Ohne Titel

~Paula Holmila

Über Politik spricht man nicht
Liebe db,
im Mai war ich auf dem jährlichen Treffen des finnischen Architektenverbands SAFA in Kotka nahe der russischen Grenze. Dieses Jahr standen Diskussionen über Wohnungsbau auf dem Programm. Bei diesen Treffen geht es meist nicht um Politik – es wird sogar vermieden, über Politik zu sprechen –, obwohl die meisten Entscheidungen in der Architektur von Politikern getroffen werden. Dennoch gab es sehr gute Vorträge über die neuesten Trends in der Stadtplanung – etwa, den Veränderungen in ehemaligen Industriegebieten eine Form zu geben und diese durch Konzerte, Happenings etc. zu beleben –, einige Gemeinschaftsprojekte und experimentelle Projekte für die Vorstädte.
Während der Vorträge – von denen es in der Ankündigung hieß, sie würden auch auf die gegenwärtige Politik eingehen, was aber nur indirekt geschah – erinnerte ich mich an die Zusammenkünfte in den 80er Jahren. Das war eine Phase des Paradigmenwechsels durch den Einfluss der Postmoderne (Abb.: Geschosswohnungen in Pikku-Huopalahti, Helsinki, von Reijo Jallinoja, 1994), die es auch in Finnland gab. Der Widerstand gegen diesen Wandel war leidenschaftlich und die Konferenzen, zu denen etwa Charles Jencks und Michael Graves eingeladen waren, waren Schauplatz heftiger Kämpfe. Trotz der Widerstände halte ich den Einfluss der Postmoderne dennoch für gut und befreiend. Nun, da wieder ein Wandel ansteht, ist die Atmosphäre allerdings ganz anders: keine Widersprüche oder Diskussionen. Ich glaube, dass der Grund eine breite Übereinkunft dahingehend ist, dass künftige Planungen nachhaltig sein müssen.
Auf dem Gebiet des Wohnungsbaus ist in Finnland als Folge der Nachkriegspolitik ein seltsames Phänomen auszumachen: Die Menschen leben ziemlich dicht gedrängt, vor allem in den Städten. Laut Statistik gibt es nahezu eine Million Bürger (von insgesamt 5,3 Mio.), die in sehr kleinen Wohneinheiten leben. Die durchschnittliche Wohnfläche in Finnland beträgt lediglich 38,9 m² pro Kopf, in der südlichen Landeshälfte sind es sogar nur 36 m². Auch die Anzahl der Singles beläuft sich auf etwa eine Million.
Eine weitere finnische Besonderheit ist, dass Einfamilienhäuser nicht so verbreitet sind wie in den meisten europäischen Ländern, etwa im Rest Skandinaviens oder in den Niederlanden, obwohl wir statistisch am meisten Bodenfläche pro Kopf haben. Das liegt hauptsächlich daran, dass Wohnen in Finnland sehr teuer ist. Nahezu 70 % des Wohnbestands ist Eigentum und wird nicht vermietet. Diese Struktur entstand nach dem Krieg, in dem hunderttausende Karelier aus den jetzt russischen Gebieten nach Finnland geflohen waren. Mit günstigen Krediten konnten sie neue Häuser oder Wohnungen erwerben. Daraus entstand die jetzige Situation, in der Wohnungseigentümer deutlich in der Überzahl sind, in all ihrer fatalen Abhängigkeit von den unsteten Finanzmärkten. 1 m² Wohnfläche kostet in Helsinki zwischen 3 500 und 10 000 Euro, auf dem Land die Hälfte. Mieten sind höher als Kreditraten, doch junge Leute können sich beides nur schwer leisten, was ein großes soziales Problem darstellt. Wer nicht genügend Geld hat, zahlt für den Rest seines Lebens den Kredit für das Eigenheim zurück. Was sich ebenfalls auf die Preise auswirkt, ist die Konzentration nur weniger Bauunternehmen in der Branche.
