Kirchwohnungen Maria Königin in Dülmen

Betten statt Bänke

Hoher Ausführungsstandard, geräumige Zimmer, gemeinschaftliche Atmosphäre: Der Einbau von günstigen Kleinapartments in die frühere Kirche Maria Königin in Dülmen ist alles andere als ein typisches Soziales Wohnungsbauprojekt. Feja + Kemper Architekten nutzten den vorhandenen Raum geschickt aus, ohne dabei die Qualitäten des ehemaligen Kirchensaals zu zerstören.

{Text: Frank Rolf Werner

Wenn Sakralbauten aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aufgegeben werden, dann wundert sich heute niemand mehr darüber. Die Gründe für das Auslaufen kirchlicher Nutzungen sind gleichermaßen bekannt wie vielschichtig (s. Metamorphose 05/2007). Während sich beispielsweise in den Niederlanden niemand mehr daran stört, wenn ehemalige Kirchen kommerziellen Nutzungen anheim fallen, ist hierzulande dergleichen kaum denkbar; deshalb werden entweihte Sakralbauten allenfalls für Begegnungsstätten, kirchennahe Verlags- und Bürogebäude, Kolumbarien oder vereinzelt auch für Wohnzwecke adaptiert.
Die Verwendung als Wohnraum war es denn auch, die im westfälischen Dülmen nicht nur den Streit um die Zukunft eines leeren Sakralgebäudes befriedet, sondern auch eine Nachnutzung mit wirklichem Modellcharakter hervorgebracht hat.
Nachdem die Kirchengemeinde Maria Königin im Jahre 2006 mit der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Dülmen fusionieren musste, benötigte man ihre Kirche ab 2008 schließlich nicht mehr. Dabei stand der einschiffige Baukörper aus der frühen Nachkriegszeit nicht unter Denkmalschutz. Sein schlichtes Inneres war geprägt von geschlossenen, weiß verputzten Seitenwänden und hintereinander gestaffelten Dreiecksbindern aus Beton, die ein sichtbar belassenes, holzverschaltes Satteldach trugen. Tageslicht drang lediglich über die bunt verglasten Fenster, die fast die ganze Westfront und die Nordwand des Altarraums ausfüllten, sowie zwei seitliche, gleichfalls bunt verglaste Rundfenster in das Innere ein. Ein nach Norden etwas von der Westfassade abgerückter Glockenturm sorgt für den einzigen städtebaulichen Akzent des schlichten ziegelverkleideten Sakralbaus. An ihn schließt sich in südlicher Richtung noch ein winkelförmiger, weiß verputzter Annex an, der zur Kirche hin einen begrünten Hof klausurartig umgreift.
Solider Investor – profilierte Architekten
Die Profanierung der Kirche Maria Königin sorgte für vielfältige Umnutzungsvorschläge, die sich jedoch allesamt als nicht finanzierbar erwiesen. Das änderte sich erst, als sich die ortsansässige Heilig-Geist-Stiftung professionell des Vorhabens annahm. Die Stiftung, die mit ihrem bald sechshundertjährigen Wirken zu den ältesten gemeinnützigen Institutionen Deutschlands gehört, war nämlich nach diversen Machbarkeitsstudien sowie Prüfung entsprechender Kostenvoranschläge dazu bereit, als Investor Kirchwohnungen auf der Grundlage des sozial geförderten Wohnungsbaus in dem Gehäuse des alten Sakralbaus zu installieren. Dabei war man sich sehr wohl bewusst, dass Abriss und Neubau günstiger sein würden als ein Kirchenumbau. Gleichwohl wollte man die emotionalen Bindungen des benachbarten Wohnquartiers an seine alte Kirche als Vertrauensvorschuss für deren Bewahrung und Umwidmung nutzen. Ein von der Stiftung ausgelobtes Gutachterverfahren gewann das Architekturbüro Feja + Kemper aus Recklinghausen, mit dem man bereits im Jahre 2004 im Rahmen einer internen Neugestaltung der von Dominikus Böhm erbauten Dülmener Heilig-Kreuz-Kirche positive Erfahrungen gesammelt hatte.
