Tradition und Moderne

Die 54. Ausgabe des Salone Internazionale del Mobile präsentierte sich mit umfangreichem Programm. Die Leitmesse des Designs lockte mit runden Geburtstagen, der Verbindung von Handwerkskunst mit moderner Technologie sowie Materialexperimenten. Ein Messerundgang mit der db.

Text: Andrea Eschbach

Unpraktisch geformt, überteuert und fürs Saftpressen einfach ungeeignet. Richtig, die Rede ist von Philippe Starcks »Juicy Salif«. Der wohl bekanntesten Zitruspresse aller Zeiten war das Aussehen schon immer wichtiger als ihre Funktion. Quasi über Nacht wurde das unbequeme Ding auf den langen Beinen zum zeitgeistigen Statussymbol der 90er Jahre. Vergangene Woche feierte die Design-Ikone in Mailand Jubiläum: Hersteller Alberto Alessi lud zusammen mit Philippe Starck in den Flagship-Store in der Via Manzoni ein, auf 25 Jahre Erfolg anzustoßen. Zur Feier brachte Alessi eine limitierte Sonderedition der Saftpresse mit – aus Gussaluminium mit mattweißem Keramiküberzug und aus Gussbronze.
Die 54. Ausgabe der weltweit bedeutendsten Messe der Einrichtungsbranche präsentierte sich Mitte April gut gelaunt unter vorsommerlichem Himmel. Nukleus der ganzen Woche war selbstverständlich der Salone del Mobile selbst: In den Messehallen der Fiera Milano Rho konkurrierten rund 2 100 Aussteller aus aller Welt um die Gunst der Besucher; ca. 310 000 Designinteressierte wurden gezählt. Ergänzt wurde die Möbelschau von der Internationalen Beleuchtungsmesse Euroluce und der Büromöbelmesse Salone Ufficio sowie der Nachwuchsschau SaloneSatellite. Daneben lockten wohlbekannte und neue Locations im ganzen Stadtgebiet.
Feiern mit Neuheiten und Klassikern
Jubiläen feierten auch andere Hersteller. So zelebrierte das lombardische Familienunternehmen Molteni & C seinen 80. Geburtstag mit einer großen Schau in der Galleria d’Arte Moderna. Kuratiert von keinem Geringeren als Jasper Morrison gab die Ausstellung einen Rückblick über die vergangenen acht Dekaden. Zu entdecken waren dabei u.a. eine Reihe bislang noch nie gezeigter Prototypen der Klassiker des Hauses. Das Unternehmen Zeitraum aus Wolfratshausen kann inzwischen bereits auf 25 Jahre Bestehen zurückblicken. Gefeiert wurde das Jubiläum mit acht Neuheiten. Eyecatcher der Kollektion ist das Möbel »Side Comfort Backrest« [1] in verwaschenen Grau- oder Rosé-Tönen. Das Polstersystem des Designstudios Formstelle ist modular aufgebaut und erlaubt es, es an ganz unterschiedliche Raumsituationen anzupassen. »Unser Entwurfsgedanke war, mit den Polster-Komponenten spannungsvolle räumliche Anordnungen zu schaffen und Landschaften zu bauen«, erklären die beiden Designer Claudia Kleine und Jörg Kürschner. Die kombinierbaren Sitz- und Rückenmodule (in zwei Sitzhöhen) sowie der Beistelltisch »Side Comfort Table« lassen sich sowohl zu Einzelsofas als auch zu raumbildenden Sitzlandschaften zusammenstellen. Daneben steuerte das Berliner Designduo Läufer + Keichel den ersten reinen Massivholzstuhl der Zeitraum-Kollektion bei: Ihr Entwurf »Nonoto« – wahlweise in Eiche oder amerikanischem Nussbaum erhältlich – wirkt aus jedem Blickwinkel zeichenhaft.
