Fondazione Prada in Mailand (I)

Alles Gold, was glänzt

~Hartmut Möller

Auf dem Areal einer ehemaligen Ginbrennerei am südöstlichen Stadtrand von Mailand hat das Büro OMA einen Ausstellungs-campus für moderne Kunst geschaffen. Für die Stiftung des Modekonzerns Prada nutzte es sieben Gebäude um und ergänzte das ab 1910 errichtete Ensemble um drei Neubauten. Schon von Weitem zieht ein alter viergeschossiger Baukörper, das sog. »Haunted House«, die Blicke auf sich – nicht nur, weil er die flachen Lagerhallen überragt, sondern auch, weil das Team um Rem Koolhaas ihn komplett mit Blattgold von 24 Karat überzogen hat. Ein Schelm, wer diese neue Hülle schlicht als Huldigung an das Luxuslabel versteht, dient sie doch laut Koolhaas v. a. dazu, die Wirkung eines zuvor unscheinbaren Gebäudes mit der Applikation einer hauchdünnen Schicht völlig zu verändern. Wegen seines beengten Treppenhauses kann das Bauwerk nur wenige Besucher aufnehmen (daher die Spukschloss-Anspielung), sodass hierfür bereits am Tickettresen eine feste Eintrittszeit zugeteilt wird. Kein Problem, schließlich birgt das 19 000 m2 große Gelände genug Ausweichmöglichkeiten zur Überbrückung.
Nach Betreten des Campus’ öffnet sich linker Hand eine Stichstraße mit Bibliothek und der von Wes Anderson gestalteten Bar Luce auf der einen Seite, während gegenüber eine neue quadratische Ausstellungshalle und der Kassenbereich liegen. Von hier können die zeitgenössischen Kunstwerke in den anschließenden Galerien, die das Areal einrahmen, im Rundgang erkundet werden. Grundrissdiagramme an Wänden und Boden erleichtern die Orientierung. In der Mitte des Geländes steht das Programmkino. Provokativ zerschneiden Spiegelglasflächen seine langen Fassaden über alle Pilaster hinweg, verweigern sich also der tektonischen Wandgliederung, und doch integriert sich der Bau wegen der Reflexionen gut in seine Umgebung. Die Neubauten kommen mit ihren gelochten Stahlträgern, Schrägstützen und buntem Materialmix als Koolhaas’sche Zitatensammlung daher (der neunstöckige Turm ist noch im Rohbau); dabei herrscht farblich angenehme Zurückhaltung. So harmonieren sie mit den Bestandsbauten in der Selbstverständlichkeit eines sukzessiv gewachsenen Miniaturdorfs.
Grob verputzte und geschlämmte Wände der weitläufigen, pfeilerlosen Ausstellungshallen versprühen rohen Industriecharme, der notdürftig geflickte Bodenbelag lässt deren ehemalige Einteilung erahnen. Gleichzeitig aber hebt OMAs saubere Gestaltung die Atmosphäre auf eine höhere Ebene und lässt dadurch keinen Zweifel daran, dass hier der Anspruch hehrer Kunst herrscht. •