Anerkennung

Bikini-Haus in Berlin

Innerstädtische Kommerzbauten sind keine leichte Bauaufgabe – meist unterliegen sie besonders hohen Renditeerwartungen, die einer anspruchsvollen Gestaltung oder denkmalpflegerischen Belangen eher im Wege stehen. Vor diesem Hintergrund ist auch der Umbau des Berliner »Bikini-Hauses« zu betrachten, das durch eine große rückwärtige Erweiterung in eine Shopping Mall integriert wurde. Als der Projektentwickler mit den Umbauplanungen begann, herrschte eine schwierige Ausgangslage: Das Büro- und Geschäftsgebäude aus den 50er Jahren war stark heruntergekommen und im EG fanden sich hauptsächlich Billigläden, die nicht recht zu dem prominenten Standort am Breitscheidplatz und zur historischen Bedeutung des denkmalgeschützten Gebäudes passen wollten. Denn der Bau ist Teil des »Zentrums am Zoo«, zu dem auch das Kino »Zoopalast« und das sogenannte »kleine Hochhaus« mit neun OGs gehört. Zwischen 1955 und 1957 nach den Plänen von Paul Schwebes und Hans Schoszberger errichtet, steht dieses Ensemble für den Willen, im Westen Berlins eine neue Mitte der 1948 politisch gespaltenen Stadt zu schaffen. Die ganze Nordseite des Breitscheidplatzes mit der Gedächtniskirche wird vom Bikini-Haus eingenommen, und so spiegelte dessen Glanz wie dessen Verfall gleichermaßen den Zustand der westlichen Halbstadt wider.

Nur aus dieser symbolschweren Geschichte heraus ist zu verstehen, welche Bedeutung der Generalsanierung des Gebäudes zukommt. Die Shopping Mall mit dem griffigen Namen »Bikini Berlin«, die als Annex den ehemaligen Anlieferungshof ausfüllt, sorgt für eine Wiederbelebung des vernachlässigten Bauwerks. Sie erstreckt sich mit Verkaufsräumen in die Erdgeschossebene hinein und reicht dergestalt bis auf den Breitscheidplatz hinaus.
Rundum geglückt ist die Wiederherstellung der Straßenansicht. Nachdem 1977/78 ausgerechnet jenes Luftgeschoss zwischen dem 1. und dem 3. OG geschlossen worden war, das dem Gebäude seinen Spitznamen »Bikini-Haus« eingetragen hatte, ist es nun wieder am Baukörper angedeutet. Auf diesem Stockwerk wurde die Außenhaut etwas ins Gebäudeinnere verschoben und mit dunkel getöntem Glas versehen, das unmittelbar hinter den Rundstützen verläuft. Dadurch erhalten die drei Geschosse darüber ihre elegante schwebende Wirkung zurück. Ihre nicht weniger als 210 m lange Fassade zeigt sich komplex rhythmisiert. Einige Fensterelemente sind bis zum Boden transparent verglast, andere weisen Brüstungsfelder mit weißem oder in leichtem Ocker gehaltenem Opakglas auf. Die metallenen Fensterrahmen selbst, rundweg neu hergestellt, geben die ursprüngliche Profilierung von hellen Mittelprofilen auf dunklen Seitenteilen wieder. Die zarte Eleganz der Profile und die Originalfarbigkeit in die neue Konstruktion zu übernehmen, war angesichts der heutigen Energieeinsparverordnungen nicht leicht.
Zusätzlich rhythmisiert wird die Fassade durch einige vertikale Betonstreifen zwischen den Fenstern, die seitlich in lichtem Blau oder Rot gehalten sind – ähnlich wie beim östlich angrenzenden »kleinen Hochhaus«, das dieselben Trennwände in lindgrünem Verputz aufweist. Diese seit langem nicht mehr sichtbaren Farbtöne wurden nach Befund wiederhergestellt. Auch dadurch wird auf der Hauptseite des Gebäudes die »Baugesinnung« von 1955 nun, knapp sechs Jahrzehnte später, wieder sichtbar.
Ein anderes Kapitel ist die dem Zoo zugewandte Rückseite. Sie lässt sich kaum wiedererkennen, u. a. weil die hervorstehenden Treppenhäuser abgerissen wurden, damit Platz für die Mall entstand. Ein schmerzhafter Verlust. Doch diesen Preis musste man wohl zahlen, um einem kränkelnden Ensemble neues Leben einhauchen zu können, was wiederum die aufwendige Wiederherstellung der stadtbildrelevanten Straßenfassade erst ermöglicht hat. Dass die Ausrichtung des Bikini-Hauses auf die Kommerzbedürfnisse von heute einen insgesamt akzeptablen Interessensausgleich mit der stets zur Defensive verdammten Denkmalpflege gefunden hat, ist eine bemerkenswerte Leistung. •
~gekürzte Fassung aus db 6/2014, Bernhard Schulz
Standort: Budapester Straße 42-50, 10787 Berlin
Auftraggeber: Bayerische Hausbau, München
Entwurf: Arne Quinze
Generalplanung bis 31.10.2012:
KEC Planungsgesellschaft mbH, Berlin
Planung ab 2012: Hild und K Berlin
Gutachten Denkmalpflege:
Bureau für Architektur und Denkmalpflege, Berlin
Tragwerksplanung: WTM Engineers, Berlin
Fassadenplanung: a..t..f, Fankfurt, www.atf-ffm.de
Bauphysik, Wärmeschutz: Benno Ellerböck, München

Berlin, Bikini (S. 120)
Hild und K Architekten
Andreas Hild
1961 in Hamburg geboren. 1987 Studium in Zürich, 1989 Diplom an der TU München. 1992-98 Hild und Kaltwasser, seit 1999 Hild und K Architekten mit Dionys Ottl. Seit 2013 Professur an der TU München.
Dionys Ottl
1964 in Peißenberg geboren. 1995 Diplom an der TU München. 1994-98 Mitarbeit bei Hild und Kaltwasser, seit 1999 Hild und K Architekten mit Andreas Hild.
Matthias Haber
1976 in München geboren. 2002 Diplom an der FH München. Seit 2002 Mitarbeit bei Hild und K Architekten, seit 2011 Partner. 2006 Master an der ETH Zürich. Seit 2012 Korrekturassistenz an der TU München.
Bernhard Schulz
s. db 11/2013, S. 96