Möbeltrend Holz
Holz ist und bleibt eines der Trendmaterialien der Branche. Konstantin Grcic hat für das italienische Unternehmen Plank den Formholzstuhl »Remo« [2] entworfen. Der robuste Stuhl kombiniert die handwerkliche Tradition mit den neuesten Fertigungstechniken. Charakteristisch für das Sitzmöbel ist die Verbindung der Sitzschale mit der horizontal gerichteten Rückenlehne. Auch Cappellini setzt auf Holz und präsentierte einen sanft gerundeten Holzbeistelltisch. In geschlossenem Zustand wirkt der Entwurf »Anemos« [3] des jungen Designers Antonio Facco monolithisch. Auf den zweiten Blick offenbart er sein interessantes Innenleben: Vier gepolsterte Sitzelemente sind unter die Platte geschoben. Ein wandelbarer Tisch, wie gemacht für kleine Wohnungen.
Schon 20 Jahre lang fertigt e15 Massivholzmöbel. Die zwei Dekaden feiert das Frankfurter Unternehmen mit einer ganz besonderen Kollaboration: Der britische Architekt David Chipperfield präsentierte eine Produktfamilie aus Bank, Hocker und Tisch. Ursprünglich hatte der Großmeister den Tisch »Fayland« für ein Landhaus in den englischen Chiltern Hills entworfen, dann wollte der Architekt den skulpturalen Tisch auch anderweitig einsetzen und kam auf e15 zu – eine Anfrage genau im richtigen Moment. Zum Tisch gesellen sich nun die Bank »Fawley« und der Hocker »Langley« [4]. Klare Linien und eine kraftvolle Formensprache prägen die Möbel, die in massiver Eiche oder europäischem Nussbaum, geölt, weiß pigmentiert oder in Schwarz erhältlich sind. Die schönsten Proportionen weist der Hocker auf, ein ernstzunehmender Konkurrent des Klassikers »Backenzahn« (1996) im e15-Sortiment.
Wo der eine Architekt ein glückliches Händchen hat, beweist ein anderer kein Designvermögen. Beim italienischen Trendsetter Moroso, der mit seinem Messestand und der Qualität seiner Neuheiten in diesem Jahr nicht zu überzeugen vermochte, präsentierte David Adjaye die Sessel- und Stuhl-Kollektion »Double Zero«. Die runden Samtpolster auf dem goldenen Gestell sollten nach Aussage des britischen Architekten eine Anspielung auf Art Déco sein, aber verfehlten ihr Stilvorbild komplett.
Ein Klassiker bei Walter Knoll stammt ebenfalls aus Architektenhand: 1975 von Meinhard von Gerkan für die VIP-Lounge des Flughafens Berlin-Tegel entworfen, wird der »Berlin Chair« [5] nun neu aufgelegt. Diese Ikone der Designgeschichte besticht mit klaren Linien, großer Präzision und handwerklicher Qualität. Inspiriert vom Funktionalismus ist der Sessel aus glänzendem Stahl und weichem Leder heute ein Beispiel zeitlos gültiger Ästhetik. Das Herrenberger Unternehmen, das gerade 150-jähriges Jubiläum feiert, präsentierte zudem ein Möbel, das exemplarisch für einen weiteren Trend steht: nämlich den Einsatz von Marmor. Der Beistelltisch »Joco Stone« von EOOS balanciert eine dünne Platte aus Marmor oder Onyxmarmor auf einem filigranen Gestell.