Kleine Stadt unterm Kirchendach
In der Folge errichteten die Architekten im Inneren der alten Kirche 15 neue Kleinwohnungen mit Wohnflächen ab 42 m². Untergebracht sind diese in weißgrauen, mit zementgebundenen Spanplatten bekleideten Kuben, die sich auf zwei Ebenen rechts und links der Mittelachse des ehemaligen Kirchenschiffs und im Altarraum gruppieren. Die alten Kirchenfundamente hatten sich bereits gesetzt; da die schweren Kalksandsteinwände und Betondecken der Einbauten sich konstruktiv nicht vom Bestand trennen ließen und gleichsam mit den jahrzehntealten Betonbindern und den bestehenden Außenwänden verwoben wurden, durfte es bei den Neubauteilen keinerlei Setzungen geben. Deshalb wurden sie mit Fundamenten von über 2 m Tiefe gegründet. Neben einem Aufzug erschließen Stege, Brücken und Treppen das eindrucksvolle Ensemble, das wie eine kleine Stadt wirkt, die man unter das schützende Satteldach der ehemaligen Kirche geschoben hat. Gegen den nicht mehr vorhandenen Altarraum hin weitet sich der nach oben hin offene, straßenähnliche Mittelgang sichelförmig immer weiter auf, wodurch das Ensemble fast unmerklich eine organische Komponente gewinnt. Gleichzeitig entsteht dabei eine Art Piazza, die nicht nur auf eine Treppenstiege verweist, sondern auch den Blick auf eine kleine, ursprünglich ebenfalls dort situierte Kapelle lenkt, die in dem vorhandenen Anbau an die ehemalige Kirche erhalten werden konnte.
Die neue Wohnanlage betritt man durch den alten Zugang im Südosten. Von dort aus gelangt der Besucher durch einen gassenartig engen Korridor in den lichtdurchfluteten, ausgeweiteten Mittelraum zwischen den Wohnkuben. Die beibehaltene, bunt verglaste Westwand sorgt hier für eine großzügige Helligkeit und lebendige Lichtreflexe. Die bunten Verglasungen der beiden alten Rundfenster hat man ausgebaut und als runde Leuchtkästen im Innenraum neu installiert. Zusätzlich wurde die Firstlinie des alten Dachstuhls teilweise durch ein breites neues Oberlichtband ersetzt. Dadurch erhalten Straßen und Gassen eine zusätzliche Belichtung. Im Winter ist das Klima in dem unbeheizten alten Kirchenraum sehr moderat, im Sommer dagegen angenehm kühl.
Anspruch, Ausdruck und Wirkung
Alle Details dieser kleinen Stadt in der Stadt wie Außenleuchten, Haustüren, Treppenläufe, Geländer oder Straßenbeläge wirken eingedenk gewohnter Standards des Sozialen Wohnungsbaus gleichermaßen werthaltig wie minimalistisch. Das hohe Qualitätsniveau setzt sich auch im Inneren der Wohnungen ungebrochen fort. Raumhohe Fensterwände, komfortabel zugeschnittene Räume, großzügige Balkone oder Terrassen, ja selbst nobel anmutende PVC-Fußböden sorgen auch hier für einen deutlich spürbaren gestalterischen Mehrwert. Bewohnt werden die Apartments derzeit von älteren Menschen – Einzelpersonen wie Ehepaaren. Die Vermietung der Kleinwohnungen erfolgt nicht konfessionsgebunden. Voraussetzung ist aber der Besitz eines Wohnberechtigungsscheins, der garantiert, dass nur Menschen mit geringerem Einkommen in den