Licht im Supermarkt – zwischen Attraktion und Effizienz

Auf einer Wellenlänge mit Obst und Gemüse

Nach vielen Jahren der Discounter-Dominanz wandelt sich die Erscheinung deutscher Supermärkte in jüngerer Zeit: Architektur und Design halten Einzug, und damit auch ein differenzierter Umgang mit Beleuchtung. Neue Technologien für Tages- und Kunstlicht verbinden Energieeffizienz mit attraktiver Einkaufsatmosphäre.

Text: Martin Krautter, Fotos: HG Esch, Dirk Vogel

Die größte Innovation, die von Deutschland aus weltweit den Einzelhandel eroberte, war das Discount-Prinzip der Gebrüder Albrecht. Letztlich »verdanken« wir den Aldi-Gründern und ihren großteils ebenfalls in Familienbesitz befindlichen Wettbewerbern, dass wir Deutschen zwar vergleichsweise wenig für unsere Lebensmittel bezahlen, dafür aber auch die längste Zeit in reichlich frugaler Atmosphäre einkaufen mussten: Jeder über das absolut Notwendige hinausgehende Aufwand beim Ladenbau war im System Discounter nicht nur Kostenfaktor, sondern ein falsches Signal an den Verbraucher, das den Anspruch auf Preisführerschaft unterminierte. Und die anderen Supermarktbetreiber – ob aus Einfallslosigkeit oder Kostendruck – orientierten sich in der Gestaltung ihrer Läden lange Zeit nach unten, anstatt sich kreativ zu differenzieren. Doch das Discount-Prinzip scheint ausgereizt, in jüngerer Zeit ist Bewegung in den Auftritt deutscher Supermärkte gekommen – und selbst Aldi lässt sich heute von Architekten und Lichtplanern beraten.
Ausgereizt: Das Prinzip Discounter
Waren es die positiven Vorbilder aus Nachbarländern wie M-Preis, Spar und Sutterlüty in Österreich, Coop und Migros in der Schweiz? Neue Wettbewerber insbesondere aus dem Bio-Segment? Schlichter Überdruss am Einheitsbrei? Zunehmend gibt es jedenfalls auch hierzulande Architektenentwürfe für Supermärkte statt Fertigteilhallen, offene Stahl- und Holztragwerke statt Betondecken, in Materialien und Formen differenzierte Innenarchitekturen und ebenso differenzierte Beleuchtungskonzepte. Dabei kommen im Interesse von Energieeffizienz und Nachhaltigkeit einerseits neue Technologien wie LED oder Tageslichtsteuerung andererseits die bewährten Ansätze einer intelligenten, wahrnehmungsorientierten Lichtplanung zur Anwendung.
Licht erfüllt in einem Supermarkt viele, teils widersprüchliche Aufgaben: Es dient der räumlichen Orientierung, der Wahrnehmung der Waren, es soll den Kunden in Kauflaune versetzen und zugleich den Beschäftigten funktionale Arbeitsbedingungen bieten. Viele Jahre lang war uniformes Leuchtstofflicht der Standard – wirtschaftlich v. a. in der Planung, Beschaffung und Montage; funktional aber immer ein schlechter Kompromiss. Der Ausweg ist, die einzelnen Zonen und Funktionsbereiche eines Supermarkts differenziert zu betrachten und mit der Beleuchtung auf die jeweiligen Anforderungen einzugehen.
Königsweg Differenzierung
Relativ früh begannen die Märkte damit bei den frischen Produkten wie Obst und Gemüse, Backwaren sowie Wurst- und Fleischwaren, da diese Bereiche im diffusen Einheits-Lichtbrei besonders trostlos wirkten. Die Lichtparameter, die hier für Attraktivität sorgen, sind auf die Produkte abgestimmte Lichtfarben und spektrale Zusammensetzungen sowie gerichtetes Licht, um Plastizität, Glanz und Reflexe zu erzeugen. Der Grat zwischen Attraktion und Manipulation ist schmal: Verständlicherweise fühlt sich der Verbraucher verschaukelt, wenn allzu dick aufgetragene Spezialbeleuchtung verhindert, die Reife von Tomaten oder die Frische von Fleisch objektiv zu beurteilen. Wurde die spektrale Zusammensetzung der Beleuchtung bisher v. a. über die Kombination spezifischer Leuchtmittel und entsprechender Korrekturfilter gesteuert, bietet die LED-Technik jetzt weitaus flexiblere Möglichkeiten: Farbmischleuchten mit individuell steuerbaren Farbkanälen erlauben eine individuelle Abstimmung des Lichtspektrums auf die jeweilige Ware, bis hin zur Nutzung sogenannter Metamerie-Effekte. Diese beruhen darauf, dass weiß erscheinendes Licht spektral ganz unterschiedlich zusammengesetzt sein kann und dadurch auch Körperfarben verschieden darstellt. Hersteller experimentieren sogar mit LED-Strahlern, die sich über Sensoren automatisch auf die angestrahlten Objekte einstellen und deren Farbe satter wirken lassen: Im Feldversuch soll das zu signifikant höherem Absatz bei Obst und Gemüse geführt haben. ›