Zwei interessante kollektive Bauprojekte in Helsinki wurden auf der Versammlung in Kotka vorgestellt. Eins davon ist ein kleiner Reihenhauskomplex am Park Violanpuisto, der von (noch) kinderlosen Paaren um die 30 gebaut wurde. Hier wurde erfolgreich versucht, die Baukosten durch Eigenleistung um 30 % zu reduzieren – obwohl diese Art des günstigen Bauens traditionell auch in Finnland existiert, sind die Vorschriften mittlerweile so kompliziert, dass die Ausführung in der Regel den Bauunternehmen überlassen wird. Auch die Architekten selbst, Marcus Ahlman und Viivi Snellman, wohnen hier mit ihren Familien. Der einzige kooperative Aspekt war hier allerdings das Bauen selbst, es gibt kein Gemeinschaftsleben trotz des gemeinsamen Grundstücks. Die Wohneinheiten erstrecken sich über drei Geschosse und die Bewohner konnten Materialien, Möbel und Farben selbst aussuchen, was in Finnland eher ungewöhnlich ist. Üblicherweise kauft man sein Haus komplett mit Küche und fertig eingerichtetem Bad.
In einem anderen Neubau war dagegen der Gemeinschaftsgedanke ein wesentlicher As-pekt. Er steht im revitalisierten Stadtteil Arabia (s. db 11/2007, S. 16) und bietet älteren Menschen zwischen 54 und 90 Jahren Wohnraum, die nicht alleine wohnen möchten, aber auch nicht betreut werden müssen. Die erfahrene und sehr bekannte Architektin Kirsti Sivén entwarf 58 Wohnungen zwischen 36 und 80 m² Größe nach verschiedenen Himmelsrichtungen und einen gemeinschaftlichen Bereich zum Kochen und Essen. Hier treffen sich die Bewohner täglich, um gemeinsam ihr Mittagessen zuzubereiten und zu verspeisen. Zu den weiteren für alle zugänglichen Räumen gehören zwei Saunen im obersten Geschoss, die Dachterrasse und die Waschküche. Ich gehe davon aus, dass diese Art gemeinschaftlichen Wohnens für Menschen nach dem Erwerbsleben in Zukunft sehr populär wird.
Ein wichtiger Einflussfaktor auf den Städtebau ist die zentrale Organisation der Supermärkte und des Einzelhandels. Die Standard-Supermärkte dominieren die Zentren der meisten Orte in Finnland, und die großen Einkaufszentren erzeugen problematische Verkehrsströme in den Vororten. Über zwei Jahre dauerte ein Prozess um die skandalösen finanziellen Verstrickungen von Politikern mit diesen Organisationen. Indirekt führte er sogar zum Rücktritt des Premierministers Matti Vanhanen Mitte Juni, doch leider existiert dieses Phänomen auch jetzt noch. In den 30er Jahren beauftragten die Zentralorganisationen die besten funktionalistischen Architekten für ihre Märkte (Abb.: Ladenzentrum Kulosaari, Helsinki, von Erkki Karvinen, 1960), doch heute sind sie nichts weiter als Kisten, billiger Standard mit verheerendem Einfluss auf die gebaute Umwelt.
Aus diesem Grund kann man auf Ausstellungen für beispielhafte finnische Architektur auch keine kommerziellen Märkte entdecken. Große, namhafte Firmen wie Nokia, Banken oder Telekommunikationsunternehmen beauftragen in der Regel gute Architekten; Städte, Firmen und vor allem Kirchen schreiben für ihre Planungen traditionell Wettbewerbe aus. Hierbei stellt der SAFA die Richtlinien und entsendet Juroren. Gemeinsam mit der Alvar Aalto Academy und dem Museum für finnische Architektur präsentiert der Verband in der Wanderausstellung Finnish Architecture 0809 beispielhafte Architektur. Diese Auswahl wird nächstes Jahr auch in Deutschland gezeigt. Unter den 25 Projekten ist viel Wohnarchitektur zu sehen, aber auch öffentliche Gebäude wie das Zentrum für Seeleute in Vuosaari (s. db 6/2010, S. 56) und der neue Sauna-Prototyp Kyly (s. db 7/2010, S. 12). Somit lässt sich sagen: Finnische Architekten sprechen zwar nicht über Politik, doch versuchen sie, durch ihr Fachwissen jede politische Entscheidung angemessen umzusetzen.
Schöne Grüße,
Paula Holmila ist Journalistin mit Schwerpunkt Architektur und Kultur. Sie verfasst seit 1985 Beiträge für Printmedien, Radio und Fernsehen sowie für das Internet. Sie studierte an der Helsinki School of Economics und an der University of Perugia. 2010 gewährte ihr der finnische Staat ein dreijähriges Forschungsstipendium.