Genuss solcher Apartments gelangen. Der Mietpreis beträgt derzeit etwa 4,50 Euro pro m², was in Dülmen für Wohnungen mit Neubaustandard günstig ist – der lokale Mietspiegel reicht von 4,10 bis 5,50 Euro. Im Prinzip könnten sich aber nicht nur ältere Menschen, sondern auch Studierende oder Alleinstehende hier einmieten. Die kleine Wohngemeinschaft, die hier im wahrsten Sinne des Wortes »residieren« darf, verfügt zusätzlich über einen Raum für gemeinsame Aktivitäten, der in dem kurzen Verbindungstrakt zwischen ehemaliger Kirche und Kirchturm untergebracht ist und durch eine kleine Teeküche im engen EG des Turmes ergänzt wird.
Kunststück gelungener Vermittlung
Ganz zweifelsfrei ist den Architekten hier in Dülmen ein kleines Kunststück gelungen, nämlich Altes und Neues vorbildhaft miteinander zu verflechten. Vorbildhaft, weil das Neue ebenso bescheiden wie gestalterisch selbstbewusst auftritt und die verschwundene Aura des Sakralen nicht etwa unterdrückt, sondern sogar ausdrücklich inkorporiert. Und dies alles bei einem Low-Budget-Projekt des geförderten Sozialen Wohnungsbaus. Kein Wunder, dass dieses Kunststück einer Kirchenumwidmung Bauherren wie Architekten Anerkennungen und Architekturpreise eingebracht hat. Bleibt nur die Frage, ob sich die derzeitigen Bewohner des Privilegs bewusst sind, in einem geradezu himmlischen Ensemble wohnen zu dürfen? •
Standort: Anna-Katharina-Emmerick-Straße 28, 48249 Dülmen
Auftraggeber: Heilig-Geist-Stiftung, Dülmen, www.heilig-geist-stiftung.de
Projektsteuerung: Bischöfliches Generalvikariat, Münster, www.bistum-muenster.de
Architektur: Feja + Kemper Architekten, Recklinghausen, www.feja-kemper.de
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Ferdinand Hölscher, Dülmen
Wohneinheiten: zehn Apartments für eine, fünf für zwei Personen
Wohnflächen: 42-66 m²
Baukosten: 1,8 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Wände Wohnungen: Kalksandstein, KS-ORIGINAL, Hannover, www.ks-original.de
Wandoberflächen zum Kirchraum: Duripanel, zementgebundene Spanplatten, Eternit, Heidelberg, www.eternit.de
Fußboden Kirchraum: X-Plane, Bodenfliesen Feinsteinzeug, Villeroy & Boch, Mettlach, www.villeroy-boch.com
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de
  • 1 Halle/Erschließung
  • 2 Wohnen/Essen
  • 3 Schlafen
  • 4 Balkon/Terrasse
  • 5 Abstellräume
  • 6 Luftraum
  • 7 Kapelle
  • 8 Gemeinschaftsraum
  • 9 Kirchturm/Teeküche
  • 10 Sakristei

Dülmen (S. 124)

Feja + Kemper Architekten
Franz-Jörg Feja
1954 geboren. 1975-83 Architekturstudium an der TU Berlin und RWTH Aachen. 1983 Mitarbeit bei Gottfried Böhm. Seit 1986 Büro in Recklinghausen. 1991-95 Assistenz an der Universität Dortmund. Seit 1996 Lehraufträge an den FHs Bochum und Dortmund.
Peter Kemper
1963 geboren. 1983-90 Architekturstudium an der Universität Dortmund, 1990 Diplom. 1990-92 Mitarbeit im Büro Franz-Jörg Feja in Recklinghausen. Seit 1993 Partnerschaft mit Franz-Jörg Feja.
Frank Rolf Werner
1944 in Worms geboren. 1965-72 Studium der Malerei, Philosophie und Architektur. Bis 1982 wiss. Assistenz in Stuttgart. 1990-93 Lehrstuhl für Design- und Architekturgeschichte an der Kunstakademie Stuttgart. Bis 2012 Leitung des Instituts für Architekturgeschichte und Architekturtheorie an der Universität Wuppertal.