Ort der Erinnerung

Aussegnungshalle in Fellbach

Beim Umbau einer Aussegnungshalle in Fellbach ist dem Büro »Architektur 109« gleich zweierlei gelungen: auf unveränderter Grundfläche Platz für mehr Trauergäste zu schaffen und durch den geschickten Einsatz von Material und Licht eine tröstliche Raumstimmung zu erzeugen.

Text: Iris Darstein-Ebner

Das Bauen im Bestand ist eine der Kernaufgaben der Architekten Arne Fentzloff und Mark Arnold. Mit der Instandsetzung des Le Corbusier-Doppelhauses in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung beispielsweise stellte ihr Büro »Architektur 109« bereits in der Vergangenheit seinen Ideenreichtum und eine besondere Liebe zum Detail unter Beweis. Ende 2012 erhielt es von der Stadt Fellbach den Direktauftrag für die Sanierung und Umstrukturierung der Aussegnungshalle auf dem Kleinfeldfriedhof. Das in den Jahren 1952-53 realisierte Bauwerk ist zwar kein ausgewiesenes Denkmal, hat aber erhaltenswerte Qualitäten. Das schlichte Satteldachgebäude in Süd-Nord-Ausrichtung spricht eine geradlinige Architektursprache und auch die nach Westen orthogonal dazu angeordnete Gebäudespange mit Aufbahrungs- und Funktionsräumen ist klar und zurückhaltend gestaltet. Das Gebäudeensemble bestimmt den Charakter der gesamten Friedhofsanlage wesentlich. Eindeutig lautete darum die Aufgabenstellung an den Projektarchitekten Simon Otterbach, das Ensemble zu erhalten, instand zu setzen, die Aufenthaltsqualität in der Halle zu verbessern und die technische Ausrüstung zu modernisieren – tatkräftig unterstützt wurde er dabei von Rita Neunzig, Architektin beim Fellbacher Hochbauamt, die die Bauherrenvertretung übernahm.
Neuorganisation statt Anbau
Größtes Manko des 180 m2 großen Hallenbaus waren die beengten Platzverhältnisse, weswegen die Architekten zunächst über eine bauliche Erweiterung des Bestandsgebäudes nachdachten, die jedoch hauptsächlich an den Kosten scheiterte. Man einigte sich auf die »kleine Lösung«, welche vorrangig darin bestand, über eine geschickte Neuorganisation der Räume den vorhandenen Platz besser zu nutzen.
Gravierende bauliche Schäden wies das Gebäude nach eingehender Untersuchung nicht auf, auch musste es als nur temporär genutztes Gebäude nicht den Anforderungen der aktuellen EnEV genügen. Das massiv ausgefachte Stahlbetonfachwerk der Halle, der Mauerwerksanbau und auch die Nagelbinderkonstruktion des hölzernen Dachtragwerks waren intakt, weswegen sich die Sanierungsmaßnahmen an der Bausubstanz auf den Austausch der schwach dimensionierten und schadhaften Bodenplatte unter der Halle beschränken konnten. Sie wurde durch eine frei spannende Stahlbetonplatte ersetzt und mit Trittschallschutz, Wärmedämmschicht und einem hellen Industrieestrich zeitgemäß neu aufgebaut. Die Außenwände konnten ungedämmt verbleiben, während das ziegelgedeckte Satteldach eine neue Dämmung erhielt und der Glockenturm restauriert wurde. An der äußeren Erscheinung des Gebäudes sollte – im Unterschied zu seinem Innern – vorerst nicht gerührt werden.
Einfache Mittel, hohe Qualität
Mit einem Konzept aus wenigen, jedoch perfekt aufeinander abgestimmten Materialien sowie der hellen Gestaltung der Boden-, Decken- und Wandflächen erzielten die Planer eine vollkommen neue Raumatmosphäre. Sie verwandelten die ehemals düstere Aussegnungshalle mit der dunklen Holzdecke und den störenden Pendelleuchten in einen freundlichen, lichtdurchfluteten und hoffnungsvollen Ort.
Die Licht- und Farbstimmung der in Blei gefassten Gläser der Fensterelemente spiegelt sich in den weiß lasierten Buchenholzverkleidungen der Wände wider. Diese bis knapp unter die Fensterbrüstungen reichenden Vorsatzschalen sind wärmegedämmt, mildern so die Abstrahlungskälte der Außenwände und verbessern mit ihrer teilweisen Perforierung die Akustik des Raumes. Sie integrieren Heizkörper, Technikelemente und die indirekte Beleuchtung, die an der weißen Decke reflektiert und den Raum in ein gleichmäßiges, sanftes Licht taucht. Außerdem gliedern sie den Raum in der Vertikalen, mildern optisch seine Höhe und kaschieren die unterschiedlichen Türhöhen des Bestands hinter einer einheitlichen Fläche.