Eine Sahnetorte ist kein Streuselkuchen
Die Parameter Lichtfarbe und Farbwiedergabe lassen sich nun für das gesamte Sortiment durchdeklinieren: Warmes, goldtoniges Licht für Backwaren – außer für Sahnetorten, deren Weiß unter neutralem Licht frischer wirkt. Kühl-neutrales Licht für frischen Fisch, rosiges Licht für Wurst und Fleisch. Die bunt verpackten Regalwaren, insbesondere Kosmetik und Drogerieprodukte, benötigen Lichtquellen mit einem hohen Farbwiedergabeindex Ra. Kühltruhen und -regale wirken in ebenfalls kühler Beleuchtung plausibler; nicht zuletzt unterstützt eine solche Zonierung durch Lichtfarben die Orientierung des Kunden im Geschäft. Ebenso wichtig ist die Differenzierung durch Helligkeit und Lichtrichtung. In neueren Supermärkten ist stets eine Reduzierung der Allgemeinbeleuchtung zu beobachten, oft noch verstärkt durch dunklere Materialoberflächen. Nur vor einem derart gedämpften Hintergrund kann effizient mit akzentuierenden Lichtkontrasten gearbeitet werden, denn unser Sehapparat nimmt Helligkeit logarithmisch wahr. Man benötigt also für einen deutlich wahrnehmbaren Kontrast doppelt so hohe Beleuchtungsstärken, und damit auch die doppelte Leuchtenleistung. Mit gerichtetem Licht lässt sich die Aufmerksamkeit des Kunden lenken, denn instinktiv ziehen hohe Leuchtdichten unseren Blick an. Typisch ist die Hervorhebung von Aktionsflächen oder dem sogenannten Gondelkopf an den Enden der Regalreihen.
Effizienz gleich Planung mal Technologie
Dass die Warenpräsentation und Ausschilderung in einem Supermarkt hauptsächlich auf der Vertikalen stattfindet, klingt banal, wurde aber lange genug ignoriert. Moderne Lichtkonzepte arbeiten – zumindest in Bereichen mit hochpreisiger Ware wie Wein oder Spirituosen sowie an der Raumperipherie – mit asymmetrisch abstrahlenden Wandfluteroptiken, die sich am Regal- respektive Wandverlauf orientieren. Letztlich ist der planerische Schlüssel zur Effizienz, das Licht nicht diffus im Raum zu verteilen, sondern gezielt, in abgestimmter Menge und Qualität nur dorthin zu befördern, wo es der Wahrnehmung auch dient. Während diese Ansätze an sich altbekannt sind und in Supermärkten lediglich noch nicht allzu lange Anwendung finden, führen technologische Innovationen zu weiteren Effizienzsprüngen. LED finden im Supermarkt nicht nur als verkaufsfördernde Effektbeleuchtung statt, sondern auch als hochwertige, wartungsfreie und energiesparende Allgemein-, Akzent- und Vertikalbeleuchtung. In den allgegenwärtigen Kühlmöbeln spielen LED den Vorteil aus, dass sie im Gegensatz zu den bisher verwendeten Leuchtstofflampen bei tiefen Temperaturen immer effizienter werden.
Tageslicht wird beherrschbar
Neue Technologien zur Tageslichtsteuerung und -kontrolle ermöglichen auch die Nutzung dieser unerschöpflichen und umweltfreundlichen Lichtquelle, die in den Supermärkten von gestern keine große Rolle spielte: Zu schwierig war der Umgang mit UV- und Wärmeeintrag und den großen Helligkeitsschwankungen. Steigende Energiekosten sorgen dafür, dass sich auch aufwendigere Tageslichttechnik inzwischen rechnet. Oberlichter mit Prismen- oder Rastersystemen, automatische Jalousien und tageslichtabhängige Kunstlichtsteuerungen sind keine Seltenheit mehr. Schrittmacher all dieser Lösungen sind oft die weniger etablierten Bio-Supermarktketten oder regionale Anbieter, die sich das Thema Ökologie explizit auf die Fahnen geschrieben haben – und die Großen der Branche ziehen zumindest mit einzelnen Modellmärkten nach, um in Sachen Image nicht ins Hintertreffen zu geraten. Ein rundum glaubwürdiges, nachhaltiges Einkaufserlebnis braucht einen gestalterischen Ausdruck – eben in Form von hochwertiger Architektur mit nachhaltigen Materialien und energieeffizienten Konzepten bei Haustechnik und Beleuchtung. So verdanken wir den großen ästhetischen Sprung der deutschen Supermärkte letztendlich auch einer Bewegung, die einst mit Astkieferregalen, schorfigen Äpfeln und selbstgestrickten Pullis begann. •

Licht im Supermarkt (S. 38)
Martin Krautter
Industriedesign-Studium an der HfG Offenbach. 1998- 2013 Verantwortung für die Medienarbeit und Redaktion bei ERCO in Lüdenscheid. Freier Autor und Journalist in Offenbach a. M.