Ohne Titel

~Tomas Klassnik

Der Bürgermeister von London
Liebe db,
vor gerade mal einem Jahr, am 1. Mai 2008, wählte London seinen zweiten Bürgermeister seit der Wiedereinführung des Amtes, das 1986 von Margaret Thatcher abgeschafft worden war. Alexander »Boris« de Pfeffel Johnson, geboren 1964, konservativer Politiker und Journalist, ausgebildet in Eton und Oxford, verkörpert eine nostalgische Vision der englischen Upperclass: exzentrisch, belesen und manchmal richtig hirnverbrannt. Sein Hang zu spontanen lachhaften Ausbrüchen ist ein ungewöhnlicher Zug für jemanden mit so viel Verantwortung, nicht nur für die Zukunft der Architektur in der Hauptstadt.
Nach der Wiedereinführung des Bürgermeisteramts im Jahr 2000 bekam London ein neues Rathaus: City Hall, eine asymmetrische Glaskuppel von Norman Foster. Im Innern soll eine ansteigende öffentliche Rampe Transparenz und demokratische Haltung vermitteln, aber sie symbolisiert wohl eher einen politischen Wirbelsturm, der sich aus dem außerordentlichen Einfluss des Bürgermeisters speist.
Ken Livingstone, der erste Bürgermeister in City Hall, etablierte diese Art Einfluss mit aufsehenerregenden Aktionen. Er führte die Citymaut ein, um den Verkehr in der Innenstadt einzudämmen, holte die Olympischen Spiele 2012 nach London und unterstützte Hochhäuser wie die sogenannte Glasscherbe von Renzo Piano (Bild), um London als Global Player zu positionieren. Nun hat Boris – zwar mit entgegengesetzter politischer Überzeugung, aber genauso schillernder Persönlichkeit – die Kontrolle übernommen und lenkt den Fokus weg von der Verwandlung Londons in eine internationale Marke und mehr in Richtung dessen, was der Stadt selbst guttut.
Den Wahlkampf prägten Bekenntnisse zu einer nostalgischen Wiederbelebung der berühmten roten Londoner Busse zum Auf- und Abspringen oder auch populistische Versprechen einer verbesserten Polizeipräsenz, und wenige Wähler bedachten die architektonischen Konsequenzen ihres Kreuzes auf dem Stimmzettel. Auch der Kandidat wurde sich der Ausmaße seiner Planungsmacht erst bewusst, als er sein Amt antrat. Dazu gehört die Befugnis, ein Veto bei großen Bauvorhaben einzulegen: das sind 150 Wohn- oder Büroeinheiten oder Gebäude über dreißig Meter. Seit 1. April 2008 kann er Anträge zu Fall bringen – oder umgekehrt Genehmigungen erteilen, selbst wenn der Bezirksrat sie verweigert. Alles für das Wohl Londons als Ganzes. Manchen Bürgern bereitet diese Machtfülle angesichts der Unberechenbarkeit des Bürgermeisters Sorgen. Bislang allerdings war seine Politik unerwartet pragmatisch. Er positionierte sich als Gegner der einförmigen und langweiligen Glastürme, die sich in London ausbreiten, mit der Aussage: »Das Bedürfnis nach Unterscheidung ist tief in der menschlichen Seele verwurzelt. Deswegen legen so viele Bewohner von Sozialsiedlungen ihr Geld in Gartenzwergen an.«
Obwohl es bislang bei der mündlich geäußerten Gegnerschaft zu Hochhäusern blieb, genügt mittlerweile die bloße Erwähnung bürgermeisterlicher Missbilligung, dass Entwürfe abgeändert werden, bevor Boris die Pläne auch nur gesehen hat (s. auch db 4/2009, S. 9). Trotz aller rhetorischen Opposition unterstützt er jedoch mehrere neue Hochhausprojekte für die Hauptstadt, darunter den »Penny Whistle«-Turm in Fosters und HKRs Entwurf für »Arcadia« in Ealing, das zugegebenermaßen von vierzig auf 24 Stockwerke heruntergeschraubt wurde.
Boris beendete das »100 Public Spaces«-Programm seines Amtsvorgängers und lenkte Investitionen aus der Innenstadt in die Vorstädte, nicht zufällig dieselben Bezirke, die ihn gewählt haben. Im Juli 2008 zerpflückte er 18 Mio. Pfund schwere Vorschläge für die Umwandlung des Parliament Square vor Big Ben in einen Fußgängerbereich. Gleichzeitig floss Geld in die Wiederbelebung bestehender Parks an den Rändern von London. Im November berief er die Outer London Commission, die die Entwicklung des Speckgürtels um die Hauptstadt im Detail begutachten soll. »Dörfliche Häuser, Bungalows und viktorianische Reihenhäuser« seien die bevorzugten Wohnformen der Bürger, sagt Boris, und nicht die dichten Stadttürme, die sein Vorgänger so unterstützte. Die Gartenzwerge wehren sich.
