[1] Zum Aufkleben oder Anhängen? Baustoffetiketten (hier rein fiktiv) könnten auf wichtige ökologische Kennwerte und auf das ausführliche EPD verweisen
EPDs – Umweltdeklarationen für Bauprodukte

Ökologisch transparent

Schon heute ist abzusehen, dass entsprechend dem Trend zu nachhaltigem Bauen auch die Zahl von Umweltproduktdeklarationen weiter zunehmen wird. Diese umfassen u. a. eine ausführliche Darstellung der Zusammensetzung eines Produkts, dessen Lebenszyklus und eine Ökobilanzierung. Einige Hersteller haben bereits viel Zeit und Arbeit investiert, um interessierten Architekten, Gebäudezertifizierern und Bauherren alle ökologisch relevanten Informationen ihrer Bauprodukte zur Verfügung zu stellen – eine Transparenz, die letztlich auch den Unternehmen selbst zugute kommt.

Text: Anna Braune, Johannes Kreißig

Wer umweltfreundlich und nachhaltig baut, greift seit Jahrzehnten auf Know-how zurück, das die deutsche Bauindustrie entwickelt und bereitstellt. Denn in kaum einem anderen Land findet sich eine solch große Vielfalt umweltfreundlicher Bauprodukte und intelligenter, ressourcenschonender Lösungen. Als Produkthersteller nachhaltiges Planen und Bauen zu unterstützen, bedeutet in erster Linie, Verantwortung zu beweisen und Transparenz zu zeigen. Das hierfür adäquate Instrument ist eine Umweltdeklaration (Environmental Product Declaration, EPD) von Produkten. Diese liefert dem Planer die Informationen, die für ökologisch motivierte Entscheidungen benötigt werden und bei der Nachhaltigkeitszertifizierung von Gebäuden relevant sind. In einer EPD werden Bauprodukte nicht bewertet, sie ist ein Kommunikationsinstrument, das relevante Umweltinformationen produktbezogen, formalisiert und verifiziert zur Verfügung stellt.
Eine EPD umfasst in der Regel zwischen 8 und 20 Seiten und enthält zwei Kernbereiche: die Beschreibung des Lebenszyklus und die Ergebnisse der Ökobilanz. Erstere enthält alle relevanten Informationen, die während der Produk- tion, von der Rohstoffentnahme bis zur Herstellung und der Nutzung bis hin zum Recycling und der späteren Entsorgung wichtig sind:
  • die genaue Produktzusammensetzung und Aussagen zu Herkunft und Verfügbarkeit der eingesetzten Vorprodukte
  • technische Eigenschaften des Produkts wie Dichte, Brandklassen, Wärmeleitfähigkeit
  • Aspekte des Umwelt- und Gesundheitsschutzes bei der Herstellung, der Installation, der Nutzung und des Lebensendes
  • Angaben zu Transporten (Entfernungen und Transportmodi), Abfällen und Wertstoffen
  • sowie Ergebnisse von produktrelevanten Messungen wie Formaldehydemissionen, Auslaugverhalten (bei Metallen im Außenbereich von Bedeutung) oder Radioaktivität (betrifft z. B. Steinwolle-Produkte).
Der zweite Teil, die Ökobilanz, stellt die Ergebnisse einer ökologischen Lebenszyklusanalyse in Form ausgewählter Umweltindikatoren zur Verfügung. Etwa von der im Produkt enthaltenen erneuerbaren und nicht-erneuerbaren Primärenergie (in MJ) über den Carbon-Footprint (Treibhauspotenzial als kg CO2-Äqv.) bis hin zu Indikatoren, die den Ozonschichtabbau (Ozonabbaupotenzial ODP als kg R11-Äqv.), den Sommersmog (Sommersmogpotenzial POCP in kg C2H4-Äqv.), das Waldsterben und die Überdüngung von Böden und Gewässern (Versauerungs- und Eutrophierungspotenzial) quantitativ als Potenziale abbilden. Diese möglichen Umwelteinwirkungen werden pro deklarierte Einheit quantifiziert, z. B. bei einem Baustoff pro m3 Beton, bei einem Produkt etwa pro m2 Laminatfußboden, bei einem System z. B. pro Stück Fenster der Größe x m2 oder bei einem Gebäude pro m2 und Jahr.
Die Durchführung einer Ökobilanz-Studie ist in der Normenreihe ISO 14 040 und ISO 14 044 geregelt. Diese Normenreihe gilt produktunabhängig für sämtliche Studien. Für Umweltdeklarationen (EPD) von Bauprodukten wird im Laufe des Jahres 2011 die EN 15 804 in Kraft treten, welche die Berechnungsmethodik, die Szenarienbildung für Bauprozess-, Nutzungs-, Entsorgungs- und Recyclingprozesse sowie die auszuwertenden Indikatoren genau vorgibt, so dass in Zukunft Ökobilanzergebnisse von Bauprodukten europaweit einheitlich veröffentlicht werden können. Ohnehin haben die Berechnungsmethoden und Datenbanken in den letzten Jahren starken Rückhalt und Konsens in Expertenkreisen erfahren, so dass internationale Normungsaktivitäten das Konzept der EPDs in aktuelle Entwicklungen aufnehmen.
Ablauf
In Deutschland organisiert seit Jahren das Institut Bauen und Umwelt e. V. (IBU) als privater Zusammenschluss von Bauprodukte-Herstellern den EPD-Erstellungsprozess. Das IBU kümmert sich in drei Schritten um die normgerechte Durchführung:
  • In einem Produktgruppenforum, das aus Ökobilanz-Experten und Herstellern besteht, werden die Rahmenbedingungen für das Erstellen von EPDs für eine ganze Produktgruppe in Form eines »Product Category Rules«-Dokuments (PCR) formuliert. Darin werden das Verfahren zur Quantifizierung der Umweltwirkungen und die zu erbringenden Nachweise den zukünftigen Antragstellern vorgegeben. Dieses PCR-Dokument wird anschließend von einem Gremium unabhängiger Dritter, dem Sachverständigenausschuss, geprüft.
  • Im zweiten Schritt wird die EPD erstellt. Vom Hersteller werden alle im PCR-Dokument geforderten Informationen zur Verfügung gestellt, Nachweise über erfolgte Prüfungen erbracht und die Ökobilanz berechnet.
  • Der dritte Schritt ist die Prüfung der einzelnen EPDs. Der Sachverständigenausschuss organisiert diese Prüfung durch unabhängige Verifizierer. Durch diesen Schritt wird sichergestellt, dass die Objektivität des Gesamtverfahrens gewährleistet ist. Besteht eine EPD diese Prüfung, kann es veröffentlicht werden.
Das IBU hat bislang für 32 Produktgruppen Regelwerke entwickelt und mehr als 130 EPDs veröffentlicht. In diesen sind Angaben für ca. 2 000 Produkte enthalten, da ein EPD auch stellvertretend für mehrere Produkte bzw. Produktvarianten erstellt werden kann (Beispiel: verschie- dene verzinnte oder blanke Kupferrohre in einer EPD). Neben den firmenspezifischen EPDs haben auch einige Verbände EPDs als Muster für ihre Mitglieder erstellt.
Nutzen
Internationale Entwicklungen im Bereich der Nachhaltigkeitszertifizierung zeigen alle in die gleiche Richtung: EPDs sind in Zukunft bedeutsame Informationsträger für die ökologische Bewertung von Gebäuden. Diese Entwicklung basiert zum einen auf der verbesserten Verfügbarkeit von Ökobilanzdaten (EPDs und Ökobilanz-Datenbanken), zum anderen auch an der fortschreitenden Normierung (ISO und CEN) zu Gebäude-Bewertungssystemen. Das DGNB-Zertifikat ist bereits heute weitgehend mit diesen kommenden Standards konform. Die Ökobilanzergebnisse aus EPDs sind schon in vielen Softwareprogrammen zur Gebäude-Ökobilanzierung zu finden, so dass Architekten mit den entsprechenden Herstellerinformationen Gebäude vollständig berechnen können. Liegen für eine Gebäudezertifizierung jedoch keine EPDs vor, lässt sich allenfalls schätzen – und das in der Regel eher zu Ungunsten: So sind in der Ökobaudatenbank für (ungeprüfte) Produkte zwar Standardwerte hinterlegt, aber automatisch mit einem Malus von 10 % versehen. Die spezifischen Daten sind also immer die besseren. Neben der Deklaration selbst erlangt ein Unternehmen, das ein EPD erstellt, auch einen großen Wissensgewinn. Woher die Emissionen kommen und welche Relevanz beispielsweise die Lieferanten oder der Transport im Umweltprofil des Produkts besitzen, wird in den üblicherweise sehr ausführlichen Analysen ermittelt und dargestellt. Umweltfreundliche Produktgestaltung, also Eco-Design, kann durch eine solche »Bestandsaufnahme« gefördert werden. Noch bessere Unterstützung bietet die Nutzung vorkonfigurierter produkt- und herstellerspezifischer Tools, die auf dem entsprechenden EPD-Ökobilanz-Modell basieren. Derartige firmen- und produktspezifische Simulationsprogramme erfordern keine Kenntnisse aus Ökobilanzmethoden, verdeutlichen aber, an welchen Stellschrauben Hersteller und Entwickler drehen können, um ihre Produkte ökologischer zu machen. •
Unter www.bau-umwelt.de finden sich sämtliche bereits verfügbaren EPDs, darunter auch die zur hier abgebildeten Produktauswahl von EGGER, Wieland-Werke, Ziegel-Kontor Ulm, Kaldewei und Eternit.

Energie (S. 62)
Anna Braune 1974 geboren. 1997-2003 Studium Technischer Umweltschutz an der TU Berlin; Diplom an der EPF Lausanne; Mitarbeit in Beratungsunternehmen für Nachhaltigkeit und Ingenieurbüros für Gebäudetechnik. 2004-07 Wiss. Mitarbeit an der Universität Stuttgart, Lehrstuhl für Bauphysik, Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung. 2007/08 Gründungsgeschäftsführerin der DGNB. Seit 2008 Senior Consultant bei PE INTERNATIONAL. Ausgebildete DGNB-Auditorin und -Prüferin.
Johannes Kreißig 1967 geboren. Maschinenbaustudium an der Universität Stuttgart und der University of Arizona in Tucson (USA). 1994-2000 Wiss. Mitarbeit an der Universität Stuttgart, Institut für Kunststoffprüfung und Kunststoffkunde (IKP), ab 1998 Leiter der Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung. Seit 2001 Partnerschaft bei PE INTERNATIONAL, Leinfelden-Echterdingen; Leitung des Bereichs Nachhaltigkeitsberatung im Bauwesen. Stellvertretender Geschäftsführer der DGNB.