Gedenkstätte Hohenschönhausen

Das Leben der Anderen

~Falk Jaeger

Schauderhaft gemusterte DDR-Tapeten dürftigster Qualität restaurieren? Diese seltsame Aufgabe stellte sich bei der Einrichtung des Berliner STASI-Gefängnisses als museale Gedenkstätte. Um die Gefängnistrakte nicht zu verändern, hat das Architekturbüro HG Merz die Besuchereinrichtungen, Seminarräume etc. für immerhin 400 000 Besucher jährlich in den Garagen rings um den Hof untergebracht. Es waren Filmteams, denen 1990 die erhaltenen Räume nicht dramatisch genug erschienen und die deshalb Eingriffe vornahmen. Inzwischen hat eine Stiftung die Anlage übernommen, Denkmalschutz ist oberstes Gebot und manche Veränderungen werden wieder zurückgebaut. So wurde eine verlustig gegangene Schrankwand originalgetreu nachgebaut, indem man die gegenüber liegenden Schrankpaneele gescannt und mit dem Furniermuster (Nussbaum, dunkel) neue Spanplatten beschichtet hat.
Zellen, dutzende Verhörzimmer, Flure und Treppenhäuser blieben unangetastet. Die Architekten haben dazu eine schwebende Ebene eingebaut, einen handbreit höheren, von den Wänden abgesetzten Laufsteg, im selben hellgrauen Design wie die Vitrinen und Wände der Ausstellungsarchitektur. Die Stragulaböden bleiben ohne Abnutzung bestehen und verströmen noch den DDR-typischen Lysolgeruch, als wäre das Putzkommando gerade erst durchgegangen.
Im Verwaltungstrakt vermitteln die »wohnlichen« Tapeten (in jedem Raum eine andere), das dürftige Mobiliar mit seiner peinlichen Möchtergernweltläufigkeit und die Aluminiumtüren von unsäglicher Banalität mit fast körperlicher Intensität, welcher Menschenschlag hier am Wirken war. Die Leiden der Menschen im Zellenbereich und im Haftkrankenhaus freilich lassen sich trotz der Hässlichkeit und Trostlosigkeit des Orts nur erahnen. Die Architekten haben gute Arbeit geleistet, den grauenvollen Ort zum Sprechen zu bringen. Zuhören und sich einfühlen muss jeder Besucher für sich allein.