Die Macht des Bürgermeisters offenbart, wie illusorisch ein unparteiisches und objektives Planungssystem ist. Eine Baugenehmigung zu bekommen, gleicht in Großbritannien dem Weg durch kafkaeske Labyrinthe aus Vorgaben, anachronistischen Abläufen und Regeln, die den Eindruck erwecken sollen, die Gewährung oder Ablehnung einer Genehmigung erfolge logisch. Die Wahrheit ist jedoch, dass hinter der Maske bürokratischer Rationalität Menschen stecken. Ob man seinen Hausanbau genehmigt bekommt, kann davon abhängen, welche Erfahrungen der zuständige Sachbearbeiter während seines letzten Toskana-Urlaubs gemacht hat. Der Vorrang der persönlichen Meinung wird fragwürdiger, je weiter oben in der Hierarchie der Urteilende sich befindet und je weniger qualifiziert er ist. Wir sollten uns über die persönliche Macht des Bürgermeisters, ohne fachliche Qualifikation Bauten zu erlauben oder zu verbieten, nicht wundern, ist sie doch letzlich das Eingeständnis der Irrationalität auf allen Ebenen unserer Verwaltung.
Es mag Angst einflößen, dass unsere Entscheidungsträger keine größere Intelligenz besitzen als wir, aber wir vertrauen darauf, dass zufällig ausgewählte Mitbürger bei Gericht über Schuld oder Unschuld entscheiden – warum also nicht über die Charakteristika unserer Architektur? Mancher Architekt könnte beim Gedanken verzweifeln, dass trotz all seiner Qualifikationen, Preise und intelligenten Theorien in Wahrheit die persönlichen Vorlieben eines Politikers schwerer wiegen – und sogar interessanter sein können!
London hat noch einen längeren Weg vor sich, bevor es imagebildende Coups wie die mancher ausländischer Bürgermeister vorweisen kann. In Moskau hat Bürgermeister Juri Luschkow ein paar wagemutige Statements bürgerlichen Stolzes in Auftrag gegeben, darunter der historisierende Wiederaufbau der Erlöser-Kathedrale und eine monumentale Statue Peters des Großen von Surab Zereteli. Das ästhetische Empfinden eines mächtigen Laien sorgt hier für die Entstehung eines Ortes mit deutlich wahrnehmbarem (wenn auch leicht schrillem) Charakter. Könnte Boris dasselbe für London erreichen? Zu einigen seiner seltsameren Ideen gehören die Vorschläge, die 24 Mio. Kubikmeter Aushub der neuen Londoner Express-U-Bahn Cross Rail in städtische Hügel zu verwandeln oder die vielen schmiedeeisernen Geländer vor Häusern und in Parks einzuschmelzen und daraus Fahrräder zu fabrizieren.
Wie bei Denkmälern, die sich Monarchen und Diktatoren setzen, können Bürgermeister – frei von praktischen Erwägungen, kritischen Debatten und architekturhistorischen Bedenken – mit einer Kühnheit Entwicklungen anstoßen, von der Architekten nur träumen dürfen. Vielleicht sollten wir diese Freiheit feiern. Während der Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren setzte der New Yorker Bürgermeister Fiorello La Guardia einen neuen kommerziellen Flughafen durch, weil es ihn frustrierte, in einem benachbarten Bundesstaat landen zu müssen. Auch Boris denkt über den Bau eines neuen Flughafens nach: auf einer künstlichen Insel in der Themsemündung. Ob wohl bald Maschinen in Bo-Jo International landen werden? Architektur entwickelt sich zu langsam, um in der vierjährigen Amtszeit eines Politikers umgesetzt zu werden, und trotz aller persönlichen Macht hat Boris nicht das letzte Wort. So äußerte die Abgeordnete Hazel Blears nach der Billigung der 500 Mio. Pfund teuren Entwicklung von Arcadia Bedenken und beantragte eine öffentliche Anhörung. Damit beginnt das Spiel unter unwägbaren politischen Bedingungen und Persönlichkeiten von Neuem.
Grüße aus London
Tomas Klassnik ist Geschäftsführer der interdisziplinären Designfirma The Klassnik Corporation in London, die sich mit architektonischer Spekulation befasst. Gegenwärtig lehrt er am Chelsea College of Art, er ist ehemaliger Herausgeber des London Architecture Diary und Referent an internationalen Institutionen.