Ohne Titel

~Ulf Meyer

Schönes neues Helsinki
Liebe db,
kann es sein, dass sich ausgerechnet Helsinki zu Europas modernster Stadt entwickelt? Ich komme zu dieser Frage, weil die finnische Kapitale derzeit städtebaulich scheinbar alles richtig macht und im Stillen zu einer der Hauptstädte Europas mit der höchsten Lebensqualität heranwächst. In den 90er Jahren war Finnland Nokialand und Helsinki seine schrullige, hippe Kapitale. Auch wenn es um den Handykonzern in den letzten Jahren etwas stiller geworden ist, ist Helsinki weiterhin eine schnell wachsende Stadt. Das allein ist vielleicht noch keine gute Nachricht, aber dass die Stadt es versteht, nach innen zu wachsen, mit attraktiven, gemischt genutzten, dichten städtischen Vierteln, ist eine!
Die Region Helsinki wird ihre Einwohnerzahl von heute 1,3 Mio. bis zum Jahr 2050 auf 2 Mio. steigern. Ein Fünftel der finnischen Bevölkerung lebt heute schon hier. Jährlich wächst die Region um rund 10 000 Einwohner – und alle wollen am Wasser wohnen! Die meisten Neu-Helsinkier ziehen aus dem finnischen Hinterland zu, aber auch aus der ehemaligen Sowjetunion. In der Hauptstadt wurde zuletzt in den 60er Jahren so viel gebaut wie heute. Möglich wird das Wachstum nach innen durch eine einzige Maßnahme: die Verlegung des Frachthafens 2008 nach Osten aus der Innenstadt in den Neubauhafen in Vuosaari – nur Passagierschiffe wie die riesigen Fähren nach Schweden werden weiterhin im Zentrum anlegen. So wurden Gebiete für städtebauliche Umgestaltungen der größeren Art frei. Gleich drei neue Stadtteile sind auf den ehemaligen Hafengebieten im Bau: Länsisatama, Kalasatama und Kruunuvuorenranta (Abb.). Das gleicht einem Befreiungsschlag, denn Helsinki war bedingt durch Topografie und die Lage auf einer Landzunge bisher in seiner Entwicklung auf den Norden, in Richtung Hinterland beschränkt – und damit weg von der attraktiven Küste der Ostsee.
Fast alle Stadtplaner träumen heute davon, (wieder) eine kompakte Stadt mit kurzen Wegen und hoher Dichte zu erreichen – und kaum jemals gelingt das recht angesichts der Zentrifugalkräfte des Autoverkehrs und des Immobilienmarktes. Helsinki hingegen züchtet sich drei innenstadtnahe Wohn- und Arbeitsquartiere gleichzeitig: Bauten mit insgesamt mehr als 5 km² Geschossfläche sind geplant. Die derzeitige 50 : 50-Balance zwischen Eigentums- und Mietwohnungen will Helsinki auch hier beibehalten. Es entsteht also nicht nur eine Mischung in der Nutzung, sondern auch in der sozialen Struktur. Alle Neubauten müssen für Finnland einmalig strengen Energiestandards genügen. Der staatliche Innovationsfonds SITRA fördert »Low2No«-Energiegebäude – mit wenig bis null CO2-Emissionen – in den neuen Vorzeige-Stadtteilen. Nachhaltig sind die ambitionierten Pläne aber nicht nur angesichts der Nutzung der bestehenden städtischen Verkehrs- und Versorgungs-Infrastruktur, sondern auch, weil die neuen Bezirke an das öffentliche Nahverkehrsnetz angeschlossen werden. Die bestehende Metrolinie wird nach Westen erweitert und auch diverse Straßenbahnstrecken sollen in die neuen Viertel verlängert werden.
Zwar haben auch andere Städte in den letzten Jahren ihre Häfen verlagert und die Flächen revitalisiert, in Helsinki jedoch bietet sich die Jahrhundertchance, nicht weniger als 20 km Uferlinie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Stadt damit erstmals vollständig zum Meer hin zu öffnen: eine Aufgabe für eine ganze Generation.
Auf der freiwerdenden Fläche des ehemaligen Frachthafens in Länsisatama an der Südspitze Helsinkis werden überwiegend siebengeschossige Wohn-, Büro- und Geschäftsbauten »mit maritimem Flair« errichtet. Jeder Wohnhof umschließt eine öffentliche Grünfläche und der rund 1 km lange Park »Hyväntoivonpuisto« (»Park des guten Willens«) verläuft quer durch den Bezirk bis zu einem Badestrand an der Spitze der Insel. Ausgewählte Industriebauten bleiben erhalten, unter anderem die Magazingebäude von Lars Sonck aus den 30er Jahren. Ein altes, »Bunker« genanntes Lagerhaus wird zum Sportzentrum und Jugendkulturhaus mit Bibliothek umgebaut. Im Rahmen des »Low2No«-Wettbewerbs haben sich Sauerbruch Hutton aus Berlin durchgesetzt. Der Block soll mit einer Mischung aus passiven und aktiven energetischen Strategien zeigen, wie die CO2-neutrale Zukunft in Architektur und Städtebau aussehen kann. Er soll schon im Herbst begonnen werden und 2012 fertiggestellt sein. Bis allerdings ganz Neu-Länsisatama fertig ist, werden wohl weitere zehn Jahre vergehen.
