Zum Wasser hin präsentiert sich die 370 m lange Montagehalle wie ein großes Schaufenster
Airbus A380 Ausstattungsmontagehalle in Hamburg-Finkenwerder

Passgenau

Die Halle auf einer Landzunge in der Elbe fasst vier Flugzeuge. Bei Entwurf und Ausführung ging es vorrangig um ergonomische Funktionalität, ebenso wichtig war es aber, die enormen Dimensionen sowohl statisch als auch gestalterisch in den Griff zu bekommen. The hangar, located on a tongue of land by the River Elbe, houses four aeroplanes. The overriding concern during design and construction was ergonomic functionality. Of equal importance, however, was coming to terms with the enormous scale, both structurally and aesthetically.

Text: Dierk Jensen

Fotos: Heiner Leiska, Michael Kottmeier
Das Mobile dominiert in Hamburg-Finkenwerder eindeutig das Immobile. Denn Höhe und Spannweite des Airbus 380 geben die Dimensionen für die Ausstattungsmontagehalle – was für ein Wort – vor, in der das größte Passagierflugzeug der Welt sein komplettes Interieur erhält – quasi auf dem Boden der Tatsachen. Mehr als fünf Hektar Fläche überdacht der imposante Industriebau, der nach dem Entwurf von Volkwin Marg und Marc Ziemons (gmp) im Februar 2005 fertig gestellt wurde.
Die Halle demonstriert mit ihren 370 laufenden Metern entlang des Südufers der Elbe den unübersehbaren wirtschaftspolitischen Willen der Hansestadt, am globalen Wachstum der Luftfahrt bzw. der Luftfahrtindustrie teilhaben zu wollen. Dabei ist die Ausstattungsmontagehalle im engen Kontext zum Ausbau des ganzen Werksgelände der Airbus Deutschland GmbH zu betrachten. Ist doch dem Bau der Montagehalle ein substanzielle Erweiterung des Werksgeländes vorausgegangen. Trotz heftiger Proteste vieler Hamburger wurde ein ökologisch wertvolles und 150 Hektar großes Teilstück der Elbe (Mühlenberger Loch) zugeschüttet, um Platz für eine neue Landebahn und weitere Fertigungshallen zu schaffen. Erst dadurch hat der Hallenbau eine einschneidende städtebauliche Wirkungskraft erhalten, die mit der politisch proklamierten Parole einer »wachsenden Stadt« einhergeht.
Traditionsstandort Dabei hat der Flugzeugbau in Finkenwerder eine lange Geschichte. Als 1933 das nationalsozialistische Luftrüstungsprogramms anlief, wurde die Hamburger Flugzeugbau GmbH (HFB) als Tochterunternehmen von Blohm & Voss gegründet. Vorwiegend wurden Flugboote entwickelt und gebaut, für die in Finkenwerder ein kombinierter Land- und Wasserflughafen geschaffen und ab 1941 ein Montagewerk errichtet wurde. Die Wahl fiel auf gerade diesen Standort, weil das Mühlenberger Loch die Wasserung von Flugbooten ermöglichte, ohne den Schiffsverkehr auf der Elbe zu behindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg, alliierter Kontrolle und diversen Firmenfusionen produzierten die Flugzeugkonstrukteure in Finkenwerder ab Mitte der fünfziger Jahre für die Bundeswehr. Ende der sechziger Jahre entstand dann der Luft- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), der mit späterer Beteiligung von Mercedes-Benz zur DASA heranwuchs, bis dieses Unternehmen schließlich im Jahr 2000 mit der französischen Aérospatiale-Matra und der spanischen CASA zum europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS vereinigt wurde. Unter diesem Konzerndach agiert die Airbus Deutschland GmbH mit 11 000 Beschäftigten am Produktionsstandort Finkenwerder, der es von Logistik und Struktur allemal mit einer Kleinstadt aufnehmen kann.
Klare Struktur Im neuen Fünfzig-Millionen-Bau finden gleichzeitig vier Airbus-Maschinen Platz, deren Kabinen und Frachträume hier ihre Innenausstattung erhalten. Obwohl Airbus anfänglich nichts gegen runde Bauelemente einzuwenden hatte, stellte sich bald heraus, dass Dachbögen angesichts der gewünschten Gebäudedimensionen aus statischen Gründen nicht zu realisieren waren. »Nur durch die jetzt gewählte Konstruktion eines hängenden Dachs hält unsere Montagehalle den enormen Belastungen durch Wind und Wetter stand«, erklärt Airbus-Hallenchef Jan Greve. Das Gebäude kann ohne Probleme bis zu dreißig Zentimeter witterungsbedingte Bewegung aufnehmen. Von enormen Ausmaßen sind auch die Tore: Bei einer Höhe von 17 Metern und einer Breite von 92 Metern ermöglichen sie ein problemloses Ein- und Ausrangieren der Flugriesen.
