Fassadengestaltung mit Putz

Das Spiel mit dem Korn

Kaum ein Material kann einem Gebäude so viele unterschiedliche Gesichter verleihen wie ein Fassadenputz. Neben den Standardtechniken wie Scheiben-, Reibe- oder Filzputz, die nie aus der Mode kommen, zieren zunehmend auch traditionelle Varianten wieder die Fassaden. Besenstrich und Kammzug etwa unterstützen die moderne Reliefgestaltung. Damit zieht die klassische Flächenaufteilung, die man von vielen Altbauten kennt, in die moderne Formensprache ein.

~Georg J. Kolbe, Leiter Produktmarketing Putz- und Fassadensysteme bei Saint-Gobain Weber

Wer durch die Straßen einer beliebigen Stadt geht, wird bestätigen: Putz ist das mit Abstand am häufigsten verwendete Material an Fassaden. Die vergleichsweise wirtschaftliche Methode der Fassadengestaltung erfreut sich quer durch alle Architekturstile großer Beliebtheit. So wie der Stoff den Stil eines Kleidungsstücks maßgeblich beeinflusst, prägt die Wahl des Putzes den Gesamteindruck eines Gebäudes. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen organischen und mineralischen Fassadenputzen. Dies ist häufig gleichzusetzen mit dünn- und dickschichtigen Putzen. Oder, um es präziser zu fassen: Organische Putze werden immer dünnschichtig in einer Schichtdicke von 2-3 mm aufgetragen, mineralische Putze können dünn-, mittel- und dickschichtig aufgebracht werden. Diese dickere Putzschicht lässt sich vielfältig strukturieren und ermöglicht eine nahezu unendliche Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Korngrösse macht den Unterschied

Je nach gewünschtem Oberflächeneindruck stehen unterschiedliche Korngrößen zur Auswahl. Mit einer Körnung von 0,5 mm lassen sich z. B. besonders feine, glatte Oberflächen realisieren. Körnungen bis zu 8 mm hingegen erzeugen ein prägnantes und aussagekräftiges Bild. Nach Jahren, in denen v. a. glatte, ebenmäßige Putzflächen gefragt waren, gibt es nun wieder eine Hinwendung zu groben Strukturen. Ebenfalls Einfluss auf das Erscheinungsbild hat die Farbe des Zuschlags. Marmor beispielsweise erzeugt in Kombination mit Kalkhydrat und Weißzement eine natürlich weiße, gleichmäßige Färbung des Putzes. Alternativ kann auch mit kontrastbildenden Zuschlägen wie Quarz gearbeitet werden. Doch sein endgültiges Aussehen hat v. a. mit der Oberflächenbehandlung nach dem Putzauftrag zu tun. Hier gibt es eine Vielfalt an Handwerkstechniken, die der Fassade den letzten Schliff geben.

Bekannt und oft im Einsatz

Weithin bekannt und oft verwendet ist der Scheibenputz. Er ist leicht zu verarbeiten und schnell strukturierbar. Die Körnungen variieren zwischen 1,5 und 4 mm. Bei der Verarbeitung wird das Material in Korngröße auf den Untergrund aufgetragen. Durch »Verscheiben« mit einem Kunststoffglätter oder einem EPS-Brett wird dann die typische Korn-an-Korn-Struktur herausgearbeitet.

Ein tieferes Fassadenbild erreicht man mit dem Reibeputz. Dieser wird in Korndicke auf den Untergrund aufgebracht und dann mit einem Kunststoffglätter strukturiert. Die Korngröße legt dabei die Strukturtiefe fest. Je nach Bewegungsrichtung der Reibung entsteht ein variables Oberflächen-Finish.

Ein besonders ebenmäßiges Bild erzeugt der Filzputz. Dies ist auf den feinen Zuschlag zurückzuführen, der der Oberfläche beim Abreiben mit einem feuchten Filzbrett eine glatte Struktur verleiht. Filzputz eignet sich gut für kleine Flächen und zur Betonung von einzelnen Bauteilen, wie z. B. Fensterfaschen.

Eine Besonderheit unter den mineralischen Putzen stellen Edelkratzputze dar: Sie bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Körnungen frei zu präsentieren, da diese nicht wie üblich mit einem Bindemittelfilm umgeben sind. Die Auftragsdicke beträgt meist 10-15 mm. Nach einer Erhärtungszeit wird die spannungsreiche Oberfläche mit einem Nagelbrett – dem sogenannten Kratzigel – bis auf eine Schichtdicke von 8-10 mm abgekratzt. Durch das herausspringende Korn entsteht die charakteristische Putzstruktur, die der Fassade eine ganz eigene Handschrift verleiht.

Besondere Strukturen

Es lohnt sich auch ein Blick auf traditionellere Putztechniken. So wurde etwa der Besenstrich, der besonders bei gründerzeitlichen Häusern zur Gliederung und für die Sockelzonen eingesetzt wurde, über viele Jahre kaum realisiert, bis die moderne Architektur die alte Handwerkstechnik wiederentdeckte. Insbesondere zur vollflächigen Bearbeitung der Hauptfassaden ist Besenstrichputz wieder sehr gefragt, entfaltet er doch gerade auf großflächigen modernen Baukörpern seine ganz besondere Wirkung.

Ein schönes Beispiel ist die Kindertagesstätte »Gerda und Rolf Schopf« (Abb. 4) in Berlin-Spandau von Anderhalten Architekten. Hier bildet der Besenstrichputz das einzige Schmuckelement des eingeschossigen Gebäudes mit Flachdach. Die unregelmäßigen, waagerechten Linien und die tief liegenden Fenster erzeugen ein lebendiges Licht-Schatten-Spiel auf dem ansonsten schlichten Baukörper.

Die Herstellung von Besenstrichoberflächen erfordert sorgsames Arbeiten und handwerkliches Können. Ein dickschichtiger mineralischer Oberputz wird in zwei Lagen mit jeweils 2-3 mm Dicke aufgetragen und noch im frischen Zustand mit einem Straßen- oder Kunststoffbesen horizontal gestrichen. So entsteht die leicht geschwungene, unregelmäßige, reliefierte Horizontalstruktur. Im Dialog mit modernen Baustoffen, wie z. B. den algenhemmenden und umweltfreundlichen »AquaBalance«-Putzen, erzeugt der Besenstrich eine haptisch reizvolle Fassade.

Harmonisches Gesamtbild

Eine ausgesprochen große Vielfalt an Putzstrukturen findet sich am Max-Planck-Gymnasium (Abb. 2 und 3) in Berlin-Mitte. Das Ensemble hat eine spezielle Geschichte, die schon in der zweiten Hälfte des 19. Jhds. mit dem Bau zweier nebeneinander liegender Schulen begann. Der Schulbau aus dem 19. Jahrhundert umfasst mehrere Gebäude mit stark unterschiedlicher Fassadengestaltung. Dort finden sich Spritz- und Edelkratzputz neben Steinputzelementen und einem in Sgraffito ausgeführten Wandbild.

Der Spritzputz wird durch mehrmaliges Aufspritzen eines feinkörnigen Mörtels hergestellt. Früher wurden dazu sogenannte Putzorgeln, bzw. in Putz getauchte Reisigbündel verwendet – heute kommen Feinputzmaschinen zum Einsatz.
Das Max-Planck-Gymnasium ist ein gutes Beispiel dafür, welches Potenzial in der Kombination unterschiedlicher Putzstrukturen liegt.