Akribisch wie vor 83 Jahren

Instandsetzung Villa Tugendhat, Brünn (CZ)

In keiner Abhandlung über die Architektur des 20. Jahrhunderts fehlt Mies van der Rohes Villa Tugendhat. Seit 2001 als Weltkulturerbe geschützt, ist der Bau nun mit einer Sorgfalt instand gesetzt worden, die der Mies’schen Detailverliebtheit in nichts nachsteht.

{Text: Ursula Baus

Mies hatte die Abwesenheit des Hausherrn ausgenutzt, um dessen »schlechte Möbel« zu entfernen und seine – Mies´, später »Brno-Möbel« genannten Stücke – aufzustellen. Mies van der Rohes rigider, allumfassender Gestaltungshabitus im Hause Tugendhat hatte die zeitgenössische Kritik auf den Plan gerufen und die Frage provoziert, ob man in diesem Gebäude überhaupt wohnen könne. Die siebenköpfige Familie Tugendhat lebte lediglich acht Jahre in dem riesigen, auf einer Anhöhe über Brünn gelegenen Haus, das 1929-30 gebaut worden war. Allein der Wohn-Ess-Raum spannt sich über knapp 240 m2, insgesamt entstanden etwa 1 000 m2 nutzbarer Fläche, das Hanggrundstück bemisst 5 650 m2. Es war zur Bauzeit an nichts gespart worden: nicht am Material – in Paris aufgetriebenes Makkassar-Ebenholz, Onyx aus dem marokkanischen Atlasgebirge, Travertin aus dem italienischen Lazio – , nicht an der Konstruktion – Skelettbau mit chromstahlummantelten Stahlstützen und eine riesige, entlang der Außenwand versenkbare Panoramascheibe – , auch nicht an der Haustechnik – einer aufwendig installierten Luftheizung. Fenster, Türen und Fliesen reichten vom Boden bis zur Decke. Edel war auch die Einrichtung aus Leder, Samt und Seide.
Mitfinanziert hatte die Villa der Vater der Hausherrin. Grete Tugendhat, geborene Löw-Beer, entstammte einer reichen jüdischen Familie aus dem alten k. u. k. Kronlande Böhmen; in einem Vortrag, den Grete Tugendhat Jahrzehnte später hielt, bezeichnete sie die acht Brünner Jahre als »ununterbrochen glücklich«. Die Tugendhats flohen 1938 vor den Nationalsozialisten nach Caracas und gingen auch, als sie 1950 nach Europa zurückkehrten, nicht wieder nach Brünn zurück.
BEWEGTE GESCHICHTE

1939 beschlagnahmten die Nationalsozialisten die Villa, zwischenzeitlich bewohnte Willy Messerschmidt das Haus. Nach 1945 missbrauchte die Ostarmee das Gebäude als Stallung; auch in den mit Travertin belegten Salon wurden Pferde verfrachtet. Anschließend richtete eine private Gymnastikschule die Räume für eigene Zwecke notdürftig wieder her. Und danach, bis 1980, diente das Gebäude als Kinderspitalsklinik.

1963 hatte sich der Architektenverband der CSSR mit der architekturgeschichtlich einzigartigen Hinterlassenschaft befasst und befürwortete zunächst eine Art Gästehausnutzung, weil Leben in das Haus gehöre. Ende 1969 waren Experten zu einer internationalen Konferenz nach Brünn eingeladen worden, zu der auch Julius Posener anreiste – und bei dem Grete Tugendhat ihren oben erwähnten Vortrag hielt. Posener berichtete, der Kontakt zu den tschechischen Kollegen sei wunderbar gewesen. »Diese Gastfreundschaft und das starke, ja leidenschaftliche Interesse dieser Männer an der Wiederherstellung des berühmten Hauses konnte uns allerdings nicht darüber täuschen, wie drückend allgemeine Sorgen auf ihnen lasteten. Wir kamen in Brünn an dem Tage an, an welchem Jan Palach sich auf dem Wenzelsplatz verbrannte.« Es war keine gute Zeit, um die Villa zu restaurieren.