Um mehr Platz für die neue Bestuhlung zu gewinnen, wurde das Podest zur Chorzone abgebrochen und eine Mauerscheibe mit Segementbogen entfernt, die diesen Bereich zuvor vom Gemeinderaum abtrennte. Damit vergrößerte sich die nutzbare Grundfläche der Halle, ohne dass in die Proportion des Baukörpers eingegriffen werden musste. Den Zugang aus den Aufbahrungsräumen in die Halle versetzten die Architekten in Richtung Chor, sodass der mittlere Hallenbereich nun durch die verminderte Bewegungsfläche mehr Stühle aufnehmen kann. Während die Trauergemeinde die Halle über den Haupteingang im Süden betritt, bietet ein separater Eingang entlang der Aufbahrungsräume den Angehörigen mehr Diskretion.
Der Einbau einer neuen Orgel an der Westwand sorgt nicht nur für ein besseres Klangerlebnis, durch das Versetzen des Spieltisches konnten auch auf der Empore weitere Sitzplätze geschaffen werden. Die ehemals massive Balustrade wich einer leichteren, verglasten Brüstung. Sie gibt sowohl dem Organisten als auch den Chorsängern freie Sicht hinunter zur Gemeinde und zum Pfarrer.
Starke Symbolkraft
Das den Innenraum der Halle am stärksten prägende Element ist zweifelsfrei das neue Ausgangsportal; zugunsten eines durchgängigen Ablaufs der Aussegnungszeremonie ersetzt es die zuvor geschlossene Nordfassade. In den Raum eingestellt und seitlich verglast wirkt das Holzelement besonders plastisch – eher wie eine vorgestellte Scheibe und in geschlossenem Zustand nicht sofort als Tor erkennbar. Sechs Felder teilen die fast raumhohe, ebenfalls mit weiß lasiertem Buchenholz beplankte Fläche, in deren Mitte verglaste Fugen ein feines Kreuz zeichnen. Das Kreuz – für viele ein bedrückendes Symbol – materialisiert sich hier leicht und hoffnungsfroh ausschließlich über das hindurchscheinende Tageslicht. Mit einfachen Mitteln ist es den Architekten gelungen, ein kraftvolles Zeichen des Übergangs vom Leben in den Tod zu schaffen und auf unaufdringliche Weise den »Weg ins Licht« zu inszenieren: Nach der Feier öffnen sich die beiden unteren Türflügel, die Trauergemeinde schreitet unter dem Kreuz hindurch und folgt dem Sarg über eine neu angelegte Sichtbetonrampe hinaus ans Grab.
Im Herbst 2015 soll auch die Neugestaltung des Platzes vor der Halle fertiggestellt sein. Dort wird dann ein filigraner Sichtbetonbaldachin die Trauergemeinde in Empfang nehmen. Zusammen mit der modernisierten Aussegnungshalle bekommt die Stadt Fellbach einen in sich stimmigen und ganz besonderen Ort des Abschieds – aber auch der Erinnerung, der seine trostspendende Aufgabe an der Schnittstelle von Welt und Transzendenz noch besser als bisher erfüllen kann. •
Standort: Kleinfeldstraße 19, 70734 Fellbach
Bauherr: Stadt Fellbach, vertreten durch Oberbürgermeister Christoph Palm
Projektbegleitung: Rita Neunzig
Architekten: ARCHITEKTUR 109, Stuttgart
Projektleiter: Simon Otterbach
Tragwerksplanung: Dietz Würtele Ingenieure, Fellbach
Bauphysik: Bayer Bauphysik, Fellbach
HLS-Technik: Planungsunion, Fellbach
Elektrotechnik: Plan-Tec, Geislingen
Umbauter Raum: 2 600 m3
BGF: 490 m2
Beteiligte Firmen:
Orgelbau: Friedrich Tzschöckel, Althütte-Fautspach
Entwurf: Tzschöckel und ARCHITEKTUR 109
Schreinerarbeiten: Holzschuh und Böhringer, Fellbach
Stühle: STOELCKER, Ettenheim, www.kirchen-stuehle.com
Bodenbelag: Industrieterrazzo in individueller Ausmischung von Bayer, Blaubeuren
Innenputzsystem: Rotkalk Filz 05 von Knauf Marmorit, Altbach, www.knauf.de
Ausführung: Hürttle Anstrichtechnik, Asperg
Aufbauleuchten Wand/Decke: Record von louis poulsen, Düsseldorf, www.louispoulsen.com
Einbauleuchten Decke: 37243.000 von ERCO, Lüdenscheid, www.erco.com
Lichtschalter: LS 990 von Jung, Schalksmühle, www.jung.de
Beschläge: 1023 von FSB, Brakel, www.fsb.de

Fellbach (S. 96)

37277513727752

ARCHITEKTUR 109
Arne Fentzloff
1959 geboren. 1980-85 Studium in Stuttgart und Zürich (CH). 1986-91 Freie Mitarbeit bei Peter Haas, Stuttgart. 1988-90 Projektpartnerschaft mit Prof. Löffler, Stuttgart/Potsdam. Seit 1991 eigenes Büro mit Mark Arnold. 1993-2006 Lehrauftrag an der HfT Stuttgart.
Mark Arnold
1964 geboren. 1987-92 Studium in Stuttgart, Delft (NL) und Nottingham (GB). 1992 Mitarbeit bei Prof. Klumpp, Stuttgart. 1995 Lehrauftrag an der HfT Stuttgart und Aufbaustudium an der Städelschule, Frankfurt a. M. 1999-2005 Lehrauftrag an der HfT Stuttgart.
Iris Darstein-Ebner
s. db 11/2014, S. 96