Ehemaliges Gästehaus der DDR-Regierung in Berlin

Denkmalpflege täglich um zwölf

Wenn denkmalgeschützte Gebäude umgenutzt werden, sind immer Kompromisse nötig. Ein Zugeständnis der besonderen Art haben die Architekten Eric van Geisten und Georg Marfels gemacht, als sie das frühere Gästehaus der DDR, einen 60er-Jahre-Bau neben Schloss Schönhausen, zu einem normalen Wohngebäude transformierten: Jeden Mittag sehen die Fassaden aus wie zu Erich Honeckers Zeiten.

{Text: Falk Jaeger

Kurz vor der Schlossmauer rechter Hand eine Einfahrt, ein Vorgarten, ein Hotelbau – so liest der Passant die Situation. Ein modernes, blockartiges Gebäude mit überdachter Vorfahrt. Doch irgendwie fehlen die Insignien, kein Hinweisschild, kein Hotelname über dem Eingang, keine parkenden Autos, alles ruhig, kein Betrieb. Dass es sich um ein Wohnhaus handelt, verrät höchstens der schmale Balkon vor dem Parterre mit individuellen Pflanzen.
Das benachbarte Schloss Schönhausen war zehn Jahre lang das Schloss Bellevue der DDR: Sitz des Präsidenten. Wilhelm Pieck empfing hier von Chruschtschow bis Ho Chi Minh die Chefs der sozialistischen Bruderländer. Nachdem das Amt des Präsidenten abgeschafft worden war und der Staatsratsvorsitzende seine Funktion übernommen hatte, wurde das Schloss 1960 zum Gästehaus der DDR-Regierung umgebaut. Für größere Regierungsdelegationen war es zu klein und so errichtete man unmittelbar westlich des Schlossparks ein zusätzliches Gästehaus mit Apartments, funktional nichts anderes als ein Hotelbetrieb mit Lobby, Clubraum, Küche, Speise- und Kinosaal. Die Schlossparkmauer wurde an dieser Stelle abgerissen, sodass der Neubau mit seiner Terrasse Anteil am Park sowie Sicht- und Fußwegverbindung zum Schloss hatte.
»Ostmoderne« sagt man heute gerne dazu; gemeint sind DDR-Bauten jenseits des WBS 70-Plattenbaueinerleis, denen – oft mit einigem Wohlwollen – »Westniveau« zugesprochen wird, also eine gewisse architektonische Qualität, die Anstrengungen zu ihrer weiteren Erhaltung nahelegen. Das vom Projektierungskollektiv 110 unter der Leitung von Walter Schmidt entworfene Gästehaus ist ein solcher Bau, orientiert an Prinzipien des International Style, aber sicher nicht zu den Spitzenwerken gehörig.
Der lang gestreckte, dreigeschossige Baukörper wird durch das mit dunklem Schiefer verkleidete EG im Sinne Le Corbusiers zum Schweben gebracht, die Einzelfenster werden durch dunklere Aluminiumpaneele optisch zu Bandfenstern zusammengefasst. Das Treppenhaus als Vertikale unterbricht diese dynamischen Fensterbänder, ebenso die Wandscheiben der Stirnseiten. Das Vordach, etwas unharmonisch an das Gebäude angesetzt, greift weit aus und überdacht die mehrspurige Vorfahrt. Eine leichte stählerne Pergola mit Sonnenschutzlamellen überdacht zum Teil die Terrassen an der Südwand und an der Parkseite gen Osten.
Für die Ausstattung des Gebäudes hatte man prominente Künstler engagiert. Walter Womacka, u. a. durch sein Wandmosaik am Haus des Lehrers und den Brunnen der Völkerfreundschaft am Alexanderplatz bekannt, gestaltete sowohl die Farbfenster des Treppenhauses als auch ein Wandmosaik mit dem Titel »Erde, Feuer, Wasser, Luft« an der Gartenseite. Über den Eingangstüren sollte sein Wandbild »Tauben und Weltkugel« wohl die Besucher aus aller Welt friedfertig stimmen. Der Metallbildhauer Fritz Kühn schuf die Aluminiumtafeln der Fassade.