Das einzige Gliederungsmerkmal der gläsernen Nordfassade sind die vier über das Dach hinausragenden Heckhutzen, unter denen passgenau jeweils während der Montage das Leitwerk eines A380 zu stehen kommt. Auf der Südseite der Halle – zum Betriebsgelände hin – schließt sich ein fünfgeschossiger Riegelbau an, in dem Lager, Technik und Büros untergebracht sind.
Nach den Worten von gmp-Projektleiter Kai Ritzke bietet die Nordfassade einen »Schaufenstercharakter«, der dem Passanten einen Einblick in die Produktion gewährt. Zumindest in der Nacht ist dies bedingt der Fall, dann, wenn die Innenbeleuchtung nach außen strahlt. Tagsüber ist es aber eher so, dass der Elbspaziergänger auf dem gegenüberliegenden Elbufer den an dieser Stelle stadtlandschaftlich dominierenden Bau mehr als »Wand«, denn als transparente Hülle wahrnimmt. Der Hamburger Filmemacher Hark Bohm, der sich als Elbanwohner in der Vergangenheit entschieden gegen den Ausbau des Industriestandortes Finkenwerder aussprach, empfindet das Gebäude sogar als störend, »weil es wenig architektonische Fantasie offenbart«, und sieht den Ort, wo er in seiner Jugend seltene Vögel beobachtete, als »verloren gegangen« an. Der 67-Jährige ist der Meinung, »dass dieser Verlust nicht durch ein ästhetisches Angebot wieder gutgemacht wurde.«
Diese Kritik wird in der Spitze der Stadtentwicklungsbehörde indessen nicht geteilt. Behördensprecher Volker Dumann konzentriert sich lieber auf die Funktionstüchtigkeit im Innern: »Der Bau entspricht hohen Anforderungen der Umweltverträglichkeit.« Er hebt insbesondere die effiziente Energienutzung der Räume hervor: unter anderem die Abwärmenutzung der Lüftungsanlagen durch Wärmetauscher, der Lichteinfall über die Verglasung sowie die Option, in Zukunft »Solarthermen und Photovoltaik« errichten zu können. Über die Ästhetik schweigt er sich aus.
Nicht so Jan Greve. »Die Halle ist ein Geschenk an Hamburg«, »das Erscheinungsbild ist dezent und zurückhaltend«, urteilt der 44-Jährige Gebäude-Manager mit echter Begeisterung. Dass der Bau von Weitem kleiner wirke als er tatsächlich ist, sei Absicht. Was für Kritiker Monotonie, ist für Greve Homogenität. Und das Wichtigste: Greve ist rundum zufrieden mit der Funktionstüchtigkeit der Hallenkonstruktion. »Es ist optimal, wir haben keine Verbesserungswünsche«, resümiert er nach dem ersten Betriebsjahr.
Es wird sich zeigen, ob dieser Typ Halle, wie er in Hamburg-Finkenwerder steht, sogar Maßstab und Vorbild für weitere Hallen überall in der Welt werden kann. Schließlich wird der Bedarf an dieser Art von Funktionsbauten auf jeden Fall steigen, da jede Fluggesellschaft, die einen A380 in ihre Flotte aufnimmt, diese Maschine warten und reparieren muss. Daher kann es durchaus sein, dass die Halle in Funktion und Form weltweit stilbildend wirkt. Oder, noch besser, einen architektonischen und städtebaulichen Ideenstreit über die Ästhetik solcher Riesenbauten hervorruft. »Finkenwerder worldwide?!« D. J.
Bauherr: Airbus Deutschland GmbH, Hamburg Architekten: von Gerkan, Marg + Partner, Hamburg Partner: Nikolaus Goetze Entwurf: Volkwin Marg mit Marc Ziemons; Projektleitung: Kai Ritzke Planung und Ausführung: Torsten Hinz, Sylke Hoffmann, Gabi Wysocki, Martin Marschner, Rüdiger Wobst, Christiane Fickers, Heiko Thiess, Marcus Tanzen, Peter Karn, Jochen Schwarz, Moritz Hoffmann-Becking, Holger Wermers Bauleitung: Henschker + Partner Planungsgesellschaft mbH, Hamburg Tragwerksplanung (Massivbau): Ingenieurbüro Dr. Binnewies, Hamburg Tragwerksplanung (Stahlbau): Schlaich, Bergermann + Partner, Stuttgart Technische Gebäudeausrüstung: Heinze Stockfisch Grabis + Partner, Hamburg Bodengutachter: Burmann, Mandel + Partner, Hamburg Infrastruktur: Sellhorn Ingenieurgesellschaft mbH, Hamburg Bauphysik: von Rekowski + Partner, Weinheim Lichtplanung: Peter Andres-Lichtplanung, Hamburg Nettogrundfläche 54280 m² Nutzfläche: 43570 m² Bruttorauminhalt: 711070 m³ Baukosten (Gesamt netto): etwa 50 Mio Euro Bauzeit: März 2003 bis Februar 2005