Erst 1981-85 wurde die Villa Tugendhat erstmals instand gesetzt – nicht gerade bauhistorisch fachgerecht, einige der original erhaltenen Teile gingen leider für immer verloren. Sie war auch nicht öffentlich zugänglich; im August 1992 begannen hier die politischen Verhandlungen über die Teilung der Tschechoslowakei. Immerhin, die Villa kam in die Verwaltungszuständigkeit der Stadt Brünn, 1995 wurde sie zum Nationaldenkmal deklariert und 2001 in die Weltkulturerbeliste der Unesco aufgenommen. Wieder zehn Jahre später, nach Zeiten politischen Wandels, gelang eine fachgerechte Restaurierung, die zwar Geschichtsspuren verwischte, aber dem Originalzustand der Bauzeit sehr nahe kommt.
MIT SORGFALT WIEDERHERGESTELLT
Der jüngsten, denkmalpflegerisch akkuraten Instandsetzung lagen kompetent erarbeitete Untersuchungen zugrunde, die unter anderem von Ivo Hammer und seiner Frau Daniela Hammer-Tugendhat geleistet worden sind, der Tochter der Tugendhats, die in Wien als Kunsthistorikerin lebt. 2010–12 konnten Konstruktion, Oberflächen, Haustechnik und Einrichtung exakt wiederhergestellt werden. Dem ging allerdings voraus, dass die Villa wie ein Rohbau aussah: Man musste teilweise zurück an die Substanz gehen. Und an die Wiederherstellung mit Materialien, die es heute auf dem Markt kaum mehr gibt. So konnte zum Beispiel der Boden in den Schlafzimmern wieder mit Sorelzement (Xylolith) vorbereitet und mit einem wie seinerzeit hergestellten Linoleum belegt werden. Die haustechnischen Anlagen – elektrische Fensterheber, Luft- und Heizungstechnik und Abluftsystem des Wintergartens – ließen sich originalgetreu reparieren. Und sogar die verloren gegangene Palisandervertäfelung der prägnanten runden Essbereichwand wurde wieder gefunden: Sie war in einem Mensa-Gebäude der Universität Brünn »zwischenverwendet« worden, was der Kunsthistoriker Miroslav Ambroz aus Notizen eines Wehrmachtsoldaten geschlossen hatte.
Geht man heute durch das Haus, lernt man die Restauratorenarbeit durchaus schätzen. Das Haus Tugendhat ist ein anschauliches Museum des modernen Wohnens, konstruktiver Courage und besessener Detailarbeit, erinnert aber auch an die Familie, die hier acht glückliche Jahre verbracht hat. Herausragend ist dies in Fotoarbeiten von Dirk Broemmel zu erkennen, der Familienfotos von Fritz Tugendhat – einem leidenschaftlichen Fotoamateur – aus den 30er Jahren mit eigenen, nachgestellten Profifotos von 2011 überlagerte.
Bemerkenswert ist auch, dass die Bäder und der Küchentrakt nach originalem Vorbild wiederhergestellt wurden. Es sind dies jene Räume, die zu einer Vorstellung des alltäglichen Familienlebens unbedingt dazu gehören. Grete Tugendhat berichtete, dass sie nie ein so großes Haus wollte, sich aber den Vorstellungen ihres verehrten Architekten nicht entgegenstellte. Von »Paradewohnen« hatte die zeitgenössische Kritik geschrieben; vor Ort hat man nicht den Eindruck, dass die große Familie und diejenigen, die hier mit wohnten, es so empfunden haben.
Literatur
[1] Die Form, Ausgaben September und Oktober (9 und 10), 1931, mit Beiträgen von Walter Riezler, Justus Bier, Roger Ginsburger u. a.
[2] Bauwelt 36/1969, mit Wiederabdruck von Grete Tugendhats Vortrag im Januar 1969
[3] Broemmel, Dirk, Haus Tugendhat, Kerber PhotoArt, 2011, Ausstellung in der Galerie f75, Stuttgart, 2012
[4] Hammer-Tugendhat, Daniela, Ivo Hammer und Wolf Tegethoff, The Tugendhat House. Ludwig Mies van der Rohe, 2. Auflage, Wien, New York, 2013
REPRODUKTION DER ALTEN FLIESEN
