Anerkennung

Besucherinformationszentrum auf der Sparrenburg in Bielefeld

~Jan Rinke

Schweizer Architektur ist für ihre Solidität bekannt. So bieten sich ihre Macher für ein heutiges Weiterbauen an alten Wehrbauten geradezu an, wie an der Sparrenburg in Bielefeld, zumal es sich bei ihrem Standort auf einem Ausläufer des Teutoburger Waldes für westfälische Verhältnisse geradezu um alpines Terrain handelt. Max Dudler hat hier das neue Informations- und Besucherzentrum der Burg errichtet, die das traditionelle Wahrzeichen und Ausflugsziel Bielefelds darstellt. Sein Gebäude ist ein scharf konturierter Quader aus Stampfbeton, der hinter dem Torbogen des Torhausfragments wiederum einen Torraum bildet. Zu dieser Seite ist der Baukörper leicht abgeschrägt und setzt mit dieser Schräge formal das Motiv für die schräg eingeschnittenen Fensterlaibungen des Gebäudes. In der Eingangspassage zum Burghof erzeugt der Bau auf diese Weise eine weitere räumliche Schicht. Überhaupt scheint der Begriff der Schichten (etymologische Wurzel von Geschichte) ein wichtiger Bestandteil des Entwurfsgedankens zu sein. Damit wird das Bild des Stampfbetons, dessen Oberfläche verschiedenfarbige Schichten zeigt, zu einem sprechenden Detail, das mehr leistet als sich nur durch den Maßstab der Schichtung und die Farbigkeit im Spektrum zwischen Grau und Beige in den umliegenden Bestand einzufügen. In der Annäherungsperspektive auf den Burgturm hin funktioniert der Ergänzungsbau wie ein vorgelagertes Passepartout, das zu einer zusätzlichen Überhöhung des signifikantesten Burgteils beiträgt.
Statt der Burg einen Pavillon als Stätte der Belagerung durch Touristen voranzustellen, verlängert Dudlers Lösung die Eingangspassage zum inneren Burghof mit einem weiteren Durchgang, zelebriert also, was Sinn eines Besucherzentrums sein sollte: die Abwehr aufzubrechen und einen Zugang zu schaffen. Hat man den neuen Durchgangsraum durchschritten, schaut man rechter Hand nach Nordwesten an dem Neubau entlang auf die Stadt Bielefeld hinab. Soll niemand sagen, die Stadt gäbe es nicht.
Alles in allem fügt sich der Bau in seiner ganzen Anmutung und hinsichtlich seiner Rolle im Gebäudeensemble hervorragend in den Bestand ein. Seine Massivität passt zu den wehrhaften Mauern, seine tief eingeschnittenen Nischen setzen ein Motiv der Ruine fort. Er wird so Teil eines neuen Ganzen und ist somit tatsächlich Ergänzung, zeigt sich gleichzeitig aber auch als Solitär im Innern des Solitärs Burg, als eigenständig, als selbstbewusste Schicht unserer Zeit in der langen Burggeschichte. Gewiss ist das neu eingefügte Volumen kein reversibler Einbau am Denkmal. Ob die Nutzung, die sich hinter dem hochtrabenden Titel »Besucher- und Informationszentrum« verbirgt, nämlich ein einfacher Souvenir- und Postkartenverkauf nebst hangseitigem Außenkiosk, einen derartigen Aufwand erforderte, sei dahingestellt. Immerhin ist der Weiterbau trotz seiner durchaus passend bunkerhaften Anmutung aber höchst einfühlsam eingefügt. •
Standort: Am Sparrenberg, 33602 Bielefeld
Bauherr: Stadt Bielefeld,
vertreten durch Immobilienservicebetrieb (ISB)
Architekt: Max Dudler, Zürich, Berlin, Frankfurt
Projektteam: Simone Boldrin, Kilian Teckemeier, Thomas Back
Tragwerksplaner: Prinz & Pott GmbH, Bielefeld
Bauleitung: Architektenbüro Stüwe, Bielefeld, für Büro Max Dudler
TGA/Elektroplanung: Martell Ingenieurbüro, Bielefeld

Bielefeld (S. 114)

Max Dudler
In Altenrhein (CH) geboren. Studium an der Städelschule in Frankfurt und der HdK in Berlin. Mitarbeit bei O. M. Ungers. 1986 Bürogründung mit Karl Dudler und Pete Welbergen. Seit 1992 eigenes Büro mit Niederlassungen in Berlin, Zürich und Frankfurt. Lehraufträge und Gastprofessuren u. a. in Venedig und Wien. Seit 2004 Professur an der Kunstakademie Düsseldorf.
Jan Rinke
1972 in Ahlen geboren. Ab 1993 Studium der Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart und am IIT Chicago, 2002 Diplom. Seit 2000 tätig als freier Journalist und Kurator für Architektur, Stadtplanung, Kunst und Nachbardisziplinen. 2008-2012 Redakteur und Mitherausgeber von »architektur stadt ms«.