Auf der anderen Seite der Innenstadt, im Osten, liegt der Stadtteil Kalasatama, der an drei Seiten ans Meer grenzt. Hier werden das ehemalige Hafengebiet Sörnäinen und das Kraftwerk auf der Insel Hanasaari zu neuen Wohn-, Handels- und Gewerbegebieten umgebaut. Zentrales städtebauliches Motiv sind hier fünf riesige und recht eigenwillige, sattelförmige Terrassenhäuser, von deren Aussichtsterrassen im 18. Geschoss die Bewohner in Zukunft weite Blicke über den Finnischen Meerbusen genießen können. An die ungewöhnliche Großform werden sich die Helsinkier erst gewöhnen müssen. Zentrum des Neubaubezirks ist ein U-Bahnhof, eingefasst von zwei 16-geschossigen Wohntürmen. Ein zentraler Park soll hier einmal als langer, schmaler Streifen bis zum ehemaligen Hafen reichen und die 5 km lange Küstenlinie den Bezirk mit einer Promenade zum attraktiven Ausflugsgebiet machen.
Auch wenn das heute schon umfangreiche ÖPNV-Netz in Helsinki sukzessive weiter ausgebaut wird, mögen die Stadtplaner auf den privaten Autoverkehr nicht verzichten, weil »jeder Finne ein Sommerhaus hat, das man mit Bahn und Bus nicht erreichen kann«, wie Tuomas Rajajärvi, der Leiter des Stadtplanungsamts erklärt. Mit den Neubauvierteln von Arabianranta (s. db 11/2007, S. 16) und Ruoholahti, in denen erstmals gezielt Flächen zum Wohnen und Arbeiten kombiniert wurden, hat er anscheinend eine Formel für die Erweiterung der Hauptstadt gefunden, die wirtschaftlich und architektonisch funktioniert. Auch bei der Energieversorgung der neuen Stadtteile verfährt seine Behörde pragmatisch: Neben der Förderung regenerativer Energien erlebt derzeit in Finnland auch die Kernkraft eine Renaissance. Widerstand regt sich dagegen so wenig wie gegen die massive Ausweitung der Innenstadt – das bedeutet aber nicht, dass jedes Projekt genau wie geplant auch umgesetzt wird. Auch in Helsinki wird das Geld knapper und man muss neue Modelle zur Finanzierung von Bauvorhaben, etwa mit Hilfe von Investoren, entwickeln.
Durch die Verlegung des Hafens ging auch der Frachtzugverkehr in der Innenstadt stark zurück. Auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände Pasila stehen deshalb nun 18 ha freie Fläche zur Verfügung. Nur 3 km nördlich der Innenstadt gelegen, soll der neue Stadtteil Zentral-Pasila die Verbindung zwischen Ost- und West-Pasila über die lange und breite trennende Bahntrasse hinweg herstellen. Der Bezirk soll zum zweiten Zentrum der Hauptstadt werden. Heute wohnen in Pasila 8 600 Menschen, dominiert wird das Gebiet aber von Büros mit mehr als 25 000 Arbeitsplätzen. Die Vision von der Erweiterung des engen Stadtkerns nach Pasila ist nicht neu. Sie wurde schon 1918 von Eliel Saarinen vorgeschlagen und in den 70ern von Alvar Aalto wieder aufgegriffen. Cino Zucchi Architetti aus Mailand haben für Pasila einen Entwurf mit zehn skulpturalen kombinierten Wohn- und Bürotürmen vorgestellt: Mit bis zu 40 Etagen sollen sie in Zukunft die sonst recht flache Skyline dominieren. Bis zum Jahr 2040 erwartet der oberste Stadtplaner in Pasila Büros mit einer Geschossfläche von rund 1 Mio. m² und Wohnungen mit mehr als 450 000 m². Die Zahl der Einwohner und Beschäftigten soll sich verdoppeln. Pasila ist ein »transit-oriented development« in Reinkultur: Vom Bahnhof, mit täglich 100 000 Passagieren der zweitgrößte Umsteigebahnhof des Landes, wird schon bald eine neue Expressbahn zum Flughafen gebaut.
Allen Neubauvierteln von Helsinki ist gemeinsam, dass sie auf Dichte, Energieeffizienz, Nutzungsmischung, Denkmalpflege und schienengebundenen Nahverkehr setzen. Löblich ist auch, dass für alle Stufen offene Wettbewerbe ausgelobt werden. Die Chancen stehen gut, dass sie Helsinki einen gehörigen Zuwachs an urbanem Leben verschaffen und dabei helfen, die Lage der finnischen Hauptstadt, die sich seit dem Ende des Kalten Krieges dramatisch verändert hat, zum Vorteil zu nutzen: Vom extremen Außenposten des Westens mausert sie sich zum Teil eines modernen Städtedreiecks Stockholm-Helsinki-Tallinn. In die estnische Hauptstadt kann man schon heute per Schnellfähre und sogar Hubschrauber pendeln. Auch St. Petersburg rückt näher heran, wenn die Bahnfahrt nach dem Streckenausbau bald nur noch drei Stunden dauern wird.
Schöne Grüße,
Ulf Meyer studierte Architektur in Berlin und Chicago. Er ist an der University of Nebraska in Lincoln (USA) Professor für Nachhaltigen Städtebau und Architektur und beschäftigt sich seit Langem mit der Architektur in Finnland.