Es wird zu recht immer mal wieder darüber geklagt, dass Handwerkstraditionen abreißen, dass mit dem Knowhow auch eine Gestaltqualität der Architektur verloren geht. Die Villa Tugendhat lebt von handwerklicher Präzision, die mit durchgängigen, cremeweißen Fliesenwänden auch in scheinbaren »Nebenräumen«, in den Bädern, der Küche, der Anrichte, dem Kühlraum und Fritz Tugendhats Fotolabor zu finden ist. Die meisten Menschen werden die fast fugenlos verlegten 15 x 15-Zentimeter-Formate vielleicht aus älteren Haushalten kennen. Wo die Fliesenfläche endete, wurden am Rand Fliesen mit abgerundeter Kante verlegt, an den Ecken auch zweiseitig abgerundete. Und heute? In unseren gegenwärtigen Fliesensortimenten findet man alle schönen und schaurigen Dekors, Bordüren und wer-weiß-was – aber diese abgerundeten Fliesen leider nicht mehr.
Im Haus Tugendhat war seinerzeit die tschechische Fliesenmarke Rako verwendet worden – heute Tochter einer österreichischen Unternehmensgruppe. Und Rako erklärte sich bereit, für die jüngste Renovierung Repliken der ursprünglichen Fliesen als Spezialanfertigung mit allen Finessen beizusteuern. Die Originale waren ursprünglich im Doppelbrennverfahren aus einer als Kaolinit-Scherbe bezeichneten Rohstoffmischung hergestellt worden – wusste man bei Rako. Die hohe Maßgenauigkeit der Fliesen, auf die Mies Wert gelegt hatte, war damals dank eigener, patentierter Kalibrier-Maschinen erreicht worden. Zur Perfektion gehörte ein Fliesenplan – solche Pläne mit genauen Fugenmaßen mussten wir als Architekturstudenten auch noch zeichnen. Eine persönliche Anmerkung sei mir in dem Zusammenhang erlaubt: Der Niedergang des Fliesenhandwerks springt drastisch ins Auge, wo mit Diagonalverlegung alle Ungenauigkeiten und Planlosigkeit vertuscht werden sollen. Scheußliche Zwickel, willkürliche Fugenbilder – es ist einfach ärgerlich, dass eine gute Tradition achtlos aufgegeben wird. In Brünn wird mit der Restaurierung des Hauses Tugendhat bewiesen, dass im Zusammenspiel von sorgfältiger Produktion, weitsichtiger Planung und ambitionierter Ausführung etwas entstehen kann, das weiten Teilen zeitgenössischer Architektur fehlt: Perfektion, die man schätzt und pflegt – statt Schluderei, die jahrzehntelange Wertschätzung nahezu ausschließt. Nicht nur für Randbereiche, sondern auch für Anschlussstellen an Türzargen, Wanneneinbauten und Ablageflächen wurden in Brünn für die Restaurierung wieder Fliesenelemente produziert. Auch eine entsprechend gemischte Fugenmasse gehört zum schlüssigen Ganzen – in Brünn achtete ein Keramikrestaurator darauf, dass der ursprüngliche Anspruch von Mies van der Rohe wiederzuerkennen ist. •
Standort: Cernopolní 237/45, 613 00 CZ-Brno/Brünn
Nutzer: Museum der Stadt Brünn, www.spilberk.cz,
Bauherren: 1929/30: Grete und Fritz Tugendhat
2010–12: Stadt Brünn, www.brno.cz
Architektur: 1929/30: Ludwig Mies van der Rohe
2010–12: OMNIA projekt s.r.o., Brünn, www.omniaprojekt.cz
+ Archteam, Prag/Brünn, www.archteam.cz
Ausstellung: Atelier RAW s.r.o., Brünn, www.raw.cz
Grundstücksfläche: 2.000 m²
Nutzfläche: 1.250 m²
Baukosten: ca. 7 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Fliesenrepliken: Rako, 600 m² Wand- und 250 m² Bodenfliesen, weiß, Format 15 x 15 cm, LASSELSBERGER Ceramics s.r.o.,
Pilsen (CZ), www.rako.cz

Brünn (CZ) (S. 116)
Ursula Baus
Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Klassischen Archäologie in Saarbrücken. Architekturstudium in Stuttgart und Paris, Promotion. 1989-2004 Redakteurin der db, 1989 in Paris, Korrespondenz für internationale Publikums- und Fachpresse. 2004 Mitbegründerin von frei04 publizistik, Stuttgart; freie Architekturkritikerin und -wissenschaftlerin. 2004-10 Lehraufträge an der Uni Stuttgart und der Kunstakademie Stuttgart. Im Stiftungsrat der Schelling Architekturstiftung, bis 2012 stellvertretende Vorsitzende des Beirats der Bundesstiftung Baukultur. Seit 2010 im wissenschaftlichen Kuratorium der IBA Basel 2020.