Alte Kunst, neue Technologie
Spannende Entdeckungen gab es in diesem Jahr auch bei den Leuchten zu machen. Der britische Designer Lee Broom zeigte in einer theatralischen Inszenierung die Leuchte »Chapel Light«, deren Kuppel das Licht durch einen Boden mit einem geometrischen Muster aus buntem Bleiglas filtert. Eine alte Technik, die hier modern umgesetzt wird. Auf handwerkliches Können setzt auch Foscarini. Die Hängeleuchte »Caiigo« [6] von Marco Zito ist aus mundgeblasenem Murano-Glas gefertigt. Von großem Know-how der Glasbläser zeugt der Effekt der Verschmelzung von Weiß hin zu Transparenz. Aus diesem Grund ist auch jede Leuchte einzigartig, denn der Verlauf zwischen den beiden Glasfarben unterscheidet sich leicht von Leuchte zu Leuchte. Im venezianischen Dialekt bedeutet »Caiigo« der Nebel, der aus dem Wasser der Lagune aufsteigt. In der zeitlosen Leuchte vereint sich die Tradition der Glasbläserkunst mit heutiger LED-Technologie. Auch bei Luceplan knüpft man an die Tradition an: Der junge Norweger Daniel Rybakken zeigte seine Interpretation eines Leuchters. »Traditionelle Kronleuchter wiederholen oft ein einzelnes Element ganz symmetrisch«, sagte der Designer. Die Hängeleuchte »Stochastic« besteht aus 48 metallisch schimmernden, mundgeblasenen Glaskugeln, die an Klavierdrähten in unterschiedlichen Längen hängen. Die Art und Weise, wie der Besitzer sie aufhängt, bestimmt die finale Erscheinung.
Den Bogen zwischen Tradition und Moderne schlug auch Thonet elegant. Bereits auf der imm überraschte das für seine Bugholzklassiker bekannte Unternehmen mit einem Lounge-Sessel. Auf der Messe in Mailand verwandelte Thonet seinen Stand gleich ganz in eine Lounge. Das Programm wurde u.a. durch das Bugholz-Sofa »2002« [7] von Christian Werner erweitert. Das Thonet-Archiv in Frankenberg diente dem Berliner Gestalter dabei als Inspiration. Ein üppiges, bodentiefes Sitzpolster wird von einem doppelten Bügel aus Bugholz wie von einer weit ausgreifenden Schleife umfasst – eine Reminiszenz an den Wiener Kaffeehausstuhl. Lässt man die Kissen weg, entsteht ein komfortables Daybed.
Grafische Silhouetten
Neues mit Traditionellem zu verbinden, das hat sich auch Artek auf die Fahnen geschrieben. Das vor 80 Jahren gegründete finnische Unternehmen hat nordische Meister wie Alvar Aalto oder Eero Aarnio im Programm. In Mailand zeigten sie jedoch das Resultat einer finnisch-französischen Zusammenarbeit. Das Projekt von Ronan und Erwan Bouroullec ist ein Möbelsystem mit dem Namen »Kaari« [8]. Die Kollektion besteht aus rechteckigen und runden Tischen in zwei Größen. Ein Schreibtisch, eine Wandkonsole und mehrere Regale komplettieren die Serie. Das Prinzip hinter der Kollektion zeigt die Konstruktion der Tische: Ein hölzerner vertikaler Part trägt die Tischplatte; diagonale, gebogene Streben aus Stahl bieten dem Möbelstück horizontal Standfestigkeit – elegant und grazil. Ein weiterer Wurf gelang den französischen Designbrüdern bei Vitra mit »Belleville«, einer Produktfamilie aus Stühlen mit und ohne Armlehne sowie zwei Tischen [9]. Der leichte »Belleville Chair« besticht durch seine Linienführung, die wie gezeichnet wirkt. »Wie ein Typograph seine Buchstaben zeichnet, so haben wir Schritt für Schritt die Proportionen der Struktur entwickelt«, sagt Ronan Bouroullec. Der stapelbare Kunststoffstuhl besteht aus zwei Komponenten – einer Rahmenstruktur und der Sitzschale. So ist er schlank und dennoch robust. Die feine Silhouette des Stuhls prägt der schwarze Kunststoffrahmen für Beine und Rückenlehne. Der Rahmen nimmt eine nur 3 mm dünne Schale auf. Die Sitzschale ist in farbigem Polyamid, furniertem Formsperrholz oder in Leder bzw. gepolstert erhältlich. Erst auf den zweiten Blick erschließen sich Materialität und Konstruktion. Die Beine der »Belleville Tables« – mal klein und rund, mal groß und rechteckig – nehmen den Schwung der Stühle auf. Ein Entwurf, der sich perfekt in die Vitra-Kollektion einfügt. •