Schwierige Ausgangslage
Als das DDR-Regime sein Ende gefunden hatte, wurde für das Schloss und für das inzwischen unter Denkmalschutz gestellte Gästehaus eine neue Verwendung gesucht. Das Gästehaus diente noch bis 1995 als Hotel, dann musste es schließen. Im Jahr darauf verkaufte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das Gebäude an einen Investor, der jedoch mit seinem Plan scheiterte, es als Hotel wiederzueröffnen.
Bis zum Erwerb durch den aktuellen Entwickler stand das Gebäude leer und war dem Vandalismus ausgesetzt. Graffiti »zierte« die Schiefer- und Sandsteinfassaden, Fenster und Außenanlagen. Selbst der Arbeit des »Kollegen« Womacka zollten die Sprayer keinen Respekt, sondern »überarbeiteten« sie großflächig. Im Inneren wurden Wandverkleidungen aus Edelholz beschmiert und jegliches Mobiliar verwüstet, bis das Gebäude endlich richtig gesichert wurde. Man kann von Glück sagen, dass niemand Feuer gelegt hat.
Die Terraplan aus Nürnberg erwarb den Bau 2011 und stellte überraschende Pläne zum Umbau in ein Wohnhaus mit 39 Einheiten vor. Eine große Herausforderung bestand für die Potsdamer Architekten Eric van Geisten und Georg Marfels darin, die Denkmalschutzauflagen (die schon das Hotelprojekt zu Fall gebracht hatten), aber auch die Brandschutzauflagen mit den bautechnischen Gegebenheiten in Einklang zu bringen. Das Gebäude ist kein Plattenbau, wie man annehmen könnte, sondern basiert auf einem Betonskelettsystem für Sonderbauten, das für den Hotelbau nicht gerade optimiert war. Die undefinierten Zwischenräume zwischen den Zwillingsunterzügen in Zangenform zum Beispiel boten reichlich Anlass zu Überlegungen. Man hatte sie in den 60er Jahren kurzerhand für Leitungsführungen benutzt, doch nun waren sie nicht nur ein brandschutztechnisches, sondern auch ein Schallschutzproblem.
Geänderter Fassadenrhythmus
Da die Außenansicht erhalten bleiben sollte, blieb nichts anderes übrig, als die Betonvorsatzplatten mit einer Innendämmung zu versehen. Gleiches galt für die Stirnwände. Diese sind konventionell gemauert und tragen den originalen Verputz. Auch das Anbauen von Balkonen war aus Denkmalschutzgründen nicht möglich. Lediglich im EG an der Eingangsfront wurde ein schmaler Balkon genehmigt, mit einem unauffälligen, leichten Stahlgitter als Geländer. Die Wohnungen der oberen Geschosse hingegen sind mit Loggien ausgestattet, die sich dezent hinter der Bandfassade verbergen und deren Schiebefenster sich weit öffnen lassen.
Die Fensteröffnungen des Gästehauses waren jedoch insgesamt zu klein, um die Wohnungen ausreichend zu belichten. So brach man zusätzliche Öffnungen in die Fensterbänder. Für die alten, künstlerisch gestalteten Aluminiumpaneele, die dabei überflüssig wurden, fand sich eine neue Verwendung. Sie wurden auf Rahmen montiert und dienen jetzt als Schiebeläden. Mal geben sie die Fenster frei, mal lassen sie sich hinter die verbliebenen fest installierten Aluminiumplatten fahren.
