»Schreibhaus« am Steinhuder Meer bei Hannover

Dynamischer Raumkörper

Hinter der geschwungenen, holzverkleideten Fassade des kleinen »Schreibhauses« am Steinhuder Meer vermutet man nicht unbedingt auch ein Holztragwerk. Tatsächlich wurde das Gebäude in Holz-Lehmbauweise errichtet. So nahe liegend die Verbindung dieser beiden Baustoffe auch scheinen mag, es handelt sich um eine bislang eher selten gewählte Materialkombination. Behind the curved wood-clad façade of the small “study-house” at lake Steinhuder Meer one does not necessarily suspect a timber framework; in fact the building has a wood and clay construction. Obvious though the combination of these two materials may seem, it is nonetheless rather seldom used.

Text: Claus Käpplinger

Fotos: Werner Huthmacher
Einer Familie ein Haus zu bauen ist eine sehr private und oft auf recht konventionelle Weise gelöste Bauaufgabe. Küche, Wohn- zimmer, Kinder- und Schlafzimmer, vielleicht noch Keller und Garage; rasch ist das Bauprogramm erfüllt, für das sich viele Familien einen kompakten Hauskörper – meist mit Satteldach – wünschen. Ein kleines Wohnhaus in Steinhude bei Hannover will so gar nicht in dieses Bild passen.
Betont kurvenreich ist seine hölzerne Gestalt, die mehrfach weit rauskragt und vieldeutig und verrätselt erscheint. Weder zur Straße, noch – wie alle seine Nachbarn – zum nahe gelegenen See ausgerichtet, liegt der überraschende Hauskörper quasi im Niemandsland der ortsüblichen Bebauung, in ständiger morphologischer Verwandlung begriffen. Leicht über den Boden erhoben, erscheint er mit seinem schmalen, zurückgesetzten Sockel, der das Haus völlig von dem unaufgeregten niedersächsisch-flachen Terrain löst, von jeder Bindung befreit, eine ganz eigene Topografie auszubilden.
Die ungewöhnlichen Vorstellungen der Bauherrenfamilie führten zu diesem ebenso ungewöhnlichen Haus. Die Familie, eine französische Schriftstellerin, ein deutscher Philosoph und zwei Kinder, wünschte sich für ihren geerbten »Sommersitz« eine Erweiterung. Recht unterschiedliche Bedürfnisse mussten befriedigt werden: Einen Raum für zurückgezogenes Schreiben sollte es ebenso geben wie Räumlichkeiten für Gäste, Feste und Seminare. Bislang musste alles in dem kleinen Bootshaus am Seeufer Platz finden, das die Familie allein, ohne die frühere Villa, geerbt hatte.
Mit ihrem Ansinnen wandte sie sich an den jungen Berliner Architekten Holger Kleine, der ihnen bereits für ihre Pariser Wohnung eine unkonventionelle Lösung geschaffen hatte. Da die niedersächsische Bauordnung eine Umnutzung des Erdgeschosses des Bootshauses zu Wohnzwecken aufgrund der niedrigen Deckenhöhe von 2,10 Metern nicht zuließ, wurde durch Zukauf eines Nachbargrundstücks der Platz für einen kleinen Neubau geschaffen. Ausdrücklicher Wunsch der Bauherrin war »ein biologisch optimales Haus«, das möglichst aus Holz errichtet werden sollte.
Mit einem Holzlehmbau fand Holger Kleine eine adäquate Lösung für alle Vorstellungen. Doch wurde es, wie sonst oft im Holzbau, kein rechtwinkliges Gebäude, sondern ein geschwungener Bau, der eine große skulpturale Kraft entfaltet. Aus sich überschneidenden Kreissegmenten und trichterförmigen Erweiterungen entwickelt sich der Grundriss, der jeden Raum unverwechselbar mit dem Außenraum verknüpft.
Für die Außenwände konzipierte der Architekt ein kurvenreiches Holzständerwerk, das mit Hanfwolle verfüllt und mit DWD- (Dünnwandplatten) und OSB-Platten (Oriented Strand Board) beplankt wurde. Verkleidet wurden diese außen mit einer vertikalen Lattung aus schmalen, 27 x 8 Millimeter breiten Thermoholzleisten aus Kiefer, die in unterschiedlichen Längen sowohl der ansteigenden Hausform als auch den unterschiedlichen Radien bruchlos folgen können. Bei dem seit kurzem auf dem Markt unter dem Begriff »Thermoholz« verbreiteten Holz handelt es sich um handelsübliche Hölzer, die unter extrem heißen, trockenen Bedingungen gelagert werden, was ihre Dauerhaftigkeit erhöht und eine dunklere Färbung zur Folge hat. Dadurch kann auch Kiefer im Außenbereich als preisgünstigere Variante zum sonst üblichen Lärchenholz Anwendung finden. Astreicher als Lärchenholz lässt es die Fassade mit seinen Unregelmäßigkeiten wesentlich lebhafter erscheinen.
Die Innenseite hingegen verkleidete der Architekt mit Lehmbauplatten, die aus gestampftem, mit Jute bespanntem Lehm bestehen und erst mit Grob-, dann mit Feinputz verputzt werden. Der cremefarben erscheinende Lehmfeinputz besitzt ausgeprägt haptische Eigenschaften, aber auch eine empfindlichere Oberfläche als ein mineralischer Putz. Lediglich für die innen liegenden Wände entschied sich der Architekt für Beton, nicht zuletzt aufgrund der größeren thermischen Speicherwirkung.
