhe. Seit 2007 eigenes Architekturbüro.