Alte Kelter in Kirchheim a. N.

Geplantes Nicht-Planen

In Kirchheim konnte ein herrlich atmosphärischer Raum mit allen Spuren der Vergangenheit bewahrt werden: Die Alte Kelter beherbergt heute einen Wochenmarkt und gelegentliche Kulturveranstaltungen. Dank dieser Nutzung waren störende Eingriffe unnötig.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

Jurybegründung:
Die hohe Kunst bei diesem Projekt bestand darin, den vorgefundenen Raum mit seinem beinahe sakralen Charakter so unverändert wie möglich zu erhalten, inklusive der verwitterten Oberflächen. Die Architekten haben sich vollkommen zurückgenommen und keine Spuren mit eigener Handschrift hinterlassen. Ein cleveres Nutzungskonzept – Wochenmarkt und gelegentliche Kulturveranstaltungen – ermöglichte es, auf störende bauliche Eingriffe wie Fluchttreppen oder Wärmedämmung zu verzichten. Ein raffiniertes Lichtkonzept setzt den Bestand in Szene.

Architekten: lohrmannarchitekt, Stuttgart

Text: Christoph Gunßer
Fotos: Andreas Dalfert; Erich Schneider; lohrmannarchitekt

In der knapp 6000 Einwohner zählenden Winzergemeinde Kirchheim am Neckar zwischen Stuttgart und Heilbronn wird die Traubenernte schon lange nicht mehr im verwinkelten Ortskern verarbeitet. Dennoch ist die mächtige Alte Kelter dort erhalten geblieben und steht seit 1532 weitgehend unverändert neben Kirche und Schulhaus. Anders als in den benachbarten Weinorten Lauffen und Bönnigheim wurde sie nicht mit gastronomischer oder gar sportlicher Nutzung gefüllt, sondern bot sich bis zuletzt als ein urtümlicher Großraum dar.

Diesen Charakter haben die Architekten beim Umbau bewahrt. Von der Gemeinde direkt mit der Ertüchtigung des denkmalgeschützten Gebäudes beauftragt, gingen sie sehr behutsam vor. Da das Haus nur gelegentlich für den Wochenmarkt und für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden soll, waren keine großen Eingriffe in die Substanz nötig. Die äußere Hülle wurde denn auch im schroffen, ziemlich verwitterten Erscheinungsbild eines historischen Nutzbaus belassen. Gerade im Kontrast mit dem stark aufgefrischten Fachwerkgiebel des umgenutzten alten Schulhauses nebenan wirkt die Kelter mit ihren etwas bröseligen Bruchstein- und Ziegelmauern noch »echt« und bodenständig. Ihre große, unveränderte Dachfläche prägt und beruhigt gemeinsam mit der Kirche die Ortssilhouette.

Auch im Innern muss man schon genauer hinschauen, um die aktuellen Eingriffe zu erkennen. Nachdem die salpeterigen Mauern abgestaubt waren, entfernte man mutig einen Großteil der untersten Zwischendecke, um »die Kuppel« (so Innenarchitektin Alexandra Bicheler) freizulegen: Das imposante Dachtragwerk, das mit zwei quadratischen Stützen auf Sandsteinsockeln mitten im Raum fußt, liegt nun frei und unterstützt den Höhlencharakter des Raumes. Architekt Holger Lohrmann spricht gar von sakraler Anmutung, die am Ende auch die erst skeptischen Nutzer überzeugte. Oft erlebte er hier einen »Wow-Effekt«.

Unsichtbar sein als Konzept

Der Rest war Detail-Arbeit: Die wenigen, teils im 19. Jahrhundert hinzugefügten Fenster wurden überwiegend neu verglast, wobei die alte Wirkung erhalten blieb. Die alten, vergrauten Klappläden im Giebel hängen unverändert schief in den Sandsteinlaibungen. Die Elektrik wurde erneuert und ein Beleuchtungskonzept umgesetzt, das einerseits mit versteckten LEDs auf den freigelegten Deckenbalken den Dachraum variabel erhellt, andererseits über historische, emaillierte Hängelampen, die man im Gebrauchtwarenhandel erstand, behagliche Lichtinseln im EG bildet.

Vor die großen Tore hängte man dicke, schwarze Samtvorhänge, um Zugluft zu vermeiden, aber v. a. der festlichen Wirkung wegen. Vor der Westseite des Raumes erhebt sich die Bühne, wo hin und wieder der örtliche Musikverein und die Theatergruppe, aber auch Kabarettisten und Liedermacher auftreten, zuletzt im Rahmen des »Kulturbesens« im November.

Leidlich warm wird der Raum bei Bedarf durch einen auf der Südseite neu installierten, frei stehenden Gussofen mit immerhin 27 kW Leistung. Traditionell träge reagiert die Baumasse mit ihren fast meterdicken Bruchsteinmauern und dem Betonboden, der geflickt und uneben viel vom landwirtschaftlich-ruppigen Charakter des Raumes bewahrt.

Alte hölzerne Einbauten für Nebenräume auf der Südseite beließ man, lackierte sie lediglich dezent. Aus einigen Bohlen der Zwischendecke entstand die neue Theke samt Bank am Eingang als einziges permanentes Möbel. Insgesamt wirkt der Raum in seiner spröden Einfachheit, seiner Schummrigkeit, im Verzicht auf jedwedes modische »Design« angemessen, authentisch, dörflich – ein vielseitig nutzbarer Freiraum für den Ort.

Das behutsame Vorgehen überzeugte auch die Denkmalschützer. Architekt Holger Lohrmann berichtet von großem Vertrauen ihrerseits, erlebte indes einen »gestalterischen Überdruck« bei den Architekten: Als das Team im Büro an die Aufgabe heranging, habe man schon die »Gestalterseele disziplinieren« müssen, um so zurückhaltend zu bleiben. Dass auch Bauherr und Öffentlichkeit nicht stirnrunzelnd fragten, was denn hier überhaupt gemacht wurde – immerhin wurde ein mittlerer fünfstelliger Betrag verbaut –, rechnet er ihnen hoch an.


Standort: Herrengasse 10, 74366 Kirchheim am Neckar
Bauherr: Gemeinde Kirchheim am Neckar
Architekten: lohrmannarchitekt, Stuttgart

Beteiligte Firmen:
Vorhänge und Vorhangschienen: Bühnenmolton R55 und »Trumpf 95«, Gerriets, Umkirch, www.gerriets.com
Indirekte Beleuchtung »Limit MO« von O/M, Trieschmann, Rutesheim, www.trieschmann-gmbh.de
Direkte Beleuchtung: historische Emaille-Leuchtschirme, Historische Baustoffe Ostalb, Söhnstetten, www.historische-baustoffe-ostalb.de
Warmluftofen: »Kanuk® 04«, KANUK, Dipoldiswalde, www.kanuk.de


lohrmannarchitekt

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Holger Lohrmann

Architekturstudium in Stuttgart und London. Mitarbeit bei David Chipperfield Architects, London. Anschließend Bürogründung, Lehraufträge an der Universität Stuttgart. Gründung der Galerie finecraft in Stuttgart.

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Stefanie Larson

Studium der internationalen Wirtschaft an der Universität Angers (F) und der Psychologie und Linguistik in Tübingen und Stuttgart. Geschäftsführung von lohrmannarchitekt, Gründung der Galerie finecraft. Lehraufträge u. a. an der Filmakademie Ludwigsburg.


Über den Autor Christoph Gunßer

Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz an der Universität Hannover. 1992-97 Mitarbeit in der Redaktion der db, seit 1998 als freier Fachautor tätig.