In der Fassade sowie bei den Raum gliedernden Innenwänden sind gerade Wandabfolgen eher selten: Im Innern lediglich bei der Raumteilung zu den Sekundärräumen, Außen an den Einschnitten des Körpers unter den zwei markanten Auskragungen. Diese heben die jeweils unverwechselbaren Eingangssituationen hervor; den ungewohnt von der Straße abgewandten Haupteingang und den Nebeneingang der Küche in Blickrichtung zur Straße.
»Polyphone Architektur« nennt Holger Kleine sein Architekturcredo, das auf den Raum als Skulptur ähnlich wie im Barock setzt und die Individualität jedes einzelnen Raumes betont. Deren dia- ogisches Zusammenspiel versucht eine unverwechselbare Raum-Körper-Erfahrung hervorzubringen. Im Gegensatz zum Barock verzichtet er jedoch auf ornamentale Elemente. Wechselnde Oberflächen, Farben, der Kontrast zwischen dynamischer Geschlossenheit und geradezu demonstrativer Transparenz sind fast minimalistische Mittel, die überraschende Wirkungen erzielen. Als wesentliches Gestaltungselement dient ihm nicht zuletzt die Geometrie, die Konfrontation von gelenkter, leicht nachvollziehbarer Raumführung und unerwarteter Bewegung, das Einfügen eines überraschenden Elements, eines Wandkörpers oder Materials, das der Wahrnehmung Halt, Widerstand oder Fokus bietet.
Alle Haupträume des Hauses entwickeln sich aus Kreisen, die am Ende eine polyvalente Raumskulptur wechselnder Orientierung hervorbringen; einen begehbaren Körper, mit großem hölzernen Sonnendeck auf dem Dach und einer weit geschwungenen Galerie im Wohnraum, die zum einzigen Raum des Obergeschosses, zum kreisrunden Schreibzimmer, überleitet. Mit großem Schwung kragt dieser Sonderraum als eigenes Volumen weit über den Haupteingang, um eine Lücke in der Uferbebauung für einen Panoramaausblick auf den See zu nutzen.
Wie anders ist hingegen die Ausrichtung der weiteren Räume, die sehr unterschiedliche Nutzungen ermöglichen, aber eigentlich auch dem Raumprogramm einer klassischen Einkindfamilie entsprechen. Alle Räume des Erdgeschosses sind über drei hölzerne Stufen mit dem Garten verbunden. Durch weitgehend in die Konstruktion integrierte Wandschränke sowie eine Fußbodenheizung stört hier nichts den Raumfluss, alles ist integriertes Teil eines Ganzen.
Vier unterschiedliche Orientierungen zum Außenraum zeichnen den großen Wohnküchen-Seminarraum aus, der sowohl zur fast versteckten Haupteingangssituation als auch zur großzügig ver- glasten Gartenseite sowie über den »Küchentrichter« zur Straße oder über die lange Innentreppe zur Galerie und zum Sonnendeck überleitet. Viele Bewegungen treffen in diesem zweigeschossig ansteigenden Raum zusammen, der extrovertiert das asymmetrische Zentrum des Hauses einnimmt. Introvertiert hingegen sind alle angelagerten Räume – Bad und Schlafzimmer –, die über teilweise versteckte Oberlichter und Wandschlitze mit dem Außenraum verbunden sind. Die Waschtischsäule steht unter einer Oberlichtkuppel im Zentrum des türkisfarbenen Bades, über dessen Badewanne sich wiederum eine große Raumwelle wölbt. Auf der anderen Wandseite der Welle befindet sich im Gästezimmer eine große hölzerne Wandschräge, die über eine Art »Soufleurkasten« auf dem Oberdeck Licht auf das Bett lenkt.
Hier und dort finden sich weitere Farbakzente wie eine rot lackierte Wandnischenöffnung oder eine roséfarbene Toilette; ab und an auch spiegelnde Chrombänder, die mit der Wahrnehmung spielen. Ein Haus von fremdartiger Gestalt ist Holger Kleine am Steinhuder Meer gelungen, es weckt Assoziationen und entzieht sich jeder Eindeutigkeit. Ein Gebäude, das einer Meeresschnecke, einem Schiff, einer Anhöhe oder einem Observatorium ähnelt. Man verzeiht ihm darüber rasch manche Unentschiedenheit seiner Einschnitte, ihrer unklaren Definition zwischen Fläche und Körper, wie auch seine, dem weichen Material Lehm unangemessen erscheinenden, harten Wandkanten. Ein sehr individueller Weg, auf dem sich der junge Architekt befindet, von dem als nächstes die Deutsche Botschaft in Warschau realisiert wird. C.K.
Bauherr: privat Architekt: Holger Kleine Architekten, Berlin Projektleitung: Holger Kleine (Lph 1 – 3), Constantin v. d. Mülbe (Lph 4 – 8) Mitarbeiter: Stefan Fuhlrott, Alexandra Barre, Almut Seeger Tragwerksplanung: ifb Wolfgang Thal, Berlin Zimmer- und Lehmbauarbeiten: Fach und Werk Westermann GmbH, Hilgermissen Bauzeit: September 2003 – September 2004 Baukosten: 500 000 Euro Bruttogeschossfläche: 160 m² Umbauter Raum: 340 m³