Dadurch ändert sich das Fassadenbild je nach Bedienung durch die Bewohner. Einmal am Tag allerdings, um 12 Uhr, wird »Denkmalpflege betrieben«: Die Läden fahren automatisch in die Ausgangslage, das Haus zeigt seine ursprüngliche Gestalt – bis die Bewohner wieder andere Bedürfnisse haben.
Fritz Kühns Aluminiumpaneele konnten also aufgearbeitet werden, nicht aber die Farbglaswand des Treppenhauses. Die mit farbigen Folien beklebten Fenster wurden nach dem zerstörten Vorbild rekonstruiert. Womackas Supraporte »Tauben und Weltkugel« aus Emaille auf Kupfer wurde ebenso restauriert wie das große Wandmosaik an der Gartenseite, das nun als frei stehende Wandscheibe, einige Meter nach vorne gerückt, im Senkgarten steht. Dadurch wurde Fassadenfläche zur Belichtung der Innenräume frei.
Altneues Innenleben
Noch wenn man das Foyer betritt, fühlt man sich in die Zeit des Staatsgästehauses versetzt, wie es der Innenarchitekt Hans Hoßfeld ausgestattet hatte. Der Boden aus Saalburger Edelgrau, die von Graffiti befreiten Wände mit Kirsch- und Zebranoholzvertäfelung und die gläsernen Trennwände zu den früheren Bankett- und Kinosälen versprühen den Luxuscharme der 60er Jahre. Erst hinter den Glaswänden, wo Vorhänge neu eingezogene Leichtbauwände verdecken, beginnt das geänderte Innenleben.
Die Grundrisse des Skelettbaus wurden vollkommen neu organisiert, sodass sie nun Wohnungen unterschiedlichen Charakters und verschiedener Größe beherbergen. In den EG-Einheiten sorgen verglaste Zimmertrennwände und frei eingestellte Badboxen, die nicht die volle Raumhöhe einnehmen, dafür, dass sich der ursprüngliche weitläufige Eindruck der Säle noch immer erahnen lässt. Ein besonderer Gewinn ist zweifellos das Staffelgeschoss, das anstelle eines kleineren Technikbauteils neu aufgesetzt wurde und nun dem Wohnen dient. Erschlossen vom dritten Geschoss aus durch interne Treppen in Maisonette-Manier sind großzügige Wohnungen des gehobenen Sektors von 150-190 m² Größe entstanden, die sich im Staffelgeschoss nach Osten und Westen öffnen und jeweils zwei Dachterrassen haben, die Endwohnung gar eine 180°-Rundumterrasse. Als glücklicher Umstand erwies sich, dass sich das UG aufgrund der passenden Rastermaße des Skeletts problemlos in eine Tiefgarage umbauen ließ, was die privilegierten Wohnungen im Haus noch wertvoller macht.
Wo die Entourage von Staatsgästen der DDR untergebracht war, lebt heute in wieder aufpolierter 60er-Jahre-Eleganz eine betuchte Klientel in ruhiger Abgeschiedenheit am Schlosspark – sicher keine unangemessene Neunutzung und ein gelungener Akt der Denkmalpflege. •
Standort: Tschaikowskistraße 3, 13156 Berlin
Auftraggeber: Terraplan Grundstücksentwicklungsgesellschaft, Nürnberg, www.terraplan.deo
Architektur: VanGeistenMarfels Architekten, Potsdam, www.vangeistenmarfels.de
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Hottelmann, Potsdam, www.ibhottelmann.de
Haustechnikplanung: Ingenieurbüro EINS.A, Potsdam, www.buero-eins-a.de
Bauphysik: Ingenieurbüro Axel C. Rahn, Berlin, www.ib-rahn.de
Wohnfläche: ca. 4 500 m²
BGF: ca. 7 000 m²
BRI: ca. 13 500 m³
Baukosten: ca. 15 Mio. Euro
Weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de

Berlin Tschaikowskistrasse (S. 112)
  • VanGeistenMarfels Architekten
  • Falk Jaeger
s. db